ÖAV-Projekt: Wandern mit Flüchtlingen | BERGSTEIGER Magazin
Integration in den Bergen

ÖAV-Projekt: Wandern mit Flüchtlingen

Beim neuen ÖAV-Projekt »Miteinander Unterwegs« gehen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen gemeinsam in die Berge. Zum Auftakt hat die Landesjugend Tirol junge Flüchtlinge zu einer Almwanderung eingeladen.
 
Das etwas andere Wanderoutfit: In Jeans und Turnschuhen ziehen die Jugendlichen los. © Christian Geist
Das etwas andere Wanderoutfit: In Jeans und Turnschuhen ziehen die Jugendlichen los.
Jonus war 14, als er von Afghanistan allein nach Europa geflohen ist – mit etwas Geld und der Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit. Seit fast drei Jahren lebt er in einer Unterkunft des Tiroler Roten Kreuzes für minderjährige Flüchtlinge. Gemeinsam mit 22 anderen Jugendlichen verbringt er eine Woche in einer Selbstversorgerhütte in Brixen im Thale; an drei Tagen bietet ihnen die Alpenvereinsjugend Tirol Programm.

Leiterin Yvonne Markl begleitet die Tour entlang des Brixenbachs. »Wandern = Spazieren in den Bergen« steht auf einer Schautafel in der Gaststube. Weil Spaziergänger selten so zeitig aufbrechen wie Wanderer, schlendern die Jugendlichen erst gegen 13 Uhr aus ihren Zimmern.

Jonus, der gerade an einer Zigarette nuckelt, trägt – ähnlich wie die anderen – ein Paar Nikes, Jeans und ein weit aufgeknöpftes Hemd, in dessen Ausschnitt eine Kette funkelt. In den Wochen zuvor hatten Markl und ihr Team versucht, Bergsportausrüster als Sponsoren zu gewinnen. »Leider ist niemand darauf angesprungen«, sagt die 25-Jährige.

»Ich wollte ein schönes Leben«

»Dieser Bach hat viel Wasser, überall ist hier Wasser«, sagt Jonus beim Überqueren einer kleinen Brücke. Er richtet seinen Blick gegen die Strömung, folgt dem Fluss Richtung Baumgrenze und Gampenkogel (1957 m), dessen Gipfel in Wolken steckt.

»Hier bleibt der Schnee sogar im Sommer«, staunt Jonus, der in Ghazni aufgewachsen ist, einer afghanischen Provinzhauptstadt auf 2219 Metern. Viel Fels und Stein, wenig Grün und kein Regen den ganzen Sommer über: So beschreibt er die Berge um seine Heimatstadt.
Wandern mit Flüchtlingen
Skeptisch beäugen die Jugendlichen Yvonne Markls Brotzeit. (© Christian Geist)

Als Bub habe er ein paar Mal mit seiner Familie Ausflüge in den Hindukusch unternommen. Dann wurde sein Vater ermordet. »Ich war noch klein. Ich wollte doch nur ein schönes Leben«, sagt Jonus und steckt sich wieder eine Zigarette an.

Nach dem Tod seines Vaters machte er sich auf den Weg nach Europa. Zehn Monate dauerte die Reise zu Fuß und per Zug über Iran, Türkei und Griechenland. Eine Rückkehr nach Afghanistan schließt er aus. Allerdings wartet der 18-Jährige inzwischen seit Monaten auf seinen Asylbescheid. »Ich lebe mein Leben. Jetzt und hier!«, sagt er dennoch entschlossen.

Die Jugendlichen schlendern dahin, das Tempo fordert den drahtigen Jonus kaum. Eine Brücke unterhalb der Alm kommt ihm da gelegen. Er krallt sich – von den Betreuern unbemerkt – an einen Stahlträger und baumelt mehrere Meter über dem Brixenbach. Ausladend schwingt er von links nach rechts und hangelt sich Griff um Griff nach vorn.

»War gar nicht schwer«, sagt er, als er wieder Boden unter den Füßen findet und die Anstrengung aus seinen Gesichtszügen schwindet. Markl zieht derweil eine Plane aus ihrem Rucksack und breitet sie aus. »Das Spiel heißt: Platz ist in der kleinsten Hütte«, erklärt die Naturpädagogin. Als alle auf der Plane stehen, wird diese nach und nach verkleinert. Anfangs hat noch jeder eine Komfortzone, dann wird zusammengerückt und Platz geschaffen, wo eigentlich keiner ist – wie auf einer überbelegten Berghütte.
Wandern mit Flüchtlingen
Sportlich hangelt sich Jonus eine Brücke entlang. (© Christian Geist)

Ein Zeichen für Integration

»Fremden oder Schutzsuchenden wird im Tal ja oft mit Misstrauen begegnet. Am Berg hat’s da doch eine andere Mentalität«, sagt Markl. Der 25-jährigen Tirolerin gefällt die Vorstellung vom Alpenverein als Stifter von Integration und Empathie. Sie versteht ihr Engagement als ein Statement, dass die Berge samt den Erlebnissen, die sie bereit halten, für alle da sind.

»Eigene Erfahrungen ein paar Tage lang weiterzugeben und zu teilen, ist denke ich das Mindeste, was wir tun können.« Jonus und die anderen trennen nur noch wenige Wegschleifen von ihrem Tagesziel. Später, erzählt der 18-Jährige, möchte er Polizist werden; wie sein Vater. Dazu eine Wohnung fi nden, ein Haus bauen, eine Familie gründen.

»Man kann alles schaffen, wenn man es nur will und sich anstrengt«, meint er. Doch wie im Tal wird auch auf dem Berg nicht jede Anstrengung belohnt: Als die Gruppe die Brixenbachalm erreicht, ist diese geschlossen. Ruhetag. »Yalla, yalla«, ruft Markl zwei Jugendlichen zu, die durch ein Fenster in den Stall lugen. Als sie dort Schweine entdecken, verziehen beide das Gesicht, halten sich die Nase zu und einer antwortet beinahe akzentfrei: »Geh ma, geh ma!«

Hintergrund: Integration am Berg

  • Wissenswertes zum Projekt 
Gemeinsam die Bergwelt erleben, Vorurteile überwinden und erfahren, was die jeweilige Heimat ausmacht: Das ist das Ziel von »Miteinander Unterwegs«. Seit Sommer 2015 lädt der Österreichische Alpenverein (OeAV) Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen ein, mit auf Tour zu kommen und gemeinsam zu wandern oder zu klettern. Die Angebote der teilnehmenden Sektionen richten sich sowohl an Asylsuchende als auch an Menschen, die schon länger in Österreich leben und nun die Welt der Berge entdecken möchten. Beim Wandern oder Klettern sollen die Teilnehmer Gastfreundschaft erfahren und neue soziale Kontakte knüpfen.

»Aufeinander zugehen, einander kennenlernen und Gemeinsamkeiten entdecken«, bringt ÖAV-Präsident Andreas Ermacora kurz auf den Punkt, worum es in dem Projekt geht. Der Ausflug der Landesjugend Tirol ins Brixental ist eine der ersten interkulturellen Initiativen, die dem Ruf des Alpenvereins gefolgt sind und sich miteinander auf den Weg gemacht haben.
  • Erste Eindrücke
Eine Gruppe muslimischer Jungs, geführt von zwei Frauen: In den Herkunftsländern der Teilnehmer wäre diese Konstellation undenkbar. Bei der Wanderung am Brixenbach ist sie eine Selbstverständlichkeit. »Frauen dürfen hier alles auch alleine«, sagt Jonus aus Afghanistan, »Gott sei Dank«.
 
  • Mehr erfahren
Weitere Infos zum Projekt sowie Termine für Wander- und Klett eraktionen der einzelnen Alpenvereins-Sektionen gibt es unter www.alpenverein.at/miteinander
 
Christian Geist
Fotos: 
Christian Geist
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 02/2016. Jetzt abonnieren!
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