Skitouren im schweizer Averstal

Das perfekte Skitourenwochenende

Ein gemütlicher Einstieg am Freitag Nachmittag, eine ausgedehnte Ski(hoch)tour am Samstag und ein nicht allzu zeitaufwändiger Gipfel für den Sonntag – das ist Prinzip unserer neuen Winter-Serie. Diesmal machen wir die Probe aufs Exempel im Avers-Tal in Graubünden.
Von Michael Pröttel (Text und Bilder)

 
Der anspruchsvolle Anstieg zum Piz Platta beginnt mit mäßig geneigten Idealhängen © Michael Pröttel
Der anspruchsvolle Anstieg zum Piz Platta beginnt mit mäßig geneigten Idealhängen
Es ist doch immer dasselbe: Anfang Dezember checkt der Skitouren-Süchtling, ob die Felle zuverlässig halten, die Kanten ordentlich geschliffen sind und ob die Batterien im LVS-Gerät im Fall des Falles noch genug Saft haben. Alles ist startklar – und dann lässt der Winter wieder ewig auf sich warten. In einem solchen Jahr rettete mich der Tipp meines alten Bergspezls Flo vor der drohenden Winterdepression: »Juf ist deine einzige Chance. Auf 2100 Meter Starthöhe kann man den ganzen Winter, ja bis in den Juni rein skifahren. Wenn in diesem Schneeloch nix geht, dann fresse ich einen Besen!«

Unsere Anreise lässt allerdings vermuten, dass Flo um seine »Holzbratwurst« wohl nicht herumkommen wird. Im Tal des Hinterrheins liegt kein Krümel Schnee. Doch hinter Zillis passiert dann das Unglaubliche: An der Abzweigung Richtung Juf trägt ein Holzstoß tatsächlich eine weiße Haube. Ist das wirklich Schnee? Genau in dem Maße wie die Straße an Höhe gewinnt, steigt unsere Laune. Bei Innerferrerra sind die Dächer der Heustadel bereits schneebedeckt, Campsut begrüßt uns mit einem weißen Talboden, und als sich kurz vor Cresta das Averser Hochtal öffnet, präsentieren sich seine weiten Flanken als wunderschöne Skihänge. Das höchstgelegene dauerhaft besiedelte Tal in den Alpen macht seinem, dem Klimawandel trotzenden Ruf wieder einmal alle Ehre!

Auf der Suche nach dem Weiß

Was uns jetzt noch zum vollkommenen Glück fehlt, ist die richtige Eingehtour. Thomas sind die rechts von uns liegenden Hänge des Großhorns einfach zu flach. Er muss aber einsehen, dass der linker Hand liegende Piz Platta jetzt um halb drei nicht mehr in Frage kommt. »Wie wär’s mit dem genialen Ostrücken da vorne?« Wolfis Adleraugen bewahren uns in letzter Minute vor einem klassischen Fall männlichen Tunnelblicks.

Keine Viertelstunde später parken wir dort, wo auch der Postbus nicht mehr weiter kommt. Auf 2126 Metern Meereshöhe haben anscheinend sogar Schweizer Räumkommandos die Schnauze voll!  So schnell wie in Juf habe ich noch nie meine Tourenausrüstung angelegt:  Der Blick auf die über uns aufragende, endlos lange, weiße Flanke ist fast nicht auszuhalten. Was von der Ferne wie ein Bergrücken aussah, präsentiert sich als genialer Riesenhang, der – so wie es ausschaut –  in gleichbleibender Steilheit bis zum Gipfel führt. Tatsächlich unterbricht nur eine minimale Abflachung den bis zu 40 Grad steilen Aufstieg zum Wengahorn. Erst 80 Meter unterm Gipfel mutiert der weite Hang doch zum breiten Bergrücken – was den Tunnelblick von Thomas dann vollends überfordert. Rundum wiegen sich Wellen und Täler eines endlosen Schneemeeres, auf dem die dunklen Gipfelblöcke der umliegenden Dreitausender wie Weinflaschenkorken tanzen.

Ganz oben auf unserer Wunschliste steht der direkt gegenüberliegende Piz Platta. Der »König des Oberhalbstein« – wie die Berge zwischen Julierpass und Hinterrhein genannt werden – gilt zu recht als einer der beeindruckendsten Skitourenberge Graubündens. Auch ohne die Androhung von Flo »Kommt’s mir bloß ned ohne den Piz Platta heim!«, ist es klar, dass wir auf den 3392 Meter hohen Gipfel hinauf wollen, ja müssen!

