Fragwürdigkeiten des Alpinismus

Francesco Petrarca und der Mont Ventoux

Zu gerne wurde gesagt und geschrieben, der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304 – 1374) sei der nachweislich erste gewesen, der »lediglich aus Verlangen« einen Berg, ebendiesen Mont Ventoux, erstiegen habe und deshalb als Vater der alpinen Idee zu feiern wäre. Letzteres scheint ohnehin übertrieben und ersteres lässt sich nicht klären.
 
Fragwürdigkeiten im Alpinismus © BERGSTEIGER
Der Gipfel des Mont Ventoux in der Provence
Alpine Chronisten wie Walter Schmidkunz, Kurt Maix oder Fritz Schmitt kamen an Francesco Petrarcas Schilderung über eine Ersteigung des Mont Ventoux in der Provence nicht vorbei. Über die Verinnerlichung, die den Dichter auf dem Gipfel befiel, schrieb etwa Maix hoch interessante Sätze. Er konstatierte, Petrarca sei auf gar keinen Fall der »geistige Vater des Alpinismus«. Er habe, im Gegensatz zu seinem Bruder Gherardo, den Berg verleugnet. Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus hätten ihm die Augen geöffnet (s. u.). Francesco Petrarca habe den Berg im Geist der Renaissance bestiegen.

»Er kam zurück, bezwungen vom Mittelalter.« Doch Maix bezweifelte nicht, dass Petrarca oben gewesen war. Auch Walter Schmidkunz nicht: »Am 26. April 1336 erstieg Francesco Petrarca, den die Nachwelt als einen der größten Lyriker aller Zeiten feiert, jenen hohen Berg am Südwestrand der Alpen, den man Mons ventosus, den Windberg, nannte. Der 1912 Meter hohe Gipfel, Eckpfeiler der Alpen, Landmarke und Wahrzeichen der Provence, blickt hinaus auf die alten Römerstädte Orange und Avignon im breiten, fruchtbaren Land der Rhône. (…) Man hat Petrarca den ›Vater des Bergsteigens‹ genannt und jenen 26. April 1336 als den ›Geburtstag des Alpinismus‹ bezeichnet. (…) Petrarcas Bergfahrt war für ihre Zeit eine Tat, die zugleich ein großer Anfang, ein hymnischer Auftakt war. (…) Der Brief, das Sendschreiben des Dichters von Arezzo, den er am Tage der denkwürdigen Besteigung, von Maulaucène aus, das westlich des Bergfußes liegt, an François-Denis aus Borgo San Sepolcro geschrieben hat, soll für sich sprechen. Er ist als ›erster Brief‹ in der 24-bändigen Brief- und Essaysammlung des Dichters, ›De Rebus Familiaribus‹, im IV. Band enthalten. (…)«

Zebhausers Feststellung

Nicht nur für den akribischen Schmidkunz war klar, dass Petrarca mit seinem Bruder auf dem Mont Ventoux gestanden hatte. Und für viele andere Chronisten ebenso. Vielleicht sogar für Helmuth Zebhauser, des Alpenvereins großen Geist, der 1986 bei Bruckmann den Alpine-Klassiker-Band 5 »Frühe Zeugnisse – Die Alpenbegeisterung« herausbrachte. Zu Schmidkunz’ Ausführungen setzte er hinzu: »Diesen Kommentar schrieb Walter Schmidkunz 1936, genau 600 Jahre nach Petrarcas epochalem Unternehmen.« Doch man höre und staune: Zehn Jahre später schrieb ebendieser »Zeb«, Macher der Alpinmuseen in Kempten und München, für den Katalog des letzteren: »Petrarca auf dem Mont Ventoux – ein Brief, geschrieben wie ein Bericht, sofort nach Bergrückkunft und aus dem Ste­greif, hat die Alpinismushistoriker ständig verwirrt. Petrarca schreibt, er wäre am 13. April 1336 auf den Mont Ventoux gestiegen. Ein rhetorisches Kunststück, eine Parabel wird als historische Quelle benutzt und als Ereignisdokumentation verwendet. Aber Petrarca war im April 1336 nicht auf dem Mont Ventoux und hat diesen Bericht nicht zu dieser Zeit und nicht ›raptim et extempore‹ geschrieben. Die Wissenschaft weist dies heute glaubhaft nach. Petrarca inszeniert literarisch eine Besteigung des Mont Ventoux, um drastisch die geringe Bedeutung des irdischen Erlebnisses darzustellen.«

Nicht eilig aus dem Stegreif

Sauber! Da hatten wir’s, wir Chronisten. Das war quasi eine Ohrfeige für alle, die den 26. April 1336 als »Geburtstag des Alpinismus« sehen wollten. Danke, Zebhauser! Doch ist seine Behauptung gänzlich haltbar? Er hat Recht, indem er sagt, Petrarca habe den Bericht nicht zu jener Zeit und nicht »eilig aus dem Stegreif« geschrieben »solange die ›famuli‹ mit der Bereitung des Essens beschäftigt waren – wie wenn es kaum länger gebraucht hätte, den hochartifiziellen und ungemein dichten, mit Hilfe einer ganzen Bibliothek geschaffenen Text zu schreiben als ihn zu lesen; denn eine einzige Stunde der Aufmerksamkeit erbat Petrarca vom Adressaten (…).« (Dieter Mertens). Und gewiss hat Zebhauser auch mit dem letzten Satz seiner oben genannten Aussage Recht. Er geht noch weiter: »Die Besteigung wird ein plattes Erlebnis im Vergleich zum Aufstieg des Menschen im Geiste. Die Alpinismushistoriker um 1900 begannen, sich mit dem Petrarca-Text eine Tradition zurechtzumachen, wo eigentlich keine ist. In Francesco Petrarca muss man einen eher entschiedenen Nichtbergsteiger, denn einen begeisterten Bergsteiger sehen.«

Petrarcas Brief wahrscheinlich 16 Jahre jünger

Gut. Trotzdem – ist keinesfalls belegt, dass Petrarca und sein Bruder Gherado nicht auf dem Mont Ventoux gestiegen sind. »Aufgrund des von Petrarca vorgelegten Textes oder der von Billanovich vorgenommenen, von Francisco Rico (…) und zuletzt von Dorothee Gall (…) bekräftigten Spätdatierung auf 1352/53 und ihrer zeitkritischen Analyse kann die Frage, ob Petrarca den Mont Ventoux tatsächlich irgendwann erstiegen habe, zwingend weder bejaht noch verneint werden. Hans Baron wollte wie Billanovich die Frage bejahen; Baron deshalb, weil er Petrarcas Wahrhaftigkeit in bestimmten Punkten für sehr wahrscheinlich hält; Karlheinz Stierle ist nach wie vor (…) dagegen, Bernhard König durch Petrarcas Rhetorik der sinnlichen Landschaftserfahrung überzeugt und beharrt auf ihrer Tatsächlichkeit (…).« (Mertens)

…dass nichts wunderbarer als der Geist…

Nun denn: Wir wissen, dass wir nichts wissen. Doch wird die Frage müßig angesichts dessen, was den Dichter, der den Mont Ventoux quasi als Vehikel nimmt, auszusagen drängt. »Wie ich nun dies im einzelnen bewunderte (die umgebende Landschaft; Anm. d. V.) und bald mich nach irdischen Dingen erkundigte, bald nach Vorbild des Leibes auch den Geist in höhere Sphären versetzen wollte, kam mir zu Sinn, das Buch der Bekenntnisse des Augustinus, das mir deine (François-Denis’) Güte einst verehrt und dessen ich mich zur Erinnerung an den Geber bediene, aufzuschlagen – ein erprobtes Werklein, das ich allezeit zu Handen führe, klein von Umfang, aber unsäglich süß von Inhalt. Ich schlage es auf, um zu lesen, was mir entgegentreten würde – denn auf was anderes als etwas Frommes und Ergebenes könnte ich wohl stoßen? (…) Mein Bruder, erwartungsvoll, aus meinem Munde etwas von Augustinus zu vernehmen, stund mit gespannter Aufmerksamkeit; – ich rufe Gott an und ihn selber, der bei mir war – wie ich die Augen auf das Blatt senkte, stund geschrieben:

›Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber.‹ Ich gestehe, dass ich sehr betroffen war; (…) ich zürnte mir selber, dass ich auch jetzt noch irdische Dinge bewundert hatte, die ich längst schon selbst von den Philosophen der Heiden lernen gekonnt, dass nichts wunderbarer als der Geist und dass, wenn dieser groß, nichts anderes mehr groß erscheint. (…) Der Rest meines Lesens war Schweigen; ich bedachte, wie arm an Rat die Sterblichen, wie sie ihr edelst Teil vernachlässigend sich über so vieles verbreiten und an leerem Schauspiel ereiteln, wie sie das, was im Innern zu finden ist, äußerlich suchen, und ich bewunderte die edle Anlage unsers Geistes, der nur leider aus freiem Willen entartet, von seinem primitiven Gehalt abgewichen ist und das, was ihm Gott zu seiner Ehre verliehen, ins Gegenteil verwandelt hat.«

Doch eine bergsteigerische Erfahrung

Hierzu sei angemerkt, dass Petrarca einer der Ersten der humanistischen Bewegung in Italien gewesen war. (Humanismus steht für eine Geisteshaltung, die zwischen dem 14. und 16. Jh. die historische und kulturelle Epoche der Renaissance kennzeichnete. Ihr Ziel: ein Idealbild des Menschen, der sich auf der Grundlage allseitiger theoretischer und moralischer Bildung frei entfalten kann.) »Der Forderung Augustinus zu folgen, der Mensch müsse sich aus der Verstrickung in die Sinnlichkeit und Zeitlichkeit zurücknehmen in sein eigenes Inneres, er müsse sich in diesem Rückgang seiner selbst und seines eigentlichen – göttlichen – Grundes bewusst werden, ist – Petrarca deutet dies an – die Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben.« (Werner Beierwaltes)

All dies ist ja nachvollziehbar, trotzdem kann für uns Bergsteiger auch das banale Schau-Erlebnis während einer wunschlosen Gipfelrast ein kleines Bausteinchen für ein glückliches Leben bedeuten. Und nochmals zurück zu Petrarcas Mont-Ventoux-»Bericht«, in dem er schreibt: „Mein Bruder strebte auf einem abschüssigen Pfad mitten über die Joche des Berges zur Höhe empor; ich, als weicherer Steiger, wandte mich mehr den Schluchten zu. Da er mir nun zurief und den Weg richtiger bezeichnete, erwiderte ich ihm, ich hoffe, von der andern Seite leichter emporzukommen, und scheue mich nicht vor dem Umweg, wenn er mich ebener führe.« Dann aber habe er – Petrarca – sich zusammengerissen und sei geradewegs zur Höhe gestrebt, um seinen Bruder einzuholen, und sie gingen ein Stück weit miteinander. »Kaum aber hatten wir jene Höhe verlassen, so vergaß ich meine frühere Erfahrung und kam wieder mehr zur Tiefe hinab – und indem ich etliche Täler durchwandelt und die leichten langen Wege einhielt, bereitete ich mir selber große Schwierigkeit, denn ich schob die Mühsal des Emporsteigens zwar hinaus, aber durch des Menschen Ingenium wird die Natur der Dinge nicht verändert, und niemals wird es möglich werden, dass einer durch Abwärtssteigen in die Höhe gelange.«

Das ist eine bergsteigerische Erfahrung, die Francesco Petrarca da beschreibt. Wem würde es bei Erschöpfung nicht so ergangen sein, dass er den Weg des geringsten Widerstands, die am allerwenigsten anstrengendste Möglichkeit, gesucht hätte? Diese Darstellung ist zumindest ein Indiz dafür, dass Petrarca irgendeinen weiten Marsch auf einen Berg unternommen haben musste. Warum nicht auf den Mont Ventoux?

Doch es gab einen…

…der ganz bestimmt nicht den Mont Ventoux erreicht hat: der britische Spitzen-Radprofi Tom Simpson. 13. Juli 1967, 13. Etappe der Tour de France: Simpson (29) war zwei Jahre zuvor Straßenweltmeister geworden und trug das Gelbe Trikot mit dem Ehrgeiz, als erster Engländer die berühmteste Rundfahrt der Welt zu gewinnen. Dabei galt er als beliebter, witziger, schlagfertiger Typ, den alle mochten und der vor allem eine faire Fahrweise an den Tag legte.

Das Feld war in Marseille gestartet und nach etwa 200 Kilometern galt es dem »Giganten der Provence«: 22 Kilometer Steigung zwischen 5 und 12 Prozent. Jener 13. Juli war ein heißer Tag, der heißeste des französischen Sommers. In der entscheidenden Phase attackierten Raymond Poulidor und Julio Jiménez, Simpson ging mit. Drei Kilometer vor dem Ziel – der Mont Ventoux ist dort bereits eine fast vegetationslose Geröllwüste –, den Gipfel vor Augen, begann der Brite plötzlich im Zickzack zu fahren – bis er stürzte. »Put me back on my bike!«, rief er seinem Mechaniker zu. Doch schon nach wenigen Metern strauchelte Simpson wieder; Helfer fingen ihn auf, aber da war er wohl schon tot. Um 17.40 Uhr wurde im Krankenhaus von Avignon Herzversagen attestiert. Eine Obduktion wies bei Simpson einen Cocktail aus Amphetaminen, Betäubungsmitteln und Alkohol nach. Im Verbund mit der großen Hitze wirkte dies tödlich. Tourarzt Pierre Dumas sagte, Simpson wäre vollkommen ausgetrocknet gewesen. – Das ist nun eine ganz andere, eine erschütternde Erfahrung mit dem Mont Ventoux. Für den Verfasser, der damals die Fernsehreportage mitverfolgte, hat der Name des Berges seither einen dunklen Klang und er glaubt nicht, dass er jemals dort hinaufsteigen möchte.
 
Text: Horst Höfler
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2009. Jetzt abonnieren!
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