Bergtour auf den Habicht im Stubaital | BERGSTEIGER Magazin
Auf Tour in den Stubaier Alpen

Bergtour auf den Habicht im Stubaital

Anfang des 19. Jahrhunderts galten die Alpengipfel vielen noch als Hort von Hexen. Der Priester Peter Carl Thurwieser sah das völlig anders. Für ihn war Bergsteigen Hobby und wissenschaftliche Herausforderung. Im Herbst 1836 stand er als erster Bergtourist auf dem Habicht im Stubaital.

 
Herbstgipfel im Stubai © Andreas Strauß
Herbstgipfel im Stubai
Wer’s glaubt, wird selig. Sagt der Volksmund, wenn die Zweifel an einer Geschichte überwiegen. Ob der Herr im Frack wirklich geglaubt hat, dass er auf einen der drei höchsten Gipfel Tirols steigt? Vom Glauben verstand er etwas, schon von Berufs wegen. Peter Carl Thurwieser, geboren am 30. Mai 1789, war Pfarrer, später Professor am Lyzeum Salzburg und schließlich Kustos der Universitätskirche, die heute zum Weltkulturerbe »Historisches Zentrum der Stadt Salzburg« gehört. In seiner Freizeit ging er zum Bergsteigen. 

Eine schöne Herbsttour in den Stubaiern soll es werden, als Thurwieser am 1. September 1836 nach Fulpmes kommt und als ortskundigen Führer den Feilenhauer Ingenuin Krößbacher engagiert. Jäger, Bauernburschen und Handwerker sind froh um den kleinen Zusatzverdienst – Hobbybergsteiger kommen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eher selten ins Stubaital. So ist Thurwieser sogar der erste Tourist, der auf dem Hager, dem Habicht, stehen wird.

Der erste Bergtourist im Stubai

Weshalb es ausgerechnet der Habicht sein muss, liegt auf der Hand: Er gilt als der »heachste im ganzen Land«. Die mächtige Berggestalt aus dunklem Glimmerschiefer sticht ins Auge und hebt sich von den vielen anderen Gipfeln ab. Der Habicht wirkt besonders imposant. Vier Gletscher und Firnfelder sind in den Hochkaren des Bergstocks eingelagert und geben ihm eine besondere alpine Note.  Thurwieser und sein Führer steigen auf jenem Weg auf, der auch heute noch sehr beliebt ist: durch das Pinnistal zur Pinnisalm. Nach einer Übernachtung im Heu steuern sie das Pinnisjoch an. Almmatten, dann steile Schrofen erwarten sie auf den nächsten 900 Höhenmetern. Geschickt suchen sie den leichtesten Durchstieg, halten sich an Grasrinnen.

Über »lauter grobes Gestein, da fest, dort locker« gelangen sie über eine Hangkante zum Habichtferner. Das Firnfeld kann heutzutage umgangen werden und stellt kein wirkliches Hindernis mehr dar. Nach 3:25 Stunden ist der höchste Punkt (3277 m) erreicht. Man kann sicher sein, dass es sich um eine exakte Zeitangabe handelt, vermerkt Thurwieser doch auf allen seinen Touren minutengenau, wann ein Ziel erreicht ist, ja, dokumentiert sogar die Trinkpause von drei Minuten. Es ist ein strahlend blauer Herbsttag, die Sicht ist fantastisch. Später veröffentlicht der Priester und Wissenschaftler ein Buch über die Tour gemeinsam mit der Besteigung des Fernerkogels. Man kann das (über ein Google-Projekt digitalisierte) Werk mit dem Titel »Die Ersteigung und Messung des Fernerkogels und der Habichtspitze im Jahre 1836« heute im Internet kostenlos downloaden. 

Der Schnabel des Greifvogels »Höchster Gipfel im ganzen Land« ist der Habicht im 21. Jahrhundert freilich längst nicht mehr, selbst in den Stubaier Alpen musste er den Thron an das Zuckerhütl (3507 m) abtreten, gefolgt von einer ganzen Reihe von Gipfeln, die die Höhe von 3300 Metern übersteigen. Dann erst folgt der Habicht mit seinen 3277 Metern. Von den vier Gletschern und Firnfeldern ist heute nur noch der Mischbachferner auf der Nordseite nennenswert. Ein Eiswulst von gut 50 Grad Steilheit wölbt sich hier wie der Schnabel eines Greifvogels vor, wie ein Habichtschnabel eben. Der Normalweg aber führt aus dem Pinnisjoch hinauf. Nur ein paar Schritte sind es aus dem Joch zur stattlichen Innsbrucker Hütte auf 2369 Metern Höhe.

Sie war eine der ersten, die im Stubai gebaut wurde (1884), um die Besteigung des Habichts zu erleichtern. Wer nicht mit Unterstützung des Lifts von Neustift aus durch das Pinnistal aufsteigt, kommt aus dem Gschnitztal und schwitzt über tausend Höhenmeter auf den steilen südostseitigen Flanken. Peter Carl Thurwiesers Linienführung ist heute als Weg gut markiert, im Gras ausgetreten und später in den langen Felspassagen sogar an einigen Stellen mit Drahtseil versichert. Trotzdem: Ein »gewandter Steiger« sollte man noch immer sein, also trittsicher und schwindelfrei, und so wie bei Thurwieser werden ab und an »doch die Hände aushelfen«.
Bergtour auf den Habicht. Text: Andrea Strauß, Fotos: Andreas Strauß, wikipedia
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 10/2014. Jetzt abonnieren!
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