Auf den Spuren der alten Säumer in den Hohen Tauern | BERGSTEIGER Magazin
Überquerung des Felbertauern

Auf den Spuren der alten Säumer in den Hohen Tauern

Dank Felbertauern-Tunnel und Auto lässt sich heute der Weg von Mittersill im Norden der Hohen Tauern bis Matrei im Süden in nur etwa 30 Minuten zurücklegen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts mussten Waren noch zu Fuß über den Pass transportiert werden. Die Mühen lassen sich auf einer Wanderung noch gut nachvollziehen.
 
Das Nassfeld unterhalb des Felbertauern © Nationalpark Hohe Tauern/Emanuel Egger
Das Nassfeld unterhalb des Felbertauern
»Dann müssen wir eben von innen heraus strahlen.« Emanuel Egger scheint seinen Optimismus nie zu verlieren. Der 42-Jährige ist Ranger im Nationalpark Hohe Tauern. Mit Gästen unternimmt er im Sommer regelmäßig die Tauerüberquerung auf alten Saumpfaden, und diesmal hat es pünktlich zum Start zu regnen begonnen.

»Jetzt stellt Euch vor, was hier früher los war«, sagt Egger und man merkt ihm die Faszination, die diese Tour auf ihn hat, mit jedem Wort an. »Wir bewegen uns auf den gleichen Wegen, auf denen früher die Säumer ihre Waren mühselig und bei Wind und Wetter transportieren mussten.« Die Wege führen über den sogenannten Felbertauern, einen 2460 Meter hohen Pass zwischen dem Tauernkogel im Westen und dem Hochgasser im Osten. Schon Kelten und Römer nutzten diesen Alpenübergang für ihren Warentransport von Nord nach Süd und umgekehrt.

Übergang mit langer Geschichte

Während sich Eggers Wandergruppe geschützt mit Regenjacken und -schirmen durch die sattgrüne Nationalpark-Landschaft Serpentine für Serpentine nach oben arbeitet, taucht der blonde Hüne in die Geschichte ein. »Zur Römerzeit überwand man den Pass nur über einen schmalen, mühsam begehbaren Saumpfad. Trotzdem war der Weg schon damals ein bedeutender Übergang von Salzburg nach Venedig.«

Mit zunehmender Besiedelung der Täler und dem Aufblühen der Wirtschafts- und Kulturformen wurde der Felbertauern immer bedeutender. Besonders rege war der Warenverkehr im Mittelalter. Bauern auf beiden Seiten des Hauptkammes nutzten den Steig, um sich mit dem Transport von Eisen, Goldund Silberwaren, Salz, Gewürzen, feinen Stoffen und Wein etwas dazu zu verdienen. Die Bedingungen für die Säumer waren allerdings hart. Rund 60 Kilogramm wog ein Saum, wie eine Traglast pro Person genannt wurde. Pferde, Esel oder Mulis mussten bis zu 168 Kilogramm über die steilen Pfade schleppen. Schlechtwettereinbrüche oder schwierige Bedingungen wie Schnee und Eis waren an der Tagesordnung.


Die St. Pöltner Hütte bietet Wanderern direkt an der Passhöhe Schutz © Nationalpark Hohe Tauern/Emanuel Egger

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zogen auch immer wieder große Viehtriebe mit bis zu 500 Rindern über den Tauern. »Vieh wird auch heute noch heraufgetrieben, aber nur noch zur Weide«, erklärt Egger beim Blick auf die robusten Pinzgauer Rinder, die sich das saftige Gras im relativ flachen Abschnitt unterhalb der Schrankeckscharte schmecken lassen. Nach einem kurzen Abstieg gelangt man ins Nassfeld, das seinem Namen alle Ehre macht. Regen- und Schmelzwasser bilden zahlreiche Bäche, die sich schließlich als Schleierfall in den Hintersee ergießen. Die Bachquerung über eine provisorische Holzbrücke und auch die anschließenden Altschneefelder meistern die Nationalpark-Gäste ohne Probleme.

Ganz anders erging es am 27. Mai 1878 einem Mittersiller Viehhändler an dieser Stelle. Mit acht Viehtreibern und einer Herde von 130 Rindern war er am Morgen vom Matreier Tauernhaus aufgebrochen, um die Etappe über den Pass bis zum Tauernhaus Spital in Angriff zu nehmen. Während des Abstiegs überraschte die Männer am frühen Abend ein Wettersturz und im Schneesturm kamen vier Säumer ums Leben. Auch von der Viehherde überlebten nur einige wenige Tiere das Unwetter. Immer wieder erinnern Gedenktafeln am Weg an derlei Unglücke und rufen den Wanderern die bewegte Geschichte der Route ins Gedächtnis.

Zufluchtsort an der Passhöhe

Die nächste Station auf der Tauernüberquerung ist der Plattachsee, der oft noch bis weit in den Sommer hinein komplett zugefroren ist. Von hier sind es nur noch rund 250 Höhenmeter bis zum Tauernkreuz, das auf 2460 Metern die Passhöhe markiert. Spätestens jetzt macht sich die hochalpine Umgebung bemerkbar. Die Temperaturen nehmen ab, der Wind noch einmal deutlich zu. Jacken werden übergezogen, Stirnbänder und Mützen aus den Rucksäcken gekramt. Genau zum richtigen Zeitpunkt taucht die St. Pöltner Hütte im dichten Nebel auf.

Das Alpenvereinshaus liegt nur wenige Meter oberhalb des Passes an der Kreuzung mehrerer Höhenwege und bietet Bergsteigern in dieser rauen Umgebung seit 1922 Schutz und Unterkunft. Nach einer ausgiebigen Pause mit Kaspressknödeln und einem heißen Tee in der gemütlichen Gaststube fällt der Aufbruch allen sichtlich schwer. Aber es steht noch ein zweieinhalbstündiger Abstieg zum Matreier Tauernhaus bevor. Und so heißt es rein in die klammen Bergschuhe und raus auf den alten Saumpfad.


So schön kann der Ausblick vom Felbertauern sein © Nationalpark Hohe Tauern/Emanuel Egger

Dieser erinnert schon kurz nach der Hütte wieder an seinen Ursprung. Auf dem Weinbichl verläuft die Grenze zwischen Salzburg und Osttirol. Der Name stammt aus Zeiten, als der edle Tropfen eines der wichtigsten Handelsgüter war, die von Süden nach Norden über den Tauern gebracht wurde.

Die Säumer hatten dabei sicher keine Augen für das liebliche Gschlösstal und den Großvenediger, der sich hier in seiner vollen Pracht zeigen sollte. Sollte – denn auch Emanuel Eggers Gruppe bleibt er diesmal verborgen. Die »weltalte Majestät« hüllt sich in Wolken und der Nebel tut sein übriges. Er wäre ohnehin nur eine Zugabe gewesen. Das wird bei der Ankunft am Matreier Tauernhaus spürbar, wo nicht nur Egger, sondern auch seine Gäste ob der besonderen Eindrücke dieser Tauernüberquerung von innen heraus strahlen.

Basiswissen: der Felbertauern

  • Wie ankommen? Von Deutschland auf der A8 und A93 bis zur Grenze. Wer bei Kiefersfelden abfährt, spart die österreichische Autobahnmaut. Weiter über Ellmau und Kitzbühel nach Mittersill. Von dort auf der Felbertauernstraße nach Matrei in Osttirol. Die einfache Fahrt kostet 11 Euro, wer sich vor Beginn der Reise ein ADAC-Vorteilsticket kauft, zahlt hin und zurück 20 Euro. Weil bei der Maut kein Unterschied zwischen Pkw, Wohnmobil, Camping- Bus oder Gespann gemacht wird, ist die Route besonders für Camper interessant. www.felbertauernstrasse.at
  • Wo anklopfen? Tourismusinformation Matrei, Rauterplatz 1, A-9971 Matrei in Osttirol, Tel. 00 43/50/ 21 25 00, www.matreiosttirol.com
  • Wo übernachten? Wunderbar schlemmen, schlummern und saunieren lässt es sich im Hotel Outside, Virgenerstraße 3, A-9971 Matrei in Osttirol, Tel. 00 43/48 75/52 00, www.hotel-outside.at
  • Wo einkehren? Die Pizzeria Saluti in Matrei tarnt sich als Tennisstüberl, ist aber die einzige, von Gault Millau mit zwei Hauben ausgezeichnete Pizzeria! Ernst Moser kann nicht nur Gourmetküche, sondern gibt auch Pizza und Pasta eine besondere Note. Grießstraße 10, A-9971 Matrei, www.saluti-matrei.com
  • Sich orientieren: Kompass-Karte 1:50 000, Blatt 50 »Nationalpark Hohe Tauern«, drei Karten im Set: Großvenediger, Großglockner, Ankogel
  • Nicht versäumen: Die interaktive Ausstellung des Nationalparkzentrums Hohe Tauern in Matrei stellt verschiedene Lebensräume des Schutzgebietes vor und macht Lust auf die Entdeckung in der freien Natur. Kirchplatz 2, A-9971 Matrei, Tel. 00 43/48 75/51 61 10, www.hohetauern.at
Stefan Moll
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 09/2017. Jetzt abonnieren!
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