The Place of Happiness | BERGSTEIGER Magazin
Expedition zur derzeit schwierigsten Freikletter-Bg-Wall Brasiliens

The Place of Happiness

Expeditionen in ferne Länder sind mit vielfältigsten Gefahren verbunden – Sturm, Steinschlag, Eis, wilde Tiere. In Brasilien sind die Gefahren ganz anderer Art. Das mussten die Teilnehmer einer internationalen Kletter-Expedition feststellen, als sie den derzeit schwierigsten Freikletter-Big-Wall Brasiliens eröffneten. Von Stefan Glowacz (Text) und Klaus Fengler (Fotos)

 
Stefan Glowacz in der 11. Seillänge von »The Place of Happiness«, eine der schönsten Seillängen, die Stefan in seiner Kletterkarriere steigen durfte © Klaus Fengler
Stefan Glowacz in der 11. Seillänge von »The Place of Happiness«, eine der schönsten Seillängen, die Stefan in seiner Kletterkarriere steigen durfte
Die aufsteigenden Rauchwolken der Feuerwerkskörper tauchten die nächtliche Szenerie in ein gespenstisches Licht. Die Luft war erfüllt vom ohrenbetäubenden Getöse der Trommeln und von den Schreien der aufgebrachten Menschenmenge. Sie sahen rot, und das schon zum dritten Mal an diesem Tag. Es war der Tag des großen Finales. Die Emotionen kochten hoch beim wichtigsten Fußballspiel des Jahres. Bevor er den Platz verließ, schlug der Rotsünder noch einmal kurz auf den Schiedsrichter ein, und die Polizei stürmte mit Schlagstöcken das Spielfeld. Nein, es spielte nicht die Nationalmannschaft von Brasilien gegen Argentinien um die Ehre einer ganzen Nation. Es trat lediglich die südliche gegen die nördliche Dorfhälfte von Sao Jose do Divino an, einem kleinen Ort irgendwo in der tiefsten Provinz  Brasiliens.
Das Spiel war ein Ereignis, auf das die gesamte Region schon seit Monaten hinfieberte. Aus allen Richtungen strömten die Menschen in klapprigen Autos, überfüllten Bussen, Pferden, und sogar auf den Rücken ihrer Kühe reisten sie an, um ihre Teams, vor allem aber sich selbst zu feiern. Letztendlich war es dann auch egal, wer das Spiel gewonnen hatte. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff gab es kein Halten mehr. Die Kofferraumhauben der gepimpten Schrottautos Modell »Jugendtraum« flogen auf und aus Boxen, die den ganzen Kofferraum ausfüllten, schrillten ohrenbetäubend laut südamerikanische Rhythmen. Und mit dem ersten Takt flogen auch schon die Hüften der Mädchen. Und wir waren mitten im Geschehen…

Eigentlich waren wir ja in einer ganz anderen Mission unterwegs. Unser internationales Kletterteam, bestehend aus Holger Heuber, dem Brasilianer Edimilson Padiha, dem Argentinier Horacio Gratton, dem Fotografen Klaus Fengler und mir, wollten sich ausschließlich auf die Erstbegehung des 800 Meter hohen Pfeilers des Piedra Riscada konzentrieren. Doch in Brasilien läuft vieles etwas anders. Der ganze Ort wusste sofort von unserer Ankunft. Wir waren die Attraktion, neben dem Fußballspiel natürlich. Die graue Eminenz von Sao Jose do Divino heißt Edimilson Duarte, Sohn des ehemaligen Bürgermeisters, Rockmusiker, Farmer, leidenschaftlicher Hobbypolitiker und vor allem Chefvisionär des Ortes. In seinen kühnen Träumen sieht Edimilson bereits die großen Touristen- und Klettererströme an den Piedra Riscarda pilgern. Immerhin ist dieser Felsklotz der größte Felsmonolith Südamerikas, der Ayers Rock von Brasilien sozusagen. In weiser Voraussicht hatte er nur wenige Kilometer von dem Berg entfernt ein »guest house« gebaut, das in dieser lieblichen Landschaft wie eine Marsstation der NASA anmutet.

