Von Beruf Held - Bergprofis beim IMS | BERGSTEIGER Magazin
IMS Bergfestival in Brixen

Von Beruf Held - Bergprofis beim IMS

Zum Greifen nah präsentieren sich die Extrembergsteiger dem Publikum jeden Oktober beim IMS Mountain Summit in Brixen. Der Aufwand für die Bilder von den Abenteuern am Ende der Welt ist immens. Lohnt sich das? Diese Frage diskutierten die Profis im Nachklang zum IMS.
 
Tamara Lunger beim International Mountain Summit © Dagmar Steigenberger
Tamara Lunger beim International Mountain Summit
Acht Kameras, ein Satellitentelefon, Handy, Laptop, Ladegeräte, Ersatzakkus …. 20 Kilogramm wog allein die technische Ausrüstung, die Ralf Dujmovits bei seinem jüngsten Everest-Versuch dabei hatte. »1994, bei meiner ersten Expedition, die ich auf diese Weise dokumentierte, habe ich noch einen Generator mitgeschleppt.« Damals waren es um die 30 Kilo. Und das alles nur, um den Daheimgebliebenen vom außergewöhnlichen Abenteuer zu erzählen. Wollen die Daheimgebliebenen das? Will es der Extremsportler? Oder wollen es letztlich vor allem die Sponsoren?

Die Diskussionsrunde im Nachklang zum Kiku.IMS Mountain Summit brachte sie alle an einen Tisch: Extrembergsteiger wie Stefan Glowacz, Robert Jasper, Tamara Lunger und Ralf Dujmovits. Sponsoren wie die Firma Gore, die zu dem Treffen eingeladen hatte. Und für die Daheimgebliebenen: eine Gruppe Bergwachtler und zwei Presse-Vertreter, darunter auch der BERGSTEIGER.

Lust an der Selbstdarstellung

»Diese Zeit am Berg, in völliger Abgeschiedenheit, will ich eigentlich nur für mich haben«, sagt Tamara Lunger. Den vergangenen Winter verbrachte die Südtiroler Extrem-Alpinistin sieben Wochen lang mit Simone Moro am Fuß des Manaslu. Ringsum meterhoher Schnee, die nächste menschliche Siedlung zig Kilometer weit weg. Ihre Fangemeinde jedoch wusste genau Bescheid, was die beiden Tag für Tag erlebten. Dafür sorgten Tamaras regelmäßige Facebook-Posts.

»Die Leute waren glücklich, diese Momente direkt mit mir teilen zu können. Sie hatten das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein.« Posten für das Glück der Daheimgebliebenen. Wird es tatsächlich größer, wenn jeder Schritt, den die Helden tun, nur wenige Sekunden später zuhause über den Bildschirm flimmert?

»Ich hasse diese Blogger und GoPro-Bergsteiger, die alles immer gleich posten müssen.« Ein Glücksbekenntnis klingt anders als diese Wortmeldung eines Bergwacht-Mannes aus dem Publikum. Er trifft berufsbedingt oft auf Freizeit-Bergsteiger, die es ihren Idolen nachtun wollen – meist ohne Gefühl für das, was eigentlich gerade Sache ist. »Als ich einen Verunfallten aus dem Höllental geflogen hab, hat er mich dabei gefilmt und das gleich gepostet«, erzählt er.

Der Wert einer Geschichte

Facebook-Posts aus den hintersten Winkeln des Gebirges sind nichts Außergewöhnliches mehr. Dank aktueller Technik kann das heute jeder Freizeitsportler. Was die Profis von der Masse unterscheidet, ist, dass sie nicht nur kommunizieren wollen, sondern kommunizieren müssen. »Wir wissen, dass wir diese Abenteuer nur erleben können, weil wir die Sponsoren hinter uns haben«, bekennt Ralf Dujmovits. »Und deshalb versuchen wir, einen Kompromiss zu machen zwischen Abenteuer und Information.«

Sponsoren und auch so manchen Fan mag das enttäuschen. Wie authentisch sind Heldengeschichten, die der Held eigentlich gar nicht erzählen mag? Oder liegt der Widerwille nur an der Art und Weise des Erzählens? Stefan Glowacz schimpft auf die »fucking fast communication«, wie er die neuen Medien nennt.

Seine Herangehensweise: dem Publikum den Wert der Abenteuergeschichten bewusst machen. »Das Bedürfnis nach Heldengeschichten ist da. Aber es funktioniert nur, wenn die Menschen auch einen Gegenwert leisten und beispielsweise 20 Euro für einen Vortrag zahlen.«

Wenn Tamara Lunger am 6. Dezember 2015 mit Simone Moro zum Nanga Parbat aufbricht, wird übrigens erst mal Stille herrschen auf ihren Webseiten. »Wir haben beschlossen, diesmal fast nichts zu kommunizieren. Es sind um die 20 Personen am Nanga Parbat, der Wettkampf wird groß sein. Da wollen wir uns nicht reinziehen lassen.«
Von Dagmar Steigenberger
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 01/2016. Jetzt abonnieren!
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