Die Hanauerhütte im Lechtal | BERGSTEIGER Magazin
Serie: Hüttenzauber

Die Hanauerhütte im Lechtal

Die Hanauer Hütte hat ihren Platz in einer der schönsten Ecken des Lechtals, umrahmt von Bergpersönlichkeiten, die aus dem Karboden des Parzinn herauswachsen. Egal ob Bergsteiger alter Schule, Kletterer, Höhenwanderer oder bloßer Landschaftsgenießer – hier ist Herzklopfen garantiert!
 
Die 1896 errichtete Hütte wurde inzwischen mehrfach erweitert. © Mark Zahel
Die 1896 errichtete Hütte wurde inzwischen mehrfach erweitert.
»Vom Parzinn darf man schon ein wenig schwärmen«, stellt der ansonsten eher sachlich veranlagte Dieter Seibert in seiner Gebietsmonografie über die Lechtaler Alpen fest. »Die Form der Berge schafft ein Bild, das zum schönsten in Österreich gehört, ein erstaunliches Miteinander von wild, eindrucksvoll, gewaltig«. Dieses Urteil ist nicht von der Hand zu weisen! Beim Namen Parzinn kommt einem sofort eine dolomitenhafte Szenerie in den Sinn. Die Gipfel sind hier tatsächlich aus Hauptdolomit aufgebaut und zeigen teilweise ein unverwechselbares Profil.
Guferlsee
Karibisches Farben-Flair: der malerische Gufelsee

Parzinn: Bergkranz der Extraklasse

Im Parzinn stehen wirklich einige Kaliber. Noch anspruchsvoller als die Dremelspitze ist die Große Schlenkerspitze zu erklimmen. Kein Wunder, dass dem widerspenstigen Brocken kaum jemand nachrennt – dafür braucht es schon einigen Schneid. An der handlicheren Parzinnspitze kommt man ebenfalls nicht ohne gewisse Kletterfertigkeiten sowie einer Portion Orientierungsvermögen aus.

Die nach Norden vorgeschobene Reichspitze ist immerhin vor ein paar Jahren am schroffen Gipfelaufbau ferratamäßig entschärft worden, um auch dem tüchtigen Bergwanderer eine Chance zu bieten. Dieser hatte im Umkreis der Hanauer Hütte bisher nämlich allein die hindernisarme Kogelseespitze als obligatorisches Ziel. Ja, solch ein alpiner Rahmen steht einer altehrwürdigen Alpenvereinshütte schon gut zu Gesicht.

Dabei war zu Zeiten des Baus anno 1896 die Gegend noch weitgehend touristisches Neuland. Erst als die Hanauer ihr »Arbeitsgebiet«, wie es damals in fast bürokratischem Ernst hieß, bezogen, traten eifrige Erstbesteiger auf den Plan, wobei sich auch der damalige Sektionsvorsitzende Dr. Ernst Fues hervortat.

Seither ist an der Hütte immer wieder gewerkelt worden. Allein fünf Erweiterungen verrät die Chronik, zudem fortwährende Umbauten und Verbesserungen der technischen Ausstattung, die heute modernen Umweltstandards genügt. Mit einem eigenen Wasserkraftwerk ist man sogar richtig privilegiert. Ein Seminarraum leistet gute Dienste bei Ausbildungskursen, und was dort theoretisch erklärt wird, kann im nahen Klettergarten gleich praktisch umgesetzt werden. Die rund 130 Schlafplätze sind an Schönwetterwochenenden schon mal gut belegt, obwohl die Lechtaler Alpen nicht unbedingt zu den Modegebieten zählen und das kleine Bergdorf Boden recht gut versteckt liegt.
Reichspitze
Am Gipfelaufbau der Reichspitze nimmt man am besten die Hände zu Hilfe.

Durchs Angerletal in die Parzinn-Arena

Man muss also zuerst ein gutes Stück die Hahntennjochstraße hinauffahren (oder aus dem Inntal kommend über den Pass), ehe von Boden aus der Hüttenweg ins romantische Angerletal hinein führt. Bald ist oben auf der Schwelle zum Parzinn die Hütte bereits zu erkennen – ein wirklich reizvoller Standort, der Spannung und Vorfreude weckt. Freaks können seit Kurzem sogar schon beim Zustieg ihren Adrenalinpegel ordentlich auf Trab bringen, wenn sie links zum Klettersteig ausscheren. Dieser wurde mit zwei Varianten im Bereich einer Schlucht angelegt und sollte den unbedarfteren Einsteiger keinesfalls zu einer vorwitzigen Turnübung verleiten. Wanderer bleiben am Normalweg!

Wenn man dann in die eigentliche Parzinn-Arena eintritt, ist man sofort ganz hingerissen von der Kulisse. Dorthin ausgerichtet und natürlich der Sonne zugewandt befindet sich auch Genießers Lieblingsplatz, die Hüttenterrasse. Wer mehr will, darf den grimmigen Felsgestalten näher ins Antlitz blicken. Wo bereits die Normalrouten meist den II. Grad verlangen, bleibt für reine Wanderer wie erwähnt hauptsächlich die Kogelseespitze, die über das Gufelseejöchl bestiegen wird. Oder man bricht zu einer Umrundung der Dremelspitze bzw. – etwas länger – der Parzinnspitze auf.

Eine Fülle herrlichster Landschaftsbilder ist dabei garantiert, mit Perlen wie dem Gufelsee oder dem Steinsee. Überhaupt ist die Hanauer Hütte bestens in das alpine Wegenetz eingebunden und Etappenziel sowohl auf der famosen Lechtaler Durchquerung als auch auf dem Adlerweg quer durch Tirol. So können Bergfreunde aller Art bei einem gemütlichen Hüttenabend Bekanntschaft schließen und nach ihrem Besuch tatsächlich vom Parzinn (und der Hanauer Hütte) schwärmen…
Steinböcke
Im Parzinngebiet sind auch Steinböcke zu Hause.

Eckdaten zur Hanauer Hütte

  • Lage: Auf 1922 Metern, direkt über dem Abbruch des Parzinnkessels ins Angerletal  
  • Eigentümer: DAV-Sektion Hanau (erbaut 1896)
  • Hüttenwirte: Werner und Petra Kirschner
  • Kapazität: 130 Schlafplätze
  • Öffnungszeit: Mitte Juni bis Anfang Oktober
  • Kontakt: Tel. 00 43/6 64/2 66 91 49; Reservierungen auch per E-Mail an hanauer.huette@aon.at
  • Homepage: www.hanauer-huette.de
  • Zustiege: Von Boden (1356 m) im Bschlaber Tal (Hahntennjochstraße) durchs Angerletal in 2 Std. Alternativ von Gramais (1321 m) über den Uhde-Bernays-Weg und die Kogelseescharte in 5 Std.
  • Karte: AV-Karte, 1:25 000, Blatt 3/4 »Lechtaler Alpen – Heiterwand, Muttekopfgebiet«; als Anschluss für westliches Tourengebiet auch Blatt 3/3 »Lechtaler Alpen – Parseierspitze«
Mark Zahel
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 11/2015. Jetzt abonnieren!
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