Almwirtschaft wie zu Großmutters Zeiten | BERGSTEIGER Magazin
Zu Besuch auf der Malga Canali über dem Val die Primiero

Almwirtschaft wie zu Großmutters Zeiten

Auf der Malga Canali über dem Val di Primiero können Besucher in das Leben einer vergangenen Epoche eintauchen. Gianna Tavernaro bewirtschaftet ihre Alm wie zu Großmutters Zeiten und bewirtet auch die Gäste wie anno dazumal.
Von Diana Gäntzle (Text und Fotos)
 
Naturverbunden: Gianna Tavernaro betreibt ihre Alm noch wie ihre Großeltern © Diana Gäntzle
Naturverbunden: Gianna Tavernaro betreibt ihre Alm noch wie ihre Großeltern
Die Weide ist mit kühlem Tau überzogen, als Gianna Tavernaro morgens um fünf in der Dunkelheit die Kühe in den Stall ruft. Trotz der herbstlichen Morgenfrische auf der Alm Malga Canali in 1300 Metern Höhe trägt die 57-Jährige nur eine ärmellose Weste über der Bluse. Das Melken verläuft in meditativer Stille. Als Gianna Tavernaro danach die Milch hinüber ins Haus trägt, schaffen es die ersten Sonnenstrahlen über den Berg. Drinnen in der Stube prasselt das Feuer, Ehemann Cornelio und die Tochter bereiten mit ruhigen, routinierten Handgriffen das Frühstück vor. Es gibt althergebrachte Alm-Küche: starken Espresso, Polenta mit Milch, selbstgemachte Marmelade, ungezuckerten Kaiserschmarrn. Alles hier soll authentisch sein.

Gianna Tavernaro bietet ihre einfache, traditionelle Alm-Küche auch für Besucher an. Jeder kann einfach vorbeikommen, eine Anmeldung ist nicht nötig. Auf den Tisch kommt, was im Haus ist. Einfache Gerichte, wie zu Großelterns Zeiten, serviert bei Kerzenschein auf Papier statt Tellern. Eine Speisekarte gibt es nicht und als Getränk nur Wasser. »Das ist kein Hotel und kein Restaurant, wir sind einfache Bauern«, sagt Gianna Tavernaro bestimmt und berichtet von einer Hochzeitsgesellschaft am Vortag, für die ebenfalls kein Sondermenü auf die Teller kam. Das Brautpaar wollte gerade den Alm-Flair ohne Schnickschnack. Höchstens 30 Leute haben Platz in Giannas Gastraum; immer wieder fragen die Leute, ob sie nicht vergrößern will. Dann aber wäre die familiäre Stimmung dahin, die Atmosphäre, das Miteinander mit den Besuchern. Sie möchte wenige Gäste da haben, »aber die sollen sich so fühlen, als gehörten sie zur Familie«, sagt Gianna und rührt weiter die frische Milch zu dem für das Primiero-Gebiet typischen Tosela-Käse. Es gibt in Trentino nur noch wenige Almen, die privat und traditionell bewirtschaftet werden wie die Malga Canali.

Leben im Einklang mit der Natur

Gianna Tavernaro ist eine Frau, die in sich ruht. Mit strahlenden Augen erzählt sie, wie schon ihre Eltern 1957 die Alm von den Großeltern übernommen haben. Vater und Mutter gaben ihr Werte mit, die sie erhalten will: Naturverbundenheit, Respekt vor Tier und Umwelt, Traditionsbewusstsein. Sie will alles so machen wie früher. Sie verschließt sich der Moderne nicht grundsätzlich. Aber sie liest das Wetter lieber von den Bäumen und Bergen ab, als im Internet Vorhersagen zu checken. Manchen gilt die Idealistin als sonderbar. Darüber aber kann Gianna nur lachen. »Ich mach das aus Leidenschaft. Es ist mir egal, was die Leute denken.« Gianna ist Expertin, was Kräuter und Pflanzen angeht, weiß genau, wie die Milch jeder ihrer Kühe schmeckt. An ruhigen Abenden betrachtet sie den Mond und schreibt philosophische Gedichte über ihr Leben in der Natur, die sie Besuchern gerne vorliest. 

Bei ihren Gästen kommt ihr Lebenskonzept gut an. Vergangenen Sommer hat sie zum ersten Mal Malga Canali für das Projekt »Albe in Malga« geöffnet und einen Schnuppertag auf der Alm angeboten. Sie strahlt, wenn sie erzählt, wie sie den Menschen die Heilkräuter auf der Weide erklärte und ihnen das Mähen mit der Sense zeigte. Im Stall balancierten Kinder Küken auf den Händen und halfen beim Melken. Danach ging es zum Käsemachen und einem ordentlichen Frühstück draußen auf der Wiese. Um zu beschreiben, was sie an dem Tag fühlte, dazu fehlen Gianna Tavernaro schier die Worte. »Das war ein wunderschönes Erlebnis«, sagt sie schließlich nach langem Zögern. Neben vielen Familien mit kleinen Kindern waren auch Menschen ihrer Generation dabei. Viele von ihnen hätten sich daran erinnert, dass sie während ihrer Kindheit auf einem Bauernhof ähnlich einfach gelebt hätten, erzählt Gianna. »Anstatt aber stolz auf diese Tradition zu sein, schämen sich die Leute ein bisschen.« Erst im Gespräch mit Gianna seien viele gute Erinnerungen an die eigene Kindheit auf dem Bauernhof bei den Menschen hochgekommen, berichtet sie.

Prächtige Umzüge beim Almabtrieb

Ihr traditionsbewusstes Leben, das sie mit Mann und den Familien ihrer beiden Töchter auf der Alm teilt, gestaltet sie konsequent. Wie in ihrer Kindheit bleibt Gianna Tavernaro seit ein paar Jahren wieder das ganze Jahr auf Malga Canali, »um die Alm lebendig zu halten. Im Winter im Tal habe ich die Jahreszeiten vermisst«, sagt sie. Nur das Vieh zieht bis auf eine Handvoll Tiere im Herbst ins Tal. Die gute Almsaison und die gesunde Rückkehr der Tiere feiern die Bauern dann bei prächtigen Almabtriebs- Festen, die jedes Jahr Tausende Schaulustige bejubeln. Auch Giannas Töchter schauen sich den Umzug am Nachmittag an. »Der Almabtrieb ist wunderschön«, schwärmt Gianna. Trotzdem geht sie dieses Jahr nicht hin. Sie scheut den Trubel und lässt das geschmückte Vieh und die prächtigen Wagen lieber vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen, zu Hause, in der Stube, neben dem prasselnden Feuer, auf der Malga Canali.

Infos zur Malga Canali

Kontakt: Malga Canali, Val Canali – 38054 Tonadico; Tel. 00 39/04 39/644 91
Anfahrt: von Tonadico über die Passo-Cereda- Straße und durch das Val Canali
Touren: auf Wegen 711, 709 und Themenweg über Vallon delle Lede – Bivacco Minazio (2298 m) – Passo delle Lede – Rifugio Pradidali – Pedemonte (1650 m) – Malga Pradidali – Prati Canali – Malga Canali; auf Weg 707 Rif. Treviso – Ferr. Fiamme Gialle – B. Reali – Forcella Sprit – Croda Granda – F. Sprit – Forcella Vani Alti – Sent. dei Vani Alti – Rif. Canali – M. Canali
Diana Gäntzle
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