Das große Bergsteiger-Interview mit Lothar Brandler

»Ich sah die Menschen sterben«

Sein erstes Bergseil hat er von einer russischen Baustelle geklaut, seine ersten Kletterschuhe bekam er, als er bereits einen Namen in der Szene hatte. Die Berge haben ihm seine größten Triumphe beschert und den schwersten Schicksalsschlag seines Lebens. Lothar Brandler im Gespräch darüber, was einem der Berg gibt – und nehmen kann.
 
Das große Bergsteiger-Interview mit Lothar Brandler © Meike Birck
Lothar Brandler im Interview
BERGSTEIGER: Schön, dass unser Treffen heute klappt. Beim letzten Termin war uns das leider nicht vergönnt.
Brandler: Das war wirklich Pech. Ich war im Urlaub in Pirna, gehe an einem Lokal vorbei, lese die Speisekarte und habe so ein komisches Gefühl. Auf einmal liege ich flach, der Himmel über mir. Mein Herz hat für sieben Sekunden ausgesetzt. Mein Kardiologe hat mich dann gar nicht mehr nach Hause gelassen. Es war ja nicht das erste Mal, dass ich zusammengebrochen bin.

BERGSTEIGER: Sind das die Spuren des Alters, die auch der einst wohl beste Felskletterer der Welt akzeptieren muss?
Brandler: Mit dem Alter hat das nur bedingt etwas zu tun. Das ist Herzflimmern. Der Puls geht auf 400, 500 Schläge hoch. Das ist dann wie eine Pumpe, die zu schnell geht. Sie pumpt zwar, aber kein Wasser, in meinem Fall eben Blut. Das schießt erst durch die Flachlage wieder ins Hirn. Aber letztlich ist der Körper schon ein Verfallsprodukt.

BERGSTEIGER: Sie sagten einmal, das Umkippen sei wie Probesterben.
Brandler: Man gewöhnt sich dran, dass es irgendwann zu Ende geht. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Die hatte ich mit 20, 30 Jahren. Da habe ich bei meinen Alleingängen mehr riskiert. Wenn man bedenkt, dass Männer heute im Schnitt etwa 70 werden, kann man sagen: Ich habe schon gelebt.

BERGSTEIGER: Lange Zeit vor allem im Fels. Was trieb Sie damals an die Wände und Türme der Sächsischen Schweiz?
Brandler: Wir hatten Verwandtschaft bei Moritzburg und waren im Sommer häufig dort. Ich sitze auf dem Plumpsklo und sehe vor mir ein Foto von einem Felsen im Elbsandsteingebirge. Ein sehr massiver großer Brocken, mit einer zwei Meter hohen Blechfigur darauf, einem Mönch. Ich habe mich gefragt: Wie ist diese Figur dort hinauf gekommen? Der Brocken erschien mir unbesteigbar.

BERGSTEIGER: Wie alt waren Sie da?
Brandler: Etwa zwölf Jahre alt. Wir haben damals, nach dem Krieg, immer Obst geklaut. Ich bin auf die verrücktesten Bäume geklettert, um Äpfel, Birnen oder Kirschen herunterzuholen. Und dieser Felsen hat mich einfach angemacht. Also bin ich mit einem Freund per Dampfer nach Rathen, wo er stand. Ich bin den sogenannten Uferweg, ungefähr Schwierigkeitsgrad drei, durch einen Kamin bis hoch zum Gipfelbuch und habe mich ganz stolz eingetragen, mit Adresse und Alter. Das war Ende Juli 1948. Dieses Gipfelbuch hat später ein Freund von mir in Dresden aus dem Archiv geholt und eine Kopie gemacht.

BERGSTEIGER: Sie sollen als Kind ein eher unkonventioneller Typ gewesen sein und als junger Kerl eine Karikatur von Adolf Hitler an die Tafel gezeichnet haben. Ist das eine Legende?
Brandler: Nein, das ist keine Legende. Das war 1947, und ich hab’ prompt Schulverbot gekriegt. Wir wissen ja, dass Hitler ein Verbrecher war, aber im kommunistischen Bereich war das damals ganz besonders schlimm.

BERGSTEIGER: Warum haben Sie das gemacht?
Brandler: Einfach aus Jux und Tollerei. Ich habe das als Junge nicht so ernst genommen. Adolf zu malen ist ja ganz leicht. Einfach ein Kreis, die Haare dran, den Schnurrbart hin – und schon ist es ein Adolf.
Text: Dominik Prantl, Sandra Zistl; Fotos: Meike Birck, AS Verlag
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