Lothar Brandler: Abschied von einem Schöngeist | BERGSTEIGER Magazin
Nachruf zu Lothar Brandler

Lothar Brandler: Abschied von einem Schöngeist

Der Bergfilmer und Klettergenius Lothar Brandler starb Mitte November im Alter von 80 Jahren, wie erst jetzt bekannt wurde. Er leistete wertvolle Pionierarbeit für den Bergfilm. Seine Erstbegehung an der Großen Zinne-Nordwand, die »Hasse-Brandler«, oder sein Film »Inferno am Montblanc« sind Sternstunden des Alpinismus.
 
Lothar Brandler © Lothar Brandner
Lothar Brandler als Kameramann in der Großen Zinne
Was sich auf Bergfilm reimt? Richtig, Lothar Brandler! Und wenn er auch selbst so gar kein Brimborium um seinen Tod haben wollte, können doch viele, die ihn wertschätzten, nicht anders, als ihn zu ehren, über seine Bedeutung zu sprechen. Denn Lothar steht für ein wichtiges Kapitel alpiner Geschichte. Dass er zu den begabtesten Kletterern der 50er und 60er Jahre gehörte, ist Fakt, und dass er mit seinen Werken Pionierarbeit für den Bergfilm leistete, steht außer Frage.

Seine Erstbegehung an der Großen Zinne-Nordwand, die »Hasse-Brandler«, oder sein Film »Inferno am Montblanc« sind Sternstunden des Alpinismus. Aber es bleibt noch viel mehr. Die Erinnerung an einen künstlerischen, empfindsamen Menschen. An einen Freigeist, einen Unabhängigen mit eigenem Standpunkt, der das Leben als Füllhorn für Kreativität und Freude begriff. Hier fehlt er besonders – als Persönlichkeit, als Charakterkopf, als Freund. Lothar würde über seinen Abschied wohl mit Goethe sagen: »Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet, kommt unaufhaltsam.« Am 15.11. verstarb er mit 80 Jahren.

Lothar Brandler - Stationen seines Lebens

  • 1958 wurde er durch die aufsehenerregende Erstbegehung der sogenannten »Hasse-Brandler- Direttissima« an der Großen Zinne-Nordwand (Dolomiten, Italien) als Kletterer international bekannt. Nur wenige Jahre später konnte sich Lothar Brandler auch einen Namen als renommierter Bergfilmer erarbeiten.
  • 1936 in Dresden geboren, begann er elfjährig im heimischen Elbsandsteingebirge zu klettern und wurde dort nach und nach zu einem der Besten. 1954 aber verließ Brandler die DDR und siedelte mit gerade einmal 17 Jahren allein nach Bayern um, fand bald in München eine neue Heimat, wo er bis zu seinem Tod lebte. Lothar Brandler holte in der Abendschule das Abitur nach, wollte Musik studieren, Opernsänger werden.
  • Zwei Jahre lernte er am Richard Strauß Konservatorium in München und arbeitete außerdem – ganz im Zeichen seiner Kletterleidenschaft – in einem Münchener Sportgeschäft in der Bergsportabteilung. Zudem fiel er schon ganz früh durch schnelle Begehungen von schwierigsten Kletterrouten im Wilden Kaiser und Wetterstein auf. Bald gelangen dem Sachsen auch anspruchsvolle Erstbegehungen im damals höchsten Schwierigkeitsgrad.
  • Ende der 1950er-Jahre nahm Lothar Brandler erstmals die Kamera mit in die Berge und begann binnen kurzem mit ersten eigenen Filmarbeiten. Schon 1960 erhielt er für sein Werk »Direttissima« den ersten Preis beim Bergfilmfestival in Trient; in der Folge errang er noch drei Mal den Gesamtsieg bei diesem bedeutendsten Filmfest seiner Art. Brandler, der zwischenzeitlich auch als Kameramann beim Bayerischen Fernsehen arbeitete, verwirklichte im Laufe der Jahre eine Vielzahl von Bergfilmen – drehte u.a. auch mit Reinhold Messner –, und es entstanden außerdem Reportagen zu verschiedensten anderen Themen, dazu drei Spielfilme ohne alpinen Bezug.
  • Meilensteine in der Bergfilmgeschichte setzte sein Spielfilm »Die europäische Seilschaft« (1964). Weitere wichtige Titel waren u.a. »Direttissima« (1960), »Sensation Alpen« (1966), »Phänomen Klettern« (1969), »Eiger-Nordwand – Der Weg der Japaner« (1969), »Die Wand« (1974), »Inferno am Montblanc« (1974, laut Ulrich Link (Alpinjournalist) erster an Originalschauplätzen gedrehter hochalpiner Spielfilm; bei den Dreharbeiten verunglückten zwei Darsteller tödlich), »Große Zinne 1963 bis 1983« (1983) oder »Matterhorn – ein Ziel der Sehnsucht« (1986). Mehr als 20-mal erhielten seine Filme Auszeichnungen; zuletzt wurde Brandler 2008 mit dem »Pelmo d’Oro« und 2009 mit dem Grossen Preis der International Alliance for Mountain Film geehrt. Seine Erlebnisse fasste der gebürtige Dresdner 2008 in dem Buch »Mit der Filmkamera durch die großen Wände der Alpen« (AS Verlag) zusammen.
Uli Auffermann
Fotos: 
Lothar Brandler; Archiv Heckmair Auffermann
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