Skitourengebiet für anspruchsvolle Alpinisten

Skitouren in den Tuxer Alpen

In die dritte Etage gelangt man in den Tuxer Alpen nicht. Aber auch knapp unter der 3000er-Grenze eröffnen sich in dem idealen Skitourengebiet wunderbare Möglichkeiten für anspruchsvolle Alpinisten. Von Peter Freiberger

 
Ein  Blick in die kleine, aber feine Tuxer Skiwelt – hier gibt es lohnende Tourenziele in jeder Schwierigkeit © Peter Freiberger
Ein Blick in die kleine, aber feine Tuxer Skiwelt – hier gibt es lohnende Tourenziele in jeder Schwierigkeit
Im Westen die Stubaier Alpen als Nachbarn, im Süden und Osten die Zillertaler Eisriesen – dazwischen du-cken sich fast bescheiden die Tuxer Alpen. Doch sie müssen sich nicht verstecken. Es sind prächtige Skigipfel mit herrlichen Abfahrten, die das Bild dieser Gebirgsgruppe prägen. Der Höchste, der Lizumer Reckner, misst immerhin 2886 Meter und wird gefolgt vom 2857 Meter hohen Geier. Abschnittsweise relativ steil ist das Gelände schon auf der üblichen Anstiegsroute von der Lizumer Hütte. Rasch wird  klar: Die Tuxer sind alles andere als Berge, die man gemütlich »mitnimmt«.

Täler in den Tuxer Alpen

Die Tuxer Alpen sind gletscherfrei, und da keine Spaltengefahr besteht, sind etliche Tourenziele bereits im Hochwinter »machbar«. Viele Täler dringen ins Herz dieser Gebirgsgruppe vor und aus allen lassen sich lohnende Gipfel besteigen, doch vielfach muss man mehr als 1000 Höhenmeter bewältigen. Wer nur für ein paar Tage in die Tuxer fährt, sollte sich am Beginn nicht zu viel vornehmen, sondern die Sache »Step by Step« angehen. Dafür bieten sich einige Einsteigertouren an, wie beispielsweise das 2244 Meter hohe Sonntagsköpfl.

Gewusst wo…

Hochfügen stellt einen der Ausgangspunkte dar, bietet aber selten Bergeinsamkeit. Wer vom Loassattel, dem Übergang vom Inntal nach Hochfügen, startet, dürfte lange Zeit ein ziemlich ungestörtes Bergvergnügen genießen können. Das Sonntagsköpfl war zu Winterbeginn für mich und Rudi Mair, Tirols ranghöchsten Lawinenwarner, ein ideales Ziel, um uns wieder mit den Brettln unter den Füßen vertraut zu machen. Wir wussten, dass die Lawinensituation gerade recht kritisch war, und hatten nicht zuletzt auch deshalb diesen Gipfel gewählt. Dennoch gerieten wir bald ins Staunen. Aus vielen, in ihren Ausmaßen bescheidenen und nur mäßig steilen Hängen, hatten sich kleine Schneebretter gelöst. Dank des kupierten Geländes lassen sich Gefahrenstellen freilich gut umgehen, sodass das Sonntagsköpfl selbst von Norden her bei überlegter Routenwahl recht häufig gefahrlos erreicht werden kann. Gemütlich und entspannt zogen wir somit die rund 600 Höhenmeter hinauf. Der Blick über das Inntal hinweg Richtung Norden ins Karwendel zog uns in den Bann, im letzten schattigen  Abschnitt ließ der imposante Gilfert westlich des Sonntagsköpfls die eisige Kälte dieses Frühwintertags vergessen.

Ehrfürchtiges Staunen am Gipfel des Sonntagsköpfls

Apropos Aussicht: Keine 2300 Meter hoch, bietet dieses »Gipfelchen« dennoch ein herrliches Panorama. Als besondere optische Leckerbissen tauchen im südlichen Hintergrund  berühmte »Zillertaler« wie der Große Löffler, der Schwarzenstein oder die kühne Zsigmondyspitze auf. Mehr noch staunten wir  über ein Naturschauspiel, das uns 15 Gämsen boten. Die unnachahmlichen Kletterer zogen gegenüber eine weit über 40 Grad steile Schneeflanke am Gilfert hinauf, dass uns angesichts der Lawinensituation der Atem stockte. Doch die edlen Tiere hatten die Lage für sich selbst richtig eingeschätzt und gelangten sicher zu einem abgewehten Rücken, wo sie Futter fanden.

Uns blieben nur ein ehrfürchtiges Staunen und die Freude auf die Abfahrt, die leider zunächst der Bruchharsch trübte. Zum Glück wurde die weiße Pracht aber bald lockerer und damit das Skivergnügen groß. Beinahe so groß wie die Wiener Schnitzel, an denen wir anschließend im Gasthaus »Loas« nicht vorbeikamen. Einer »Einsteigertour« in den Tuxern ähnelt auch das Naviser Kreuzjöchl. Um auf diesen 2536 Meter hohen Gipfel zu gelangen, muss man allerdings von einer ganz anderen Seite starten – nämlich im Wipp- beziehungsweise Navistal, ganz exakt im Ort Navis.

Betritt man von Navis, also von Westen, die wunderbare Skitourenwelt der Tuxer Alpen, dann bietet sich ebenfalls eine Tour zum Geier an. Die setzt viel Erfahrung voraus, denn das Gelände präsentiert sich teilweise »sausteil« und heikel. Klar, dass der Geier ein »Muss« in den Tuxern darstellt. Doch warum sich unnötig in Gefahr begeben oder tagelang günstige Bedingungen abwarten, wenn sich dieser 2857 Meter hohe Gipfel aus dem Wattental einfacher bezwingen lässt? Das Wattental erreicht man von Wattens aus. Der Ort befindet sich rund 15 Autominuten östlich von Innsbruck. Unzertrennlich zum Wattental gehört die Wattener Lizum. Dort befindet sich übrigens der Truppenübungsplatz Lizum-Walchen des österreichischen Bundesheers – der höchstgelegene Truppenübungsplatz in ganz Europa!

Es wird scharf geschossen in Lizum-Walchen

Die Tourengeher ziehen daraus nicht unbedingt einen Nutzen, denn es handelt sich grundsätzlich um militärisches Sperrgebiet, wo regelmäßig scharf geschossen wird und die Tourenmöglichkeiten dann entsprechend eingeschränkt sind. Trotzdem lockt die Lizumer Hütte, die sich unmittelbar hinter dem Hochlager befindet, die Tourengeher an. Keine 1000 Höhenmeter trennen das Alpenvereinsschutzhaus vom Gipfel des Geiers. Konditionsstarke schaffen ihn locker an einem Tag vom Lager Walchen (rund 1400 Hm). Doch warum sollte man die »Operation Geier« nicht gemütlich angehen? Heißt: am Nachmittag zur Hütte aufsteigen, dort nächtigen und am nächsten Morgen den Gipfel »machen«, der einen grandiosen Rundumblick bietet. Unverkennbar sticht im Westen der Habicht aus dem Gipfelmeer heraus.

Puste und Ausdauer bei der Skitour auf den hohen Wildofen

Schauen wir jetzt aber ein Tal weiter und machen wir Station auf der Weidener Hütte beziehungsweise Nafinghütte, die vom Inntal aus über den Weerberg zu erreichen ist. Die 2574 Meter hoch gelegene Halslspitze gehört zwar zu den klassischen Touren, die sich von dort anbieten, doch nicht alle führen in diesem Bereich der Tuxer Alpen über die Weidener Hütte.

Bereits von Innerst am Ende des Weerbergs eröffnen sich Routen zu schönen Skibergen. Dazu zählt zum Beispiel der 2553 Meter hohe Wildofen. Für diesen Burschen heißt es ordentlich Kondition im Rucksack mitführen. Immerhin gilt es, rund 1300 Höhenmeter zu überwinden. Der Wildofen löst in mir zwiespältige Gefühle aus. Ich hatte ihn vor (sehr) vielen Jahren als mein erstes Gipfelziel in den Tuxer Alpen ausgesucht. Wunderbare Tiefschneehänge bei strahlendem Sonnenschein blieben vordergründig in Erinnerung, während die Plackerei mit der uralten Ausrüstung nur noch die alten Dias „belastet“. Ähnliche Anforderungen an Puste und Ausdauer wie der Wildofen stellt der Gilfert, der zu den Attraktionen der Tuxer zählt und wie der Wildofen von Innerst aus bestiegen wird.

Doch machen wir noch einmal einen Schritt zurück hinein ins Herz der Tuxer Alpen zur Weidener Hütte. Von dort lässt sich über die Halslspitze und das Nurpensjoch der 2762 Meter hohe Rastkogel erreichen. Vom Rastkogel kann man über das Skigebiet nach Lanersbach abfahren und den Übergang ins Tuxer Tal schaffen. Auf den Rastkogel gelangt man alternativ von der Rastkogelhütte (2117 m). Ausgangspunkte für das DAV-Schutzhaus sind entweder die Zillertaler Höhenstraße oder Hochfügen. Der 2677 Meter hohe Glungezer ist zwar bis weit hinauf durch Lifte erschlossen und daher ein sehr kommoder Tourengipfel, doch die Abfahrt bis zum Ausgangspunkt in Tulfes lohnt allemal.

Vielfalt kennzeichnet nicht nur die Gipfelwelt der Tuxer Alpen, sondern auch ihre Besucher, denn kaum ein Gebirge bietet Zugänge von ähnlich vielen Seiten, Tälern und Regionen aus. Eine außergewöhnliche und deshalb außerordentlich reizvolle Konstellation, die selbst für fleißige Tourengeher über viele Jahre hinweg spannend bleibt.
Peter Freiberger
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