Zauberhafter Aletschwald: Ende in Sicht? | BERGSTEIGER Magazin

Zauberhafter Aletschwald: Ende in Sicht?

1933 wurde der Aletschwald zum Naturschutzgebiet erklärt, seit 2001 gehört er zum UNESCO-Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn. Doch wie lange werden Wanderer noch über die knorrigen Arven und Lärchen staunen und den Ausblick auf den größten Alpengletscher genießen können?


 
 
© Christian Perret/Aletsch Arena
Zwischen den Arven ist der Aletschgletscher zu sehen.

Die Wurzeln des knorrigen Riesen winden sich über den Boden, bilden ein Netz, das sich nach einigen Metern zwischen vertrockneten Nadeln, duftenden Zapfen und Granitblöcken mit giftgrünem Flechtenmuster verliert. Sie tasten nach Wasser, nach Halt in der spärlichen Erde und nach dem nächsten uralten Gefährten einige Meter weit weg. Der reckt genau wie alle anderen seine vom Wetter gegerbten Äste in die Luft, biegt sie schützend über das, was unter ihm lebt. Tannenhäher nutzen Felsspalten und Wurzelstöcke als Werkbänke, um ihre Lieblingsnahrung, die Zirbelnüsse, zu knacken. Der lang gezogene, traurige Ruf der Spechte tönt durch den Wald, Eichelhäher grätschen mit schriller Stimme dazwischen. Sobald die Sonne die Luft erwärmt, wabern Duftschwaden von Harz und reifen Beeren durch den Wald. Bei Regen wird er zum geheimnisvollen Zauberort, von Nebel und Wolkenfetzen durchzogen. Flechten hängen wie Lametta von den Zweigen der Arven und Lärchen, glitzernder Tau sammelt sich dort. Gämsen grasen im Gestrüpp zwischen Alpenrosen, Wacholder-, Blau- und Preiselbeeren – völlig unbeeindruckt vom Wetter und von den Wanderern, die nur ein paar Meter entfernt stehen und sie beobachten. Sie wissen, dass ihnen hier kein Feind droht.

Der Aletschwald rutscht ab 

1933 schaffte es die Umwelt-Organisation Pro Natura, den bis dahin stark übernutzten Aletschwald der Gemeinde Ried-Mörel abzukaufen und unter absoluten Naturschutz zu stellen. Seit 2001 gehört das Gebiet zum UNESCO-Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn. Doch bedingt durch die extremen Geografie- und Wetterverhältnisse geht das Wachstum der Arven im Aletschwald außerordentlich langsam vonstatten: Ein drei bis vier Meter hoher Baum kann bereits stattliche 80 Jahre alt sein. Die knorrigsten Exemplare im Aletschwald haben mindestens 700 Jahre auf dem Buckel, sie sind damit die ältesten Bäume in der Schweiz.

Um das Gespür für die Natur zu schärfen, bietet Pro Natura Führungen durch den Wald und durch die Ausstellung in der Villa Cassel an. Das edle Jugendstil-Haus auf der Riederfurka knapp 2000 Meter über Meeresniveau hatte einst der Londoner Bankier Ernest Cassel als Sommerresidenz bauen lassen, in der er so illustre Gäste wie den britischen Premierminister Winston Churchill empfing. Nach Cassels Tod wurde das Haus jahrzehntelang als Hotel genutzt, bis die Gäste mehr und mehr ausblieben und die Villa zu verfallen drohte. Seit 1976 gehört sie nun zu Pro Natura, dient der Organisation als Zentrum für naturliebende Gäste und als Seminarhaus für Schulklassen. Auch die Tagesgäste profitieren von Brotzeiten und vom Angebot an leckeren selbstgemachten Kuchen, freilich alles bio und möglichst regional, wie es sich für ein Naturschutz-Zentrum gehört.


Von der Villa Cassel führen Wanderwege über die Riederalp. Foto: Hans Peter Kraus

Doch das Paradies ist gefährdet: durch den Klimawandel, der den Aletschgletscher abschmelzen lässt – und damit die Hänge instabil macht. Früher presste das Gletschereis gegen die Seitenmoräne. Doch in den vergangenen 17 Jahren schmolz die Dicke des Eises um 150 Meter; der Druck, der dem Hang Halt gegeben hatte, nahm drastisch ab. Im Herbst 2016 passierte es dann: Der Hang unterhalb der Moosfluh-Bergstation geriet ins Rutschen, mit einer Geschwindigkeit von bis zu 80 Zentimetern pro Tag. Wanderwege wurden gesperrt, Forscher rückten an, Behörden waren in größter Alarmbereitschaft. 160 Millionen Kubikmeter Gestein bewegten sich – das 40-fache von dem, was später im Graubündner Bondo abgehen sollte. Im Winter stagnierte die Rutschung. »Zur Schneeschmelze im Frühjahr befürchteten wir Heftiges«, erzählt Peter Schwitter, einer der 18 Naturgefahrenbeobachter im Kanton Wallis. Die Katastrophe blieb aus. 

Fieberhaft wertete man Daten aus, ließ Computer rechnen. Das Ergebnis: Der Hang wird wohl nicht in einem Stück abrutschen, sondern schichtweise nach und nach abkippen. »Der Aletsch ist wohl die am besten überwachte Region momentan.« Schwitters Haus steht unten in Naters, nicht weit vom Taleingang zum Aletschgletscher entfernt. Die Entwarnung dürfte auch ihn erleichtert haben.


