Durchs Riesenreich - Höhenwege im Aostatal

Die »Tour der Giganten« folgt den beiden Höhenwegen Alta Via Nr. 1 und Nr. 2 und umrundet das gesamte Aostatal, zu Füßen prominenter Bergriesen wie Gran Paradiso, Monte Rosa, Matterhorn und Mont Blanc.

 
Durchs Riesenreich - Höhenwege im Aostatal © Franziska Baumann
Großes Finale auf der Alta Via Nr. 1: Mont-Blanc- Massiv und Grandes Jorasses beim Abstieg ins Val Ferret.
Die »Tour des Géants« im Aostatal zählt zu den härtesten Bergläufen. Jedes Jahr im September treffen sich rund 500 Teilnehmer in Courmayeur, am Fuß des Mont Blanc, um auf der anspruchsvollen Strecke ihre Grenzen auszutesten. Tour der Giganten – das trifft auf die Läufer zu, die bei dem Wettbewerb fast Übermenschliches leisten, vor allem aber auch auf die Landschaft. 

Die meisten aber, die auf diesen Wegen unterwegs sind, erkunden die Region im äußersten Nordwesten Italiens ohne Eile und ohne Rekordversuche. Dann bleibt Zeit für Begegnungen mit den Menschen und Muße, besondere Stimmungen zu genießen. Genügend Zeit auch, um den Geschichten zuzuhören, die Bergführer Eddi erzählt. Wer es eilig hat, dem wird auch manch kulinarischer Genuss entgehen. Viele Hütten kaufen bei Betrieben vor Ort ein und tischen regionale Spezialitäten auf.

Die autonome Provinz Aostatal an der Grenze zu Frankreich und dem Schweizer Kanton Wallis ist eine Region der Gegensätze. Wie ein riesiges Amphitheater wird das Tal von Drei- und Viertausendern eingerahmt. An die 200 Gletscher trotzen noch der weltweiten Erwärmung. Das Klima rund um den Hauptort Aosta ist dagegen trocken und warm mit reichlich Sonnenstunden – beste Bedingungen für den Weinanbau.

Am Fuß der Viertausender

 
Höhenwege im Aostatal
Auf Höhenwegen über dem Aostatal (© E. Romanzi)
Auf Höhenwegen erleben Wanderer einige der berühmtesten Viertausender der Westalpen, den Monte Rosa aus nächster Nähe und müssen dennoch kaum überlaufene Hütten und Wege befürchten. Ein Klassiker ist die Alta Via Nr. 1, der »Höhenweg der Giganten« getauft wurde. Er startet im Gressoney-Tal am Fuß des Monte Rosa und zieht sich über die gesamte Nordseite des Aostatals. 

Am Col Champillon über der gleichnamigen Hütte beginnt das Finale der Alta Via Nr. 1. Zum ersten Mal taucht die weiße Firnkrone des Mont Blanc auf, die nun immer näher rücken wird. Auch von diesem Pass geht es wieder über 1000 Höhenmeter bergab in das Gebiet unter dem Großen-Sankt-Bernhard-Pass. Das Aostatal ist seit Jahrtausenden Durchgangsstation auf dem Weg vom Norden der Alpen in den Süden und umgekehrt.

Heute bohrt sich ein knapp sechs Kilometer langer Tunnel durch den Berg, so dass die Reise ins benachbarte Wallis nur wenige Minuten dauert.  Éternod, Laval, Couchepache – kleine Dörfer nehmen den Wanderer mit auf eine Zeitreise. Mit Schieferplatten gedeckte Dächer glänzen in der Sonne. Ein schmaler Pfad schlängelt sich durch ein lang gestrecktes Hochtal zum höchsten Punkt der Alta Via Nr. 1 hinauf, dem 2928 Meter hohen Col Malatrà.

Auf den Almen weidet das Vieh wie eh und je, wird die Milch zu Käse wie dem rahmhaltigen Fontina verarbeitet. Das Rifugio Frassati unterhalb des Col Malatrà holt die Wanderer in die Gegenwart zurück. Mit seiner verschachtelten Architektur und der grauen Verkleidung erinnert das 2011 eröffnete Berghaus an eine Raumstation. Das Rifugio Frassati steht unter der Leitung der Organisation Mato Grosso, einer sozialen Vereinigung, die mit ihren Einnahmen Projekte in Südamerika unterstützt. 
 

Grandioses Finale in Courmayeur

Der kleine Felsdurchschlupf des Col Malatrà ist für die Bergläufer die letzte Herausforderung auf der »Tour des Géants« und für Trekker noch einmal ein echtes Highlight. Mont Blanc und Grandes Jorasses scheinen beim Abstieg ins Val Ferret zum Greifen nah. Atemberaubende Ausblicke – da tut es gut, auf der Terrasse des Rifugio Bonatti, vis-à-vis der Granitkolosse, tief Luft zu holen, bevor es nach Courmayeur hinunter geht. Der zweitgrößte Ort des Aostatals, das italienische Pendant zu Chamonix, ist wegen seiner prominenten Bergkulisse und seiner heilkräftigen Thermalquellen seit langem ein Anziehungspunkt für Touristen. Alpinismus hat in Courmayeur Tradition. Die seit 1850 bestehende Bergführervereinigung ist die zweitälteste nach Chamonix.

Für die Bergläufer ist Courmayeur ein Ort großer Emotionen. Sie sind am Ziel, die Strapazen haben ein Ende. Hinter den Weitwanderern liegt eine Traumtour – und vor ihnen der nächste Höhenweg im Angesicht eines Viertausenders: Die Alta Via Nr. 2 führt mitten hinein in den Nationalpark Gran Paradiso. Ein Grund, ins Tal unter den Berggiganten zurückzukehren.
Durchs Riesenreich - Höhenwege im Aostatal. Text und Fotos: Franziska Baumann
Fotos: 
Franziska Baumann
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