Doch vor der Arbeit kommt bekanntlich das Vergnügen. Und zwar an diesem traumhaften Winternachmittag in Form einer 750 Höhenmeter langen Traumabfahrt – nur  die brennenden Oberschenkel zwingen uns zu kurzen Pausen. Mit ausreichend Kraft und Kondition könnte man vom Gipfel bis zum Ausgangspunkt ohne weiteres in einem Rutsch durchwedeln! Unten in Juf sind wir uns über zwei Dinge einig: Eine genialere Einstiegstour kann es an einem Anreisetag einfach nicht geben. Und egal, in welchem Bergdorf des Avers-Tales man sich einquartiert, an solch ein hochalpines und hochwinterliches Ambiente kommen viele Alpenvereinshütten nicht heran.

Orkan am König des Oberhalbsteins

Die Sterne funkeln noch am Himmel, als unsere Skischuhe mit lauten Knacken in die Tourenbindungen einrasten. Wieder genießen wir weite Idealhänge, auf denen wir von Anfang an das richtige Tempo zum Warmwerden finden. Hinter dem weiten Bergkessel des Tälli geht es dann richtig zur Sache. Die vor uns liegende Steilrinne macht für mich die Sache klar: Nur von Juf und nicht von Bivio aus hat man den Piz Platta wirklich bestiegen!  Während ich, die Ski längst auf dem Bu­-ckel, den beinharten Harsch mit Pickel und Steigeisen malträtiere, hält sich Wolfi weiterhin mit Ski und Harscheisen erstaunlich  sicher auf den Beinen. An der engsten Stelle ist dann allerdings auch für unseren Techniker Schluss. Egal, denn das Ende der Rinne hätte er sowieso nicht mit Ski geschafft: Splittriges Eis und brüchiger Fels machen den kurzen, aber knackigen Ausstieg zum Eiertanz. Ein letztes Mal prüfen meine eiskalten Finger einen kristallinen Wackelkandidaten, dann stehe ich endlich auf dem flachen Platta-Gletscher – und direkt vor mir der namensgebende Gipfel!

Doch nicht immer gebührt den Fleißigen das Glück. Während wir uns voller Konzentration emporgearbeitet haben, hatte eine – zugegeben bereits vorhergesagte – Schlechtwetterfront anscheinend genau die gleiche Idee. Am Skidepot ist rückblickend weder vom Gletscher noch von unserer Aufstiegsspur das geringste zu sehen. Mit starken Böen macht uns der Wettersturz klar: Heute gehört der Piz Platta nur mir allein! Etwa 200 Höhenmeter unter dem Gipfel geben wir auf und hoffen, dass Flos Strafpredigt milde ausfallen wird.

Die Qual der Wahl der Abschlusstour

Früher als gedacht treibt uns der Sturm also wieder ins Tal und dort in den urigen »Pürder Hof«. Auf die Idee, ein so abgelegenes und hoch gelegenes Tal zu besiedeln, kamen übrigens die Walser. Bei ihrer Mini-Völkerwanderung im 13. und 14 Jahrhundert  waren die besten Tallagen schon  lange vergeben. Und so mussten sie am Hinterrhein mit dem Averser Hochtal vorlieb nehmen.

Die nette Bedienung serviert uns neben einem frischen Calander eine überraschend gute Wetterprognose, was mich natürlich gleich die Skitourenkarte zücken lässt. Etwa zehn lohnende Skigipfel stehen für den krönenden Wochenendabschluss zur Auswahl. Einer der beiden 3000er Piz Turba und Piz Piot wäre natürlich ganz große Klasse. Andererseits sollte die Tour wegen der Rückfahrt nicht zu lang sein. Und außerdem: Was sind schon 19 Meter ? Genau soviel Höhendifferenz fehlt dem Tscheischhorn zur magischen Dreitausendermarke. Wir entnehmen der Karte außerdem: Das Weniger an Höhe gleicht der Hausberg von Juppa mit einem Weniger in Sachen Talhatscher mehr als aus.

Wie zum Hohn klart es tatsächlich noch in der Nacht auf. Wie gut, dass der Platta beim Anstieg zum Tscheischhorn in unserem Rücken und nicht direkt vor unserer Nase liegt. So können wir den Anstieg durch das menschenleere Bergalga-Tal ohne jegliche Wehmut genießen. Verpasster Gipfelerfolg hat gerade im Avers-Tal schließlich auch seine guten Seiten: Bei den nächsten Platta-Versuchen warten noch viele Winterziele für ein perfektes Skitourenwochenende auf uns. 
 
Ein Tourenwochenende in Juf - Avers-Tal in Graubünden
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren