Leben als Gratwanderung: Hans Kammerlander wird sechzig | BERGSTEIGER Magazin
Der Unverwüstliche im Portrait

Leben als Gratwanderung: Hans Kammerlander wird sechzig

Hans Kammerlander hat die höchsten Berge der Welt bestiegen und war bei sieben Achttausendern der Seilpartner von Reinhold Messner. Im medialen Windschatten des Übervaters Messner gelang es dem Bergführer, selbst vom Profi-Alpinismus zu leben. Der Bergbauernbub Kammerlander blieb immer bodenständig. Nun, mit 60, kehrt er an seinen Schicksalsberg zurück. Um ein 25 Jahre währendes Trauma zu überwinden.
 
Höher geht‘s nicht: Kammerlander auf dem Everest-Gipfel © Archiv Hans Kammerlander
Höher geht‘s nicht: Kammerlander auf dem Everest-Gipfel
Jetzt also doch. Zurück an den Manaslu. Ein Vierteljahrhundert nach der Katastrophe. Im Mai 1991 kamen bei der von Hans Kammerlander organisierten Südtiroler Manaslu-Expedition Carlo Großrubatscher und Friedl Mutschlechner ums Leben. Gerade mit Friedl verband Hans eine enge Freundschaft. Beide gerieten beim Abstieg in ein kolossales Gewitter, im Verlauf dessen Mutschlechner vom Blitz getroffen wurde – nur wenige Meter von Kammerlander entfernt. Das war mehr, als der Freund ertragen konnte.

»Mein Entschluss stand fest. (…) Ich wollte nie mehr einen Achttausender sehen. Ich würde die Alpinschule an jemand anderen übergeben. Ich wollte zurückkehren auf den Bau, wieder als Maurer arbeiten und nie mehr auf einen Berg steigen. Dort hatte ich zwei Freunde verloren. Der Berg hatte sie mir genommen. Für mich war klar: Der Manaslu war schuld an ihrem Tod.« (aus »Bergsüchtig«, Malik 2013, S. 151). Diese Reaktion, die Kammerlander in seinem Buch »Bergsüchtig« beschreibt, war verständlich.


Schulterschluss für sieben 8000-er: Der 12 Jahre ältere Reinhold Messner (li.) mit Hans.

Dennoch war wohl allen, die ihn besser kannten, klar, dass der Südtiroler nicht von den Bergen – auch den hohen – würde lassen können. Dafür war er zum Zeitpunkt des Unglücks mit 34 Jahren noch zu jung, zu gut, zu ehrgeizig. Es ist von daher nicht verwunderlich, dass er jenem Buch, das 1999 erschien, den Titel »Bergsüchtig« gab. Es sagt auch viel über den Menschen und Bergsteiger Kammerlander aus, dass er das Manuskript im April 1998 im Basislager des Kangchenzönga auf einem halb gefrorenen Computer zu verfassen begann, auf 5100 Metern Meereshöhe. Wieder ein Superlativ in dem an Superlativen nicht armen Leben des Südtirolers.

Drei Achttausender wollte Kammerlander damals hintereinander besteigen: Zuerst den dritthöchsten Berg der Erde, den Kangchenzönga (8586m), dann im zweiten Anlauf seinen Schicksalsberg Manaslu (8163m) und schließlich den K2 (8611m). Der emotionale Entschluss von 1991 war also längst Geschichte, auch wenn Kammerlander den Manaslu über Jahre wegen der traumatischen Erfahrung gemieden hatte. Nun, im Jahre 1998, wollte er dem Berg so wenig Zeit wie möglich schenken. Von Samagoun, dem letzten bewohnten Dorf auf 3800 Meter Höhe, plante Kammerlander bis zum Gipfel zu gehen – ohne Basislager, ohne Hochlager. Ein verrücktes Projekt.

Doch es kam anders, wie so oft an den hohen Bergen: Die Trilogie endete schon nach dem Gipfelerfolg am Kangchenzönga, auf dem Kammerlander den berühmten Kopfstand machte, mit einem Hubschrauberflug nach Kathmandu ins Travel-Medicine-Center. Weil er seine Stiefel für die Skiabfahrt extrem eng geschnallt hatte, schaffte Kammerlander es nicht, seine unterkühlten Füße im Basislager aufzutauen. Der Höhenbergsteiger, der soeben seinen 12. Achttausender bestiegen hatte, hörte die ernüchternde Diagnose: schwere Erfrierungen an allen Zehen des linken Fußes, leichtere an den übrigen. Zwei Tage später hing Kammerlander im Krankenhaus von Bruneck am Tropf und hatte – wieder einmal – unglaubliches Glück. Er verlor keinen einzigen seiner Zehen, brauchte aber ein halbes Jahr zur Rekonvaleszenz.

Kammerlander, der Unverwüstliche. Der Bergbauernbub, geboren am 6. Dezember 1956 in Ahornach im Taufener Ahrntal, hat in seinem Bergsteigerleben das Schicksal oftmals herausgefordert. Sei es bei der Gasherbrum-Doppelüberschreitung mit Reinhold Messner, als er bei der mörderischen Tour in der Todeszone auch noch in eine Gletscherspalte fiel. Bis heute wurde diese Route niemals wiederholt.


Pose auf Kammerlander-Art. Hans feiert den Kangchenzönga- Gipfelerfolg 1998.

Oder am Mount Everest im Katastrophenjahr 1996, als zwölf Bergsteiger ums Leben kamen und Kammerlander im Alleingang und ohne Höhenlager hocheilte, wie immer ohne zusätzlichen Flaschensauerstoff, dafür aber mit am Klettergurt befestigten Ski – der Weg zum Gipfel gesäumt von Leichen. Tote, die Kammerlander mit ihrer Ausrüstung das Leben retteten. Fünf Stunden schneller als je ein Mensch zuvor war er vom Basislager aus oben angelangt. Und als Erster wagte er eine Skiabfahrt, ein Himmelfahrtskommando, das ihn dank seines unbändigen Willens wieder heil unten im Basislager ankommen ließ: nach 23,5 Stunden.

Was kann so einen Mann überhaupt aus der Bahn werfen? Kein Ereignis am Berg, die Vermutung liegt nahe. Eher das Leben unten, im Tal. Kammerlander hat eine Tochter namens Zara, sie ist acht Jahre alt und lebt bei der Mutter in Hamburg. »Ich hätte ihr gerne die Natur nahegebracht«, sagt Kammerlander und klingt dabei so, als wäre dieser Zug bereits abgefahren. Es mache ihn traurig, wenn er mit ihr telefoniere und sie sage, er solle doch einfach schnell kommen. Auf seine Antwort, dass es sehr weit sei von Südtirol nach Hamburg, habe Zara erwidert: »Du kannst doch mit dem Schiff kommen.«


Liebe auf Entfernung: Kammerlander mit seiner Tochter Zara (2012), die in Hamburg lebt.

Kammerlander wird in den Bergen bleiben, auch wenn ihm Südtirol vergällt worden ist nach dem Unfall vor drei Jahren, bei dem der 21-jährige René Eppacher aus Rein in Taufers ums Leben kam. »Ich habe getrunken und bin gefahren, da gibt es nichts zu deuteln«, sagt der Ahornacher. Seither werde er im Internet regelrecht verfolgt. »Kritik, auch wenn sie hart ist, schätze ich, solange Namen dahinterstehen. « Anonyme Angriffe setzten ihm aber zu. So überlegt Kammerlander, »nach Osttirol zu ziehen«.

Vorher wird er aber an den Manaslu zurückkehren, an die Südwand. Der Entschluss steht fest. Es werde aber »kein Stressprojekt. Wenn’s Wetter nicht passt, kann ich umdrehen«, sagt Kammerlander. Der Manaslu fehlt ihm noch als 14. Achttausender, doch das sei nicht seine Motivation. »Ich muss mir nix mehr beweisen.« Kammerlander will sich mit dem Berg versöhnen. Und dieses Kapitel dann ein für allemal schließen. Die Bergsucht wird ihm aber bleiben. Mit und ohne Manaslu.
 
Michael Ruhland
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 11/2016. Jetzt abonnieren!
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