Tourenparadies Berliner Hütte | BERGSTEIGER Magazin

Tourenparadies Berliner Hütte

Es gehört zum Pflichtprogramm eines jeden ambitionierten Bergsteigers, zumindest einmal die Berliner Hütte zu besuchen und einen (oder gleich mehrere) der großartigen Gipfel rundum zu besteigen. Welche, das müssen Sie selbst entscheiden… Von Christian Schneeweiß (Text) und Bernd Ritschel (Fotos)

 
Bergparadies rund um die Berliner Hütte © BERGSTEIGER
Bergparadies rund um die Berliner Hütte
Weite Gletscherflächen erstrecken sich im hintersten Zemmtal zwischen messerscharfen Urgesteinsgraten, über denen die Felszähne der Dreitausender aufragen. Und mittendrin steht die Berliner Hütte (2042 m), ein richtiges »Alpenhotel «mit kleinen Lagern und großem, vertäfeltem Speisesaal mit Kronleuchtern. Dort kann man mit etwas Glück dem Extrembergsteiger und Bergführer Peter Habeler mit seinen Kunden begegnen, dem bekanntesten Bergsteiger aus dem Zillertal, der zusammen mit Reinhold Messner als erster Mensch den Mount Everest ohne Sauerstoff bezwang. Die Berge rund um die Berliner Hütte bieten in einem Umkreis von etwa sieben Kilometern eine große, abwechslungsreiche Hochtourenauswahl – von einigen eisfreien Dreitausendern über klassische Gletschertouren bis zu anspruchsvollen Hochtouren in Eis und Fels.

Klassische Gletschertour: Der Große Möseler

Nach dem üppigen Morgenbuffet auf der Berliner Hütte stehen wir auf der Hüttenterrasse, der Blick schweift unwillkürlich in die Höhe, wandert südwärts über wannenförmige Moränenwälle hinauf zu von schäumenden Schmelzwasserbächen überströmten Granitplatten, um auf dem in der aufgehenden Sonne fahlgelb leuchtenden Waxeggkees mit seinen buckligen Spaltenzonen auszuruhen. Darüber thront mit dem in den letzten Jahren stark abgetauten Firndreieck neben dem inzwischen beliebteren Waxegggrat (III und Firn) das lichtumspielte Trapez des Großen Möselers (3488 m) 1450 Höhenmeter über dem faszinierten Betrachter. Der hockt noch im tiefen Schatten vor der Hütte, während er seine Gletscherausrüstung packt und die erste Schicht Sonnencreme aufträgt. Dem Berliner Höhenweg folgend geht es erst über Bäche und Schutt auf die westliche Seitenmoräne und dann durch die blühenden Wiesen des Garberkars hinauf. Die meisten, die hier wandern, werden über Felsstufen, einen kahlen Grat und eine felsige Flanke mit Drahtseilsicherung weitersteigen zum Schönbichler Horn (3134 m), dem Kulminationspunkt des Berliner Höhenwegs und Übergang zum Furtschaglhaus. Derweil schlagen sich die Frühaufsteher zwischen den Spaltenlabyrinthen des Waxeggkeeses unter dem zu einer Genussklettertour einladenden Mittelfelsgrat (III+) vorbei zur Östlichen Möselescharte (3240 m). Deutlich entspannter queren sie auf der Südtiroler Seite über die kümmerlichen Reste des Östlichen Nevesferners zum Großen Möseler und kraxeln hinauf zu dessen Firngipfel.


Leichter Gletscher oder steiler Fels

Zum Schwarzenstein führt die technisch leichteste und daher auch beliebteste Hochtour im Gebiet der Berliner Hütte. Sein weiß gleißender Gletscher ist ein verlässlicher Orientierungspunkt, wenn man von fernen Gipfeln aus das Zackengewirr der Zillertaler Alpen entziffern möchte. Von der Hütte geht es auf einem Plattensteig Richtung Nordosten und an einem Wiesenhang aufwärts zu einer Wegverzweigung. Später werden hier viele Wanderer abbiegen, zum wie ein Spiegel die Berge reflektierenden Schwarzsee (2472 m) aufsteigen und verträumt den gigantischen, von unten nach oben Grün, Weiß und Braun gefärbten Bergkessel um die Berliner Hütte überblicken.

Oberhalb des Seeauges zweigt ein Steig ab, der via Melkerscharte (2814 m) über Schutthänge hinab in den einsamen Talgrund der Gunggl und weiter nach Ginzling führt. Und bald darauf zweigt wieder ein Steig vom Weggeäst ab, diesmal über Schutt oder Firnfelder unter die Plattenflanke der Zsigmondyspitze (3089 m). Diesen als unersteigbar geltenden Felszahn bezwangen die Gebrüder Zsigmondy 1879 durch die Südwestflanke über die wenig elegante, aber leichte Route des heutigen Normalwegs (II). Als Emil Zsigmondy an der Meije abgestürzt war, wurde der damalige Feldkopf kurzerhand nach ihm umbenannt. Über gestuften Fels, ein langes Band und eine lange Rampe mit Abschlusskamin gelangten die Brüder damals zum Gipfelzähnchen. Nach der anderen Seite fiel ihr Blick 700 Meter haltlos über Granitplatten hinab. Diese Kletteraufgabe überm Floitengrund löste im Jahr 1911 der geniale Routenfinder und Meisterkletterer Hans Fiechtl, der den Urgesteinsklassiker der Feldkopfkante (V) meisterte. Aber zurück zum Schwarzenstein!

Der Weg quert unter dem Sporn des Saurüssels durch und führt dann zielstrebig ostwärts hinauf zu den Firnausläufern des Schwarzensteinkeeses. Unter einem markanten Felsen (2945 m) sollte man das Seil anlegen, obwohl sich am Schwarzenstein selten Spalten auftun. Über den noch gefrorenen Westhang steigen die Gletscher­aspiranten mit knirschenden Steigeisen und Trekkingstöcken hinauf Richtung Schwarzensteinsattel. Wer es kurz, steil, einsam und hochalpiner haben möchte, der wendet sich hier nach Norden zum Großen Mörchner (3285 m). Die meisten aber wandern über das Gletscherplateau auf den höheren, bekannteren und leichteren Gipfel, um nach einem kurzen Blockgrat am Kreuz anzuschlagen. Hier zeigt sich endlich der Grund für den scheinbar absurden Bergnamen des Schwarzensteins (3369 m): Nach Süden fällt der Gletschergipfel mit dunkel zerklüftetem Gestein ins Südtiroler Ahrntal ab. Ganz nah ist man am Schwarzenstein den hinter dem Pustertal aufragenden Dolomiten mit ihren bleichen Gebirgsstöcken vom Langkofel bis zu den Drei Zinnen und der Felsmauer der Civetta. Und dreht man sich um, schweift der Blick  nach Nodern durchs Zillertal hinaus zum Karwendelgebirge.

Umbenannter Hausberg: Die Berliner Spitze

Weniger spektakulär, dafür den ganzen Talkessel um die Berliner Hütte umfassend ist das Bergpanorama der Berliner Spitze (3254 