Kleine Schätze des Waldes; Foto: Dagmar Steigenberger

Folgenschwerer Naturschutz

Oben auf der Villa Cassel sieht man in dem Hangrutsch keinen Grund zur Beunruhigung. »Wir befinden uns hier in einer Schutzzone, da bedeutet jede natürliche Veränderung die Chance auf neue Lebensräume«, erklärt Elisabeth Karrer, Vizeleiterin des Pro Natura Zentrums auf der Riederalp.

»Habt ihr schon ein paar Gämsen oder Hirsche gesehen?« In der Frage, die Elisabeth Karrer zur Begrüßung stellt, schwingt Begeisterung mit. Wildsichtung garantiert! Was wie ein Bonus des Aletschwaldes klingt, stellt sich später als die größte Gefahr für seine Verjüngung heraus. Seit das Areal 1933 unter Schutz gestellt wurde, darf dort kein Wild mehr geschossen werden. Die Folge: Hirsche, Gämsen und Rehe genießen diesen Luxus und vermehren sich beinahe ungebremst. Keine natürlichen Feinde, dazu Futter im Übermaß: Sämtliche jungen Bäume haben Verbiss-Wunden, viele von ihnen sterben daran. 

»Das Rotwild ist ein Problem«, gibt Elisabeth Karrer zu. Doch gern spricht hier keiner über dieses Problem, auch nicht Zentrumsleiter Laudo Albrecht. Zwischen Tür und Angel erklärt er die Regulierung des Rotwilds, bei der die Hirsche zunächst aus dem Schutzreservat getrieben und schließlich außerhalb gezielt geschossen würden. Am absoluten Schutzstatus innerhalb des Reservats traut sich allerdings keiner zu rütteln – auch wenn der eigentliche Patient die Bäume sind. Das Wild ist schlau: Die alten Tiere wissen genau, wo sie in Sicherheit sind. Aber so schlau, ihren wertvollen Lebensraum zu erhalten? So schlau ist oft nicht mal der Mensch.     ◀


Prachtvoll und gefährlich, auch für den Baumbestand; Foto: Rudolpho Duba / pixelio


Der europäische Wald in Zahlen

Zwei Drittel der Alpen waren ursprünglich – nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 7000 Jahren – bewaldet. Heute ist dieser Anteil auf etwa ein Drittel zurückgegangen. 

In Bayern ist mit rund 250 000 Hektar knapp die Hälfte des Alpenraums bewaldet. Der einzige größere Urwald in den  Alpen ist der Rothwald im Wildnisgebiet Dürrenstein in Niederösterreich. Daneben gibt es kleine Reste wie den Scatle Wald in Graubünden, den Wald bei Derborence im Wallis oder den Bödmerenwald im Kanton Schwyz.

Mit etwa 2200 Meter ü. M. liegt die höchste Waldgrenze Europas in der Schweiz im Mattertal.

Die Baumgrenze ist kältebedingt, denn unterhalb 6,4 °C Durchschnittstemperatur während der Vegetationsperiode findet kein Baumwachstum mehr statt. Auch aufgrund des hier meist stärker wehenden Windes kommt es zu verkrüppelten, niedrigen Baumformen, die dichte Gebüsche bilden: die »Krummholzzone«.

27 % aller Baumarten weisen nach dem offiziellen Waldzustandsbericht von Deutschland 2009 deutliche Kronenverlichtungen auf. Nur 36 Prozent der Bäume sind noch ohne erkennbare Schäden. Als Gründe für das Waldsterben gilt mittlerweile neben Luftverschmutzung auch der Klimawandel mit Hitze- und Trockenperioden. 

Mit mehr als 60 % Waldfläche sind Finnland, Schweden und Slowenien die waldreichsten Länder Europas. In den Niederlanden und Großbritannien bedecken Wälder hingegen nur etwa 11 % des Territoriums.  

Rund 10 % der Treibhausgasemissionen der EU werden derzeit durch den Wald gebunden.
 

 

Basiswissen: Aletschwald

WO ANKLOPFEN? 

Pro Natura Zentrum Aletsch, 3987 Rieder-alp; Aletsch Arena AG, Postfach 4, CH-3992 Bettmer-alp, Tel. 00 41/27/9 28 41 34

WIE HINKOMMEN? 

Von München entweder über Arlberg, Feldkirch, Chur, Oberalppass und Andermatt. Oder über Zürich  und den Lötschbergtunnel

WAS ESSEN? 

Die Walliser Pastetli sind Teigtaschen wahlweise mit süßen Walliser Aprikosen gefüllt oder auch herzhaft mit Sauerkraut, dazu Walliser Wein oder Speck und Käse. In Mörel gilt Brisolée als die regionale Kastanienspezialität.

ORIENTIERUNG

Kompass-Karte 1:40 000, Blatt 122 »Wallis, Goms, Lötschental«

MEHR ERFAHREN

In den wechselnden Ausstellungen der Villa Cassel gibt es interessante Infos zu den Lebewesen im Wald.




Porträt aus Bergsteiger 09/18, Heft nachbestellen oder jetzt abonnieren.

Dagmar Steigenberger