Die Entwicklung der Klettersteige

Der Ferrata-Boom

Die Zahl der Klettersteige in den Alpen hat sich im letzten Jahrzehnt beinahe ver­doppelt – wie soll es weitergehen? Wie sehen die Alpenvereine die Entwicklung? Wir haben den Versuch einer Standortbestimmung in Sachen »Eisenwege« gemacht.
Von Christian Schreiber

 
Viele moderne Klettersteige werden als »Fun-Steige« angelegt, die auch mit Kindern begangen werden können; beide Bilder zeigen den Brunni-Klettersteig bei Engelberg (Fotos: Engelberg-Titlis/Christian Perret) © Engelberg-Titlis/Christian Perret
Viele moderne Klettersteige werden als »Fun-Steige« angelegt, die auch mit Kindern begangen werden können; beide Bilder zeigen den Brunni-Klettersteig bei Engelberg
Im Allgäu gibt es seit dem vergangenen Sommer zwei neue Klettersteige, in der Schweiz hat sich ihre Zahl in den vergangenen Jahren auf 50 verdoppelt. Und in Österreich hat selbst der Alpenverein (ÖAV) keinen Überblick mehr: »50 bis 60 neue Steige gibt es pro Jahr. Die schießen wie die Schwammerl aus dem Boden«, sagt Josef Essl, zuständig für Naturschutz-Themen. Er muss zugeben, dass der ÖAV kaum Einfluss hat und den »Wildwuchs« nicht verhindern kann. Da hilft auch der »Kriterienkatalog für die Errichtung von Klettersteigen« nichts, der zusammen mit dem DAV verfasst wurde. Zwar brauchen die Sektionen die Zustimmung des Hauptvereins. Aber bei seinen Bergführern beißt der ÖAV schon auf Granit: So hat eine Bergschule in die Säuleck-Südwand (Hohe Tauern) einen Klettersteig gebohrt, obwohl der ÖAV dagegen war. Und Tourismusverbände und Liftbetreiber lassen sich gar nichts vorschreiben. »Der Winter wird immer schwächer, also versucht man sich ein Standbein im Sommer aufzubauen.« Dabei bestätigen laut Essl Umfragen, dass nur eine Minderheit neue Klettersteige befürwortet.

»Ich glaube kaum, dass man einen Anreiz schaffen würde, wenn es keine Nachfrage gäbe«, erklärt dagegen DAV-Präsident Heinz Röhle. Anders als der ÖAV hat der deutsche Dachverband bis 2007 neue Klettersteige strikt abgelehnt, dann aber seine Satzung geändert, sodass Sektionen jetzt Anlagen bauen können. »Bergsport wurde ja nicht vor 150 Jahren in Stein gemeißelt.« Neuen Entwicklungen könne man sich nicht verschließen. »Als ich in den 70er- und 80er-Jahren extrem geklettert bin, habe ich mir auch nicht vorstellen können, dass es zu solch einer Entwicklung bei den Steiganlagen kommen würde«, erklärt Röhle, der als ehemaliger Vorsitzender des DAV-Umweltausschusses gegen neue Eisenstifte und Leitern gekämpft hatte.

Klettersteige für Touristen

Weil auch touristische Interessen von Bergbahnen und Gemeinden hinter dem Bau neuer Steige steckten, habe man sich entschlossen, die ablehnende Haltung aufzugeben. »Wer nicht dabei ist, hat sein Recht verwirkt, massiv als Gegner aufzutreten.« Er ist überzeugt davon, dass seine Organisation mehr Einfluss ausüben kann als der ÖAV. Zum einen seien weite Teile der bayerischen Alpen in staatlicher Hand, zum anderen die behördlichen Auflagen in Deutschland viel strenger. »Wir wollen nicht, dass das Gebirge zu einem Funpark wird. Spektakuläre Einbauten in einen Klettersteig lehnen wir generell ab.«

Der Schweizer Alpenverein SAC hat schon 2005 in seiner »Klettersteig-Charta« festgeschrieben: »Größere Bauwerke, wie z. B. Tyroliennes (Seilbahnen, Anm. d. Red.) und Hängebrücken, sollen die Ausnahme bleiben.« Es dürfe kein »Wettrüsten« stattfinden. Der Erfolg? Im Sommer wurde im Kanton Bern der Gantrisch-Klettersteig eröffnet  –  mit 80 Meter langer Nepalbrücke und Seilbahn (60 Meter). Die Naturschutz-Organisation »Mountain Wilderness« hatte die Charta von Anfang an für unzureichend erklärt. Sprecher Jan Gürke hat mit der aktuellen Entwicklung ein Problem: »Sobald kommerzieller Druck hinter einem Klettersteig steckt, besteht die Gefahr, dass über Naturschutz und Berg-Ethik-Fragen hinweggesehen wird.« Im Oberjoch (Allgäu) wurde im vergangenen Jahr der jüngste Klettersteig auf deutschem Boden eröffnet  – mit Unterstützung der Iselerbahn und dem Bergsport-Ausrüster Salewa, der 80.000 Euro in den Steig gesteckt und ihn nach dem Unternehmen benannt hat. »Der Steig wurde geprüft von Wildbiologen, das Projekt ist sehr gut geplant und erfüllt alle Kriterien des DAV«, erklärt Sprecherin Constanze Bresgen. »Es handelt sich um eine einmalige Sache, wir wollen keine Serie daraus machen und keine Werbeschlacht eröffnen.« Laut Salewa ist es der erste Steig im Alpenraum, der mit Hilfe einer Sportartikel-Firma gebaut wurde.

»Aus den Bergen soll ein Ganzjahres-Business werden«

Der Fachverband der Seilbahnen Österreichs hat keine Daten darüber, wie viele Klettersteige mit Unterstützung seiner Mitglieder errichtet wurden. »Die Zahl ist verschwindend gering«, sagt deren Sprecher Erik Wolf. Auch sonst stiehlt sich der Verband aus der Verantwortung. Ihm sei kein Fall bekannt, in dem ein Bergbahn-Unternehmer den Bau eines Steiges selbst in die Hand genommen hat. »Es ist doch ein ziemlicher Unterschied, ob ich mich beteilige oder ob ich selbst plane.« Die Liftbetreiber hätten nämlich »kein kommerzielles Interesse« an Klettersteigen. Komischerweise hat der Verband aber laut Wolf für den Fall der Fälle eine »Infogrundlage, wie man Projekte ökologisch umsetzt«. Es mache auch keinen Sinn mit Hilfe von Klettersteigen die Sommersaison zu stärken. »Es gibt kurz- und mittelfristig keine Alternative zum alpinen Winter.« Helmut Müller, Chef des Seilbahnbauers Input, widerspricht allerdings: »Aus den Bergen soll ein Ganzjahres-Business werden.«

Eugen E. Hüsler, Autor zahlreicher Klettersteig-Bücher, findet es »legitim«, dass sich Tourismusverbände und Seilbahnen am Bau neuer Anlagen beteiligen. Nachdem sich der DAV dem Thema geöffnet hat, werde in Deutschland in den nächsten Jahren »einiges Neues entstehen«. Trotzdem glaubt Hüsler: »Es ist nicht zu erwarten, dass die Alpen von einem Netz von Klettersteigen überzogen werden.« Schließlich gäbe es auch Tendenzen in die andere Richtung: In Frankreich etwa herrscht derzeit ein Bau-Stopp für neue Klettersteige. »Ich sehe vor allem eine Entwicklung weg vom alpinen Klettersteig zu einer künstlichen Art der Fortbewegung im Gebirge. Man baut einen Spielplatz und da rennen die Leute rum.« Letztlich sei es aber eine logische Konsequenz. »Beim Klettern gab es eine ähnliche Entwicklung. Die großen Wände rückten aus dem Interesse, das Sportklettern enstand und so sind als letztendliche Konsequenz Kletterhallen die Folge.«

Handlungsbedarf sieht Hüsler an einem anderen Punkt. Wer nur talnahe Sportklettersteige kenne, könne im Hochgebirge Probleme bekommen. »Ich bin in alpinen Klettersteigen immer wieder Leuten begegnet, die noch nie einen richtigen Berg bestiegen haben.« Diese seien mit den Gefahren in der Höhe nicht vertraut. Hüsler fordert deshalb eine klare Trennlinie zwischen beiden Spielarten schon bei der Benennung: »In welche Kategorie gehört der Klettersteig? Und dann geben wir ihm noch eine andere Bezeichnung, damit es auch der Dümmste merkt, um welche Art von Steig es sich handelt.«
Von Christian Schreiber
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren