Die Südseite des Großvenediger | BERGSTEIGER Magazin
Skitouren im Virgental

Die Südseite des Großvenediger

Bei Skitouren im Virgental am Fuße der wild vergletscherten Venedigergruppe hat man stets den Groß­venediger im Blick.

 
Skitouren im Virgental © Peter Schäfer
An der Weißspitze, umringt von 3000ern
»Und das da hinten ist der Großvenediger«: Die am meisten verbreitete aller Gipfelaussichts-Lügen kennzeichnet den typischen Aktionsradius Bayerischer Skitourengeher. Dieser zieht sich meist von der Weißkugel über Zuckerhütl und Olperer zum Tauern-Monarchen hinüber. Was für ein großartiges Hochtal jenseits des Stützerkopf – wie der Großvenediger einst genannt wurde – liegt, ist hingegen für erstaunlich viele Bergsteiger ein Geheimnis. Dabei zeigt schon ein Blick auf die Alpenvereinskarte, dass es sich beim Virgental am Fuße der wild vergletscherten Vendigergruppe um ein sehr schönes und sonniges Plätzchen handeln muss. Schon der aus dem Slawischen stammende Name (virge = sonniger Ort) legt das nahe.

Ein weiterer guter Grund, die etwas längere Anreise in Kauf zu nehmen, offenbart sich, sobald man von Matrei in Richtung Prägaten abzweigt. Nachdem die Landstraße den Wald verlassen hat, schlängelt sie sich oberhalb der sprudelnden Virgen durch eine mit hübschen Baumreihen und Weilern gesprenkelte Sonnenterrasse. Zu Recht gelten die circa 15 Kilometer bis zum Talschluss als eines der letzten naturbelassenen Täler Tirols. Anstelle riesiger Skigebiete à la Ischgl gibt es im Virgental gerade einmal zwei kleine Skilifte. Diese sind unauffällig in Dorfnähe gelegen. Geeignet sind sie insbesondere für Anfänger und Kinder.

Prägraten: Startpunkt für Dreitausender

Der perfekte Ort, um sich für die umliegenden Dreitausender vorzubereiten, ist das 1310 Meter hoch gelegene Prägraten. Über 50 Dreitausender ragen rund um das urige Bergdorf in den Osttiroler Himmel. Wer hier an einem schönen Neuschnee-Morgen seine Felle aufzieht, wundert sich nicht, dass sich das Virgental zu einem Geheimtipp unter Skitouren-Insidern entwickelt hat. Egal ob Wunalm, Stürmitzalm oder Eissee-Hütte – die beliebtesten Eingehtouren führen vom Tal aus nicht auf weit entfernte Gipfel, sondern zu sonnigen Aussichtsplätzen. Optimal akklimatisiert, ist es nach zwei, drei Tagen an der Zeit, in die nächst höhere Etage aufzusteigen. Vorausgesetzt, die Lawinengefahr lässt es zu. Dass man nach 17 Uhr am Abend mehr oder weniger gefahrlos aufsteigen kann, gilt längst nicht mehr.

Die Rostocker Hütte

So sagt es Friedl Steiner – ein wahrer Kenner der Venedigergruppe. Mit seiner Frau Angelika führte er die Essener und Rostocker Hütte über 17 Jahre lang. »Die beste Aufstiegszeit durch diese tief eingeschnittenen V-Täler ist zeitig in der Früh«, ergänzt er. Heute bietet die Essener und Rostocker Hütte 114 Schlafplätze. Bis in die 1950er-Jahre war das anders – immer wieder mussten Bergsteiger auf Bänken in Kauerstellung oder auf der Holzstiege schlafen. Gemeinsam mit dem DAV-Rostock beschloss die Familie Mariacher-Steiner aus Prägraten alsbald, die Hütte zu erweitern. 1966 folgten schließlich Taten: Nachdem eine Lawine die Essener Hütte im Umbaltal zerstörte, erweiterten der DAV-Rostock und der DAV-Essen die Hütte gemeinsam zur Essener und Rostocker Hütte. Gleichzeitig weitete die Familie Mariacher-Steiner die Bewirtschaftungszeit aus. Bislang nur Ostern und Pfingsten geöffnet, hatte die Hütte nun durchgehend von Mitte März bis Mitte Mai geöffnet. Bei so hoch gelegenen Hütten war das damals alles andere als selbstverständlich.

Friedl Steiner empfiehlt jedem, der zur Hütte kommt, zunächst noch ein Stück weiter zu gehen: »Um sich für die großen Gipfelbesteigungen einen guten Überblick zu verschaffen, sollte man die kurze Eingehtour auf den Hausberg Rostocker Eck dranhängen. Von dort hat man eine gewaltige Panoramaaussicht auf die Eisriesen des Maurertales.« Die Antwort auf die Frage, welchen der zehn umliegenden Ski-Dreitausender man am nächsten Tag unter die Felle nehmen sollte, nimmt er einem allerdings nicht ab. Er schmunzelt lieber.

Vom Winde verweht

Spätestens am Gipfel des Großen Geiger wird man sehnsüchtig zum 100 Meter höheren Großvenediger hinüber blinzeln. Wer jetzt noch zwei Tage Zeit hat, der wechselt einfach übers Türmljoch zur Johannis-Hütte hinüber. Von dem nach ihrem Geldgeber Erzherzog Johann benannten Holzbau lässt sich der 3667 Meter hohe Eisriese relativ leicht besteigen. Vorausgesetzt, man weiß den Alpenvereins-Wetterbericht richtig zu interpretieren. Als alpin-meteorologisches Greenhorn ging der Autor dieses Beitrags vor etwa 25 Jahren davon aus, dass sich bei einer Föhnlage am Alpenhauptkamm schon gutes Wetter einstellen werde.

Bei einsetzendem Sturm erreichte er gerade noch den Winterraum des Defreggerhauses und saß dort zusammen mit seinem Bruder drei Tage fest. Selbst als es endlich aufklarte, warf der Höhensturm die übermütigen Venediger Aspiranten auf dem Rainer Kees einfach um. Mit Ach und Krach heil im Tal angekommen und verzaubert vom Blick auf den Lasörling, waren sich die Brüder beim Einkehrschwung in Prägaten aber bereits einig, im nächsten Winter wieder ins hübsche Virgental zu fahren.

Von Michael Pröttel
Skitouren rund um den Großvenediger. - Fotos: Peter Schäfer (1), Friedl Steiner
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