Interview mit Gerd Schütz

„Niemand kann mir das Bergsteigen verbieten“

Der Münchner Gerd Schütz wollte in diesem Jahr im Rahmen einer kommerziellen Expedition als ältester Deutscher auf dem Mount Everest stehen. Doch im Advanced Base Camp (ABC) an der Nordseite wurde er vom Erdbeben überrascht. Im BERGSTEIGER-Interview spricht der 64-Jährige über Angst, Altersrekorde und Billardtische im Basislager.
 
 
Gerd Schütz © Gerd Schütz


Herr Schütz, wie haben Sie das Erdbeben vom 25. April 2015 am Everest erlebt?
Nach einigen Akklimatisierungstouren sind die zwölf Teilnehmer unserer Expedition ins ABC aufgestiegen. Um die Mittagszeit saß ich mit einem Freund vor dem Zelt. Wir haben zum Gipfel geschaut und gescherzt, dass wir diese fünf Kilometer jetzt auch noch schaffen. Alles war friedlich. Auf einmal brach ein Höllenlärm los. Es war eine ganz eigenartige Situation. Der Boden ist für zwei Minuten regelrecht geschwommen. Und dann diese Vibrationen: Der ganze Berg hat gezittert, wie man es sich nicht vorstellen kann.
 
Bestand unmittelbare Gefahr für ihre Gruppe?
100 Meter neben dem ABC ist eine riesige Schuttlawine abgegangen. Und auch am North Col haben wir Lawinen gesehen. Das Nachbeben war in meiner Empfindung sogar noch stärker. Wir haben immer wieder ängstlich nach oben geschaut. Wenn am Changtse auch nur ein Fels in unsere Richtung abgegangen wäre, hätte es keine Rettung gegeben.
 
Hatten Sie Angst?
Komischerweise nicht. Es kam mir vor wie in einem Film. Um mich herum hat sich alles bewegt, aber ich war sehr ruhig. Erst beim Nachbeben hatte ich Befürchtungen. Wir waren alle wie gelähmt und haben nur gedacht: Hoffentlich kommt nichts runter, hoffentlich kommt nichts runter!
 
Wann haben Sie von den schrecklichen Ausmaßen auf der Südseite des Everest und in ganz Nepal erfahren?
Wir haben schnell realisiert, dass in der Nähe des Epizentrums wirklich die Hölle los gewesen sein muss, wussten aber nicht, wo das war. Irgendwann ist durchgesickert, dass es in Kathmandu viele Tote gab.

"Natürlich wollten wir weiter"

Wie lange mussten Sie dann noch im ABC ausharren?
 Obwohl auf der chinesischen Seite die Anweisung „Keiner bewegt sich“ galt, sind einige Bergsteiger mit unserem Expeditionsleiter Kari Kobler und den Sherpas abgestiegen. Ich war noch fünf oder sechs Tage oben.
 
Wollten Sie weiter zum Gipfel?
Nachdem sich alles beruhigt hatte, wollten wir natürlich weiter. Wir hatten uns ja teilweise jahrelang auf den Everest vorbereitet. Aber die Verhandlungen zwischen den Chinesen, den Expeditionsleitern und den Seismologen unten zogen sich lange hin. Am North Col verläuft der Weg unter einem überhängenden Gletscher. Das war den Chinesen zu gefährlich. Wenn die Entscheidung zwei Tage später getroffen worden wäre, wären wir vielleicht schon drüber gewesen. So sind wir dann abgestiegen.
 
Sie sagten: „Ich plane meine eigene Geburtstagsparty: Mit Mitte 60 auf dem höchsten Berg der Erde.“ Bleibt es dabei?
Es gibt natürlich Kritik im Umfeld. Viele sagen: Beachte doch die Zeichen. Aber eine Chance gebe ich mir auf jeden Fall noch. Ich sehe es auch als Ansporn, noch einmal ein Jahr modifiziert zu trainieren (lacht).

"Ich finde den Everest nach wie vor herrlich!"

Warum muss es ausgerechnet der Mount Everest sein?
Das ist die Standardfrage. Er gehört nun mal zu meinem Ziel, den Seven Summits, dazu. Am Anfang hab ich gar nicht an den Everest gedacht, aber mit der Zeit will man halt auch den Höchsten schaffen.

Hat er durch die Massen am Berg nicht seinen Reiz verloren?
Ganz im Gegenteil: Ich finde ihn herrlich und möchte jetzt natürlich noch ein Stück weiter oben stehen. An der Nordseite waren es dieses Jahr zwar etwas mehr Bergsteiger - etwa 100 bis 150. Das ist aber immer noch überschaubar. Auf dem Weg vom Basecamp zum ABC sieht man nach einer halben Stunde keinen Menschen mehr. Es dürfen auch keine Touristen ins Basislager.   
 
Und die Infrastruktur: Braucht’s wirklich einen Billardtisch im Basislager?
Das sollte man nicht überbewerten. Ins Basislager kann man ja mit dem Auto fahren. Außerdem geht es da um einen kleinen Wettbewerb mit den Russen, wer das beste Camp hat. Am meisten haben übrigens die Sherpas Billard gespielt.

Am Heiligen Abend auf dem Kilimandscharo

Sie wurden erst spät zum Bergsteiger. Wie kam es dazu?
Ferne Länder und das Höhenbergsteigen haben mich schon immer fasziniert. Aber das Leben entwickelte sich mit Beruf, Familie und Scheidung anders. 2008 kurz vor Weihnachten haben sich meine Kollegen darüber unterhalten, was sie über die Feiertagen machen. Da ich an Weihnachten immer relativ alleine war, wollte ich diesmal etwas unternehmen. Zufällig bin ich auf den Kilimandscharo gestoßen. Innerhalb einer Woche habe ich alles geplant und stand am Heiligen Abend tatsächlich auf dem Gipfel.
 
Und als nächstes Ziel gleich die Seven Summits?
Das Fieber hatte mich gepackt. Von den Seven Summits wusste ich aber überhaupt noch nichts. Beim Skifahren in Südtirol habe ich einen Bergführer kennengelernt, der mich fragte, ob ich mit zum Aconcagua – einem der Seven Summits – wolle. Erst dann ging alles los.

Jetzt jagen Sie also den Altersrekorden hinterher.
Nein, das hat sich beim Everest so ergeben. Bei einem Gespräch mit Billi Bierling kam eher zufällig heraus, dass ich der älteste Deutsche wäre, wenn es klappt (Bislang hält Alois Bogenschütz mit ebenfalls 65 Jahren den Rekord. Anm. d. Redaktion). Ich wäre aber lieber schon mit 40 oben gewesen. Jetzt ist es ungemein schwieriger.
 
Sie sagen von sich selbst: „Mein Beruf: Steuerberater, meine Berufung: Bergsteiger“. Gibt es keine Möglichkeit, die Berufung zum Beruf zu machen?
Ich möchte das Bergsteigen jetzt schon als weiteres Standbein ausbauen. In der Kanzlei lasse ich es langsam auslaufen. Nach dem Everest arbeite ich dann an Vorträgen und eventuell auch an einem Buch.

Training wie ein Leistungssportler

Gibt es nach dem Everest noch weitere große Ziele oder reicht es dann wieder mit dem Bergsteigen?
Ich möchte danach schon noch den einen oder anderen Achttausender machen. Was mich auch sehr reizt, ist ein unbestiegener Siebentausender. Da gibt es im Himalaya ja noch einige.  
 
Wie sieht mit Mitte 60 Ihre Vorbereitung auf die extremen Touren aus?
Ich trainiere eigentlich wie ein Leistungssportler - ca. 15 bis 20 Stunden pro Woche. Das Training ist Teil meines Lebens. Für Ausdauertraining, Krafttraining, Atemtraining und Mentaltraining habe ich persönliche Coaches. Außerdem habe ich eine Osteopathin und eine Ernährungsberaterin. Mehrmals pro Woche trainiere ich in der Höhen- und Kältekammer. Am Wochenende bin ich natürlich in den Bergen und dann kommen regelmäßig größere Projekte, wie zum Beispiel eine Mountainbike-Transalp oder ab und zu ein Sechstausender in den Anden dazu.
 
Für viel mehr bleibt dann aber keine Zeit.
Ja, das ist so. Ich bin morgens spätestens um 5:30 Uhr im Büro, nachmittags zwischen 14 und 15 Uhr beginne ich zu trainieren bis etwa 18 oder 19 Uhr und zwischen 22 und 23 Uhr bin ich im Bett.
 
Wird es auf Dauer nicht eintönig, immer strikt nach diesem Plan zu leben?
Nein, ich sehe dadurch keine Einschränkungen für mich. Ich habe ein Ziel, das ich erreichen will, und dafür muss ich eben dies und jenes tun. Ich brauche natürlich Zeit zur Regeneration und zur Zerstreuung. Dann gehe ich gerne zu Konzerten, ins Kabarett oder Theater und zum Fußball. So funktioniert es.
 
Gibt es irgendetwas, das Sie von ihren Zielen abhalten könnte?
Außer Krankheit und Wetter würde ich nichts akzeptieren. Es kann mir niemand sagen, dass ich das Bergsteigen sein lassen soll.
 
Interview: Stefan Moll
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