Angelika Rainer im Porträt | BERGSTEIGER Magazin
Die Verwandlung

Angelika Rainer im Porträt

Es klingt fast schon kitschig: Kaum entdeckte Angelika Rainer ihre Leidenschaft fürs Klettern, wurde aus dem schüchternen Mädchen mit wenigen Freunden eine selbstbewusste Durchstarterin, die sich vor Wettkampferfolgen kaum mehr retten konnte.


 
 
© Michael Maili
Überhang? Sehr gern! Angelika Rainer in »A Line Above the Sky« : 40 Meter annähernd horizontal

Klein, hübsch, oft in rosa gekleidet, dazu eine märchenhafte Karriere im Eisklettern– die Versuchung, Angelika Rainer als Eisprinzessin zu bezeichnen, liegt nahe. Doch eigentlich ist sie gar nicht prinzessinnenhaft: zu laut das Lachen, zu sehnig die Hände, zu athletisch der Körper. Nein, Angelika Rainer ist keine Prinzessin, sondern eine verdammt gute Sportlerin – nicht nur im Eisklettern. 

Die Eis-Erfolgsgeschichte von Angelika Rainer begann mit einem glücklichen Zufall: 2005 wurde der erste Drytooling Italien Cup in Bozen veranstaltet. Ohne diesen Sport je ausprobiert zu haben, meldete sich die damals 18-Jährige an. Eisgeräte hatte sie immerhin schon in der Hand gehabt, und Steigeisen an den Füßen, als sie mal in Südtirol das Eisklettern ausprobierte. Freunde gaben ihr vor dem Start ein paar Techniktipps, dann konnte es losgehen: mit der Leidenschaft für das Klettern mit Pickeln und der internationalen Karriere. Denn auf diesen ersten ersten Platz im Drytooling folgten weitere nationale wie internationale Wettkämpfe – so gut wie alle endeten mit einer guten Platzierung. Schon bald war die Meranerin Weltmeisterin im Eisklettern und holte den Gesamtweltcup. 


Draußen ist es am schönsten: an den Helmcken Falls in Kanada; Foto: Klaus Dell'Orto

Wer Angelika Rainer heute erlebt, kann kaum glauben, dass sie ein schüchternes, unsicheres Kind gewesen sein soll, das kaum Freunde hatte und in der Schule gehänselt wurde. Fröhlich und offen ist sie, auf der ganzen Welt bestens vernetzt. Ein Wandel, den sie auf das Klettern zurückführt. Mit zwölf Jahren entdeckte sie das Sportklettern und wurde »ein anderer Mensch«: selbstbewusster, unabhängiger, ehrgeizig. Sie nahm bald erfolgreich an Wettkämpfen teil, schloss Freundschaften mit Kletterkollegen und lernte, sich durchzubeißen. Was damals mit dem Kämpfen in schweren Routen begann, gilt heute auch für vor Kälte schmerzende Finger und Füße: Es macht Angelika Rainer einfach zufrieden, alles zu geben und etwas durchzustehen. 

Ihr großes Vorbild ist Lynn Hill, »die immer eine der wichtigsten Kletterinnen überhaupt sein wird«, und deren Buch Climbing Free sie bereits als Jugendliche sehr inspirierend fand. Lynn Hill hatte es 1993 der männlich dominierten Kletterwelt gehörig gezeigt, als ihr der erste freie Durchstieg der »Nose« gelang. 

Gleichauf mit den Männern

Wird auch Angelika Rainer als Frau unterschätzt? »Nein, ich fühle mich als Sportlerin zu 100 Prozent akzeptiert.« Es kommt öfter vor, dass extrem gute Eiskletterer sie fragen, ob sie nicht ihre Routen probieren und die Schwierigkeitsbewertung diskutieren will. »So etwas verschafft mir schon große Genugtuung«, gibt sie zu. Dass Angelika Rainer mit den Männern mithalten kann, ist spätestens klar, seit sie mit »A Line above the Sky« (D15) als erste Frau die schwerste Drytooling-Route der Welt bezwang. »Der Erstbegeher der Route sagte hinterher, er versteht gar nicht, wie ich das bei meiner Größe schaffen konnte«, erinnert sich Angelika Rainer lachend. Ja, an ihren 1,63 Metern hat sie schon manchmal zu knabbern: »Wenn ich größer wäre und eine weitere Armspanne hätte, wären bestimmte Züge einfacher. So muss ich mir immer etwas überlegen. Aber wenn es dann klappt, ist es besonders schön.«