Geschickt baute er uns in sein politisches Programm ein, und wir lernten ziemlich schnell die wichtigen Honoratioren, alles ehemalige Bürgermeister dieses Ortes, kennen. Der für unsere Belange sicher wichtigste Mann war der Polizeichef – natürlich ebenfalls ein ehemalige Bürgermeister. Nach einigen Gläsern Cachaça, dem selbstgebrannten Zuckerrohrschnaps, der Unerfahrene schon nach wenigen Gläsern blind und willenlos macht, legte er uns väterlich den Arm um die Schulter und lallte augenzwinkernd: »Jungs, egal was ihr anstellt, ihr steht unter meiner Obhut!« Wäre da nicht unsere Mission gewesen, wir hätten diesen Freibrief sicher wesentlich stärker genutzt…

Ein gigantischer Schiffsbug

Es waren geradezu paradiesische Zustände! Edimilson stellte uns sein »guest house« als Basislager zur Verfügung und rückte jeden dritten Tag mit einer anderen Delegation von Gemeinderäten und ehemaligen Bürgermeistern an. Vom »basecamp« waren es 15 Minuten mit dem Auto über mit Schlaglöchern übersäte Feldwege an den Berg – und über 90 Minuten bis in die Stadt – eigentlich weit weg von allem Übel und Laster, doch in Brasilien nicht weit genug…

Schon von weitem erkennbar, erhebt sich der Piedra Riscarda als riesiges Fels- Bollwerk über den Tälern. Gewaltige Wandabbrüche säumen seine Flanken, und als wir ihn zum ersten Mal aus der Entfernung sahen, hatten wir das Gefühl, ein neues Yosemite Valley entdeckt zu haben. Wie Riesenpilze wachsen die Granitdome bis zum Horizont, keiner von ihnen weniger als 300 Meter hoch. Doch man hatte uns gewarnt. Die Wände sind nicht nur völlig strukturlos, ohne ein einziges Risssystem, sondern auch übersät mit Pflanzen. Einen Botaniker hätte dieser Anblick in höchste Verzückung versetzt, uns überkam das kalte Grausen. Nur dieser gigantische Schiffsbug, die rechte Begrenzungskante der Piedra-Riscarda-Südwand, hielt allen Zweifeln stand. Für ihn waren wir um die halbe Welt geflogen, er war unser Schatz. Neben den Verführungen durch die brasilianische Lebensart hatten wir nun noch mit zwei weiteren Problemen zu kämpfen: zum einen der kompakten Wandstruktur, die nur in zwei Verschneidungsseillängen Klemmkeile zur Absicherung zuließ; alles andere mussten wir ausschließlich mit Bohrhaken absichern. Das zweite Problem war die früh einsetzende Dunkelheit, aufgrund der Nähe zum Äquator ist es in dieser Region spätestens um 18 Uhr stockdunkel.


Erstbegehung in Brasilien

Aus Höflichkeit überließen Holger und ich unseren südamerikanischen Freunden den Vortritt; bei einer Erstbegehung ist das bei uns so üblich. Wer jedoch die ersten 200 Meter dieser Wand genauer betrachtet, könnte auch böse Absicht dahinter vermuten. Flache Reibungsplatten brachten die Füße und absolute Windstille das Hirn in der Mittagshitze zum Kochen. Bevor wir die Wandmitte erreichten, kehrten wir jeden Abend zurück ins Basislager. Es machte einfach keinen Sinn, nur wenige Seillängen über Grund ab sechs Uhr abends im Biwak zu sitzen. Außerdem mussten wir die Akkus unserer Bohrmaschine laden, und da waren ja auch noch unsere politischen und die intensiven »gesellschaftlichen Verpflichtungen« in Sao Jose do Divino. So ergab es sich, dass nach wenigen Tagen abwechselnd ein Team in der Wand und eines im Ort »arbeitete«.

Mit zunehmender Wandhöhe spitzte sich unsere Situation dramatisch zu. Nicht nur die Kletterei wurde immer schwieriger, sondern auch der Zustand im Basislager. Unsere südamerikanische Seilschaft kam kaum noch zur Ruhe; mittlerweile erhielten die beiden regen Besuch in unserem »guest house«, nicht nur von den Gemeinderäten und Edimilson Duarte…Höhepunkt dieser Doppelbelastung war ein Rockkonzert, auf dem unser Gastgeber höchst persönlich einen Gig hatte und bei dem unser Erscheinen selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Das Konzert fand im Nachbarort von Sao Jose de Divino statt, weitere 40 Kilometer entfernt. Gleich nach Einbruch der Dunkelheit machten wir uns auf den Weg. Kaum hatten wir das Fest erreicht, war Edi, unser Fahrer, für den Rest der Nacht wie vom Erdboden verschwunden. So kamen wir erst im Morgengrauen zurück ins Basislager, zogen uns um und fuhren gleich weiter zum Klettern. Bei »normalen« Expeditionen besteht die Gefahr darin, dass durch unvorhersehbare Ereignisse wie Eis- und Steinschlag, schlechtes Wetter oder Krankheiten, eine Erstbegehung  scheitert. In Brasilien dagegen sind die Gefahren wesentlich subtiler und meist nicht auf den ersten Blick zu erkennen…

Dann folgte der »Abgang«

Den Preis zahlten wir zuverlässig jeweils an der nächsten Cliffstelle. Jeden einzelnen Haken bohrten wir aus einer Cliffposition – passend zu den anderen Aktivitäten unserer Doppelbelastung ein einziges Glücksspiel! Vorsichtig schoben wir die Cliffhänger über vorstehende Kiesel, und bis zum Schluss fanden wir nicht heraus, welcher das Körpergewicht halten könnte und welcher nicht. Und wenn der Cliff nicht hielt, folgte der unausweichliche »Abgang« in den letzten Bohrhaken. Stundenlang saßen wir regungslos im Schlingenstand, kaum ein Absatz oder Vorsprung in der ganzen Wand erleichterte uns die Qualen. Noch nie waren wir an solch einer verrückten Granitstruktur geklettert – steile bis überhängende Wandkletterei im besten Fels. In Wandmitte installierten wir unsere Portaledges, und waren zumindest für zwei bis drei Tage, bis die Akkus leer gebohrt waren, in Sicherheit. An den Abenden konnten wir auf der unter uns liegenden Felsschulter die Affen beobachten, die in beneidenswerter Geschicklichkeit über die Felsen jagten. Hier oben kehrte in der Abenddämmerung Ruhe ein, äußere wie innere. Nur ganz vereinzelt blitzte in der Dunkelheit in einem der Täler das Licht einer Farm auf. Ansonsten war bis zum Horizont kein Anzeichen von Zivilisation erkennbar. Es war »The place of Happiness«, und es gab auch keinen besseren Routennamen für unser Juwel.

Momente des Glücks

Am Morgen lagen die Täler noch im Schatten und wurden überzogen von einer wie durchsichtiger Seide feinen Nebelschicht – nach vielen Expeditionen in  entlegene und bedrohliche Winkel dieser Erde, ein für uns ungewohntes Gefühl der Sicherheit, Ruhe und Harmonie. Es gab keinen Steinschlag und keine patagonischen Stürme, die uns aus der Wand fegen wollten. Das sind diese Augenblicke, die wir Kletterer suchen – die persönlichen Grenzbereiche, aber auch solche friedlichen Momente, die für uns wahren Reichtum und Glück bedeuten. Augenblicke und Erfahrungen, die wir nie vergessen werden. Wir reisen schon lange nicht mehr um die halbe Welt, nur um uns irgendwo an einer Wand an kleinen Griffen festzuhalten. Es sind die Gegensätze der fremden Kulturen und Lebensweisen, die uns faszinieren und die genauso wichtig sind wie die sportliche Herausforderung.

Die letzten Tage verbrachten wir alle zusammen in der Wand und standen nach zehn nervenaufreibenden Tagen auf dem Gipfel. Wir sind hart geklettert und hatten schwer gefeiert: Erfahrungen und Augenblicke, an die wir uns wehmütig erinnern werden, wenn wir wieder einmal in einer patagonischen Eishöhle oder einem Iglu in Baffin Island sitzen. Denjenigen, die neugierig auf das Klettern in Brasilien geworden sind, empfehle ich eine hervorragende Finger- und Nervenkraft. Vor allem jedoch eine sehr solide Trinkfestigkeit, einen ausgezeichneten Hüftschwung und ein paar charmante portugiesische Redewendungen…
 
Eine etwas andere Kletter-Expedition (Fotos: Klaus Fengler)
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren