Almbäuerin Wiete Tiedemann im Interview

Vom Reiz der Rindviecher

Almbauern sehen immer aus wie der Almöhi: wettergegerbtes Gesicht, langer Bart, mürrische Mimik. So weit das Klischee. Manche sehen aus wie Wiete Tiedemann, Jahrgang 1975, wohnhaft in Irschenberg. Seit sechs Jahren verbringt sie den Sommer als Wirtin und Bäuerin auf der Ankelalm im Mangfallgebirge. Ein Gespräch über den Reiz der Rindviecher.
 
Wiete Tiedemann entspricht nicht ganz dem Idealtypus des Almhirten. © Wiete Tiedemann
Wiete Tiedemann entspricht nicht ganz dem Idealtypus des Almhirten.
BERGSTEIGER: Wiete Tiedemann ist nicht gerade der typische Name für eine Almerin. Da stellt man sich etwas wie Resi Hintermoser vor.
Tiedemann: Richtig, ich bin aus Buxtehude bei Hamburg, da hat es solche Namen. Ich bin aber schon vor 18 Jahren nach Miesbach gezogen. Das mit der Alm hat sich zufällig ergeben. So weit es sich arrangieren lässt, würde ich sie gerne weiter bewirtschaften.

Sie arbeiten eigentlich als Technische Zeichnerin. Lässt sich die Almwirtschaft mit Ihrem Beruf vereinbaren?
Mein Arbeitgeber stellt mich für die Sommermonate frei. Jeweils montags – da ist Ruhetag auf der Alm – komme ich trotzdem ins Büro. Das haben wir so vereinbart, und es läuft super. Die anderen acht Monate arbeite ich dann Vollzeit und verdiene mein Geld.

Viele haben von der Almarbeit ein sehr romantisches Bild. Wie war das bei Ihnen?
Ich hatte ziemlich realistische Vorstellungen davon, dass es ziemlich viel Handarbeit ist. Ich habe zuvor schon einmal vier Jahre auf einem Hof gearbeitet und wusste mit dem Vieh umzugehen. Die Arbeit ist anders als im Büro, gar kein Vergleich. Ich stehe beispielsweise schon mit dem Hellwerden auf und schaue, dass ich bei der Herde bin, wenn die Tiere aufwachen. Da bekommt man gleich einmal den Überblick.

Hat Sie dort oben gar nichts überrascht?
Vielleicht habe ich mir zuvor zu wenig Gedanken gemacht, um wirklich überrascht zu sein. Aber was ich mir so nicht wirklich vorgestellt habe und wovon ich eher positiv überrascht war, ist, wie wenig man eigentlich zum Leben braucht, ob nun Lebensmittel, Kleidung oder einfach Platz in der Wohnung.

Wie haben Ihre Bekannten auf Ihre Entscheidung für den Sommerminimalismus reagiert, besonders jene aus Norddeutschland?
Es ist eher von Mensch zu Mensch unterschiedlich, da existiert jedenfalls kein Nord- Süd-Gefälle. In erster Linie ist die Reaktion Bewunderung, im zweiten Satz kommt dann entweder: Das kann ich mir nicht vorstellen. Oder: Das würde ich auch gerne einmal machen.

Was sagen Sie darauf?
Ich sage: Für mich ist das ideal, weil ich nichts auf Luxusgüter gebe oder im Sommer auch nicht zum Baden muss. Das, was ich da oben habe, tausche ich nicht gegen die Annehmlichkeiten wie warme Dusche oder Internet ein.

Finanziell wird dennoch nicht besonders viel hängenbleiben.
Nein, meinen Lohnausfall kann ich nicht annähernd reinarbeiten. Die Tiere gehören ja einem Bauern im Tal. Indem ich auf das Vieh aufpasse, darf ich die Alm nutzen und durch das Schankrecht mein Taschengeld auf bessern. Wobei ich in erster Linie auf der Alm bin, um das Vieh zu versorgen.

Wie reagieren Ihre Gäste darauf, dass die Rinder auf der Alm die Könige sind?
Ich muss sagen, dass die meisten sehr glücklich, zufrieden und verständnisvoll sind, wenn sie hier oben ankommen. Die wenigsten sind enttäuscht, dass keine richtige Wirtschaft dabei ist. Und selten wundern sich die Leute, dass das Vieh letztlich im Vordergrund steht. Dass manche im Trog ihre Füße oder auch Schuhe waschen, kommt zwar vor, aber damit kämpft jeder, der auf einer Alm arbeitet.

Ist da überhaupt nichts, was Sie vermissen?
Wenig. Aber was ich im Sommer wirklich sehr gerne mache, ist das Radfahren. Da bin ich in den letzten drei Jahren kaum dazu gekommen.

Interview: Dominik Prantl
Fotos: 
Wiete Tiedemann
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2015. Jetzt abonnieren!
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