Auch am Fels gu drauf: Angelika Rainer bei der Erstbegehung von Magnolia (8a+ bzw. X-) in Fontanei bei Bergamo; Foto: Jensen Walker

»A Line above the Sky« zählt sie neben den Weltmeistertiteln und Gesamtweltcupgewinnen stolz zu ihren größten Erfolgen. Die vergangenen zehn Jahre waren entsprechend intensiv: »Hartes Training und viele Wettkämpfe. Das war schön, aber auch sehr anstrengend.« Für andere Projekte, gerade das Klettern draußen in der Natur, blieb kaum Zeit. »Ich hab’ immer die beste Zeit zum Eisklettern daheim in Südtirol verpasst, weil ich bei Wettkämpfen in aller Welt war.« Also beschloss sie, 2017/18 nicht mehr an den großen Wettbewerben teilzunehmen und lieber raus zu gehen. »Außerdem war ich mit meiner bisherigen Karriere sehr zufrieden«, erklärt sie. So ganz lassen konnte sie es allerdings doch nicht und reiste im Februar zum European Cup nach Finnland, wo sie – was sonst – ganz oben auf dem Podest ihren Platz einnahm. »Es macht mir ja weiterhin Spaß und so ein Wettkampf ist immer auch eine gute Möglichkeit, alte Freunde wiederzutreffen.« 

Klettern in aller Welt

Auch ohne Weltcup ist sie weiterhin viel unterwegs, denn Reisen ist ihre zweite  große Leidenschaft. In den ersten Monaten dieses Jahres war die Meranerin unter anderem zum Eisklettern in den USA sowie zum Klettern und Drytooling bei Freunden im Iran. »Zwischen manchen Reisen war ich nur zwei Tage zu Hause, aber die nächsten Monate werden etwas ruhiger«, sagt Angelika Rainer. Neben all der Computerarbeit, die sie aufholen muss, will sie sich nun aufs Sportklettern konzentrieren. Ihr Projekt für den Sommer, ihre erste 8c (X+), gelang schon Ende Mai. 

Trotz des Erfolgs ist Angelika Rainer auf dem Teppich geblieben. Mit ihr unterwegs zu sein, ist lustig. Sie baut schnell freundschaftliche Beziehungen  auf und findet es wichtig, im Klettergarten nicht mit den eigenen Leistungen zu prahlen. Und natürlich achtet sie als Sportlerin auf ihre Ernährung. Aber: »Ein bisschen Genuss muss einfach sein.« Ein Glas Wein zum oder ein Kräuterlikor nach dem Essen etwa,ein zweites Muffin statt Obst für das Lunchpaket, wenn sie die Wahl hat. Ach und Eis... Eis liebt sie ganz besonders. In jeder Form.    ◀
 

Zur Person: Angelika Rainer

1986 in Meran geboren, begann Angelika Rainer mit zwölf Jahren mit dem Sportklettern. Eher unerwartet belegte sie 2005 den ersten Platz beim Drytooling Italian Cup und konzentrierte sich fortan auf das Klettern mit Pickeln. 2009, 2011 und 2013 wurde sie Weltmeisterin im Eisklettern, 2012 und 2015 Erste in der Gesamtwertung des Weltcups.  Auch im Mixedklettern und Drytooling hat sie Erfolg, kletterte etwa als bislang einzige Frau die Route »A Line Above the Sky« (D15). Bevor sie sich ganz dem Sport verschrieb, arbeitete sie in der Agrarforschung.


Foto: Jensen Walker


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Franziska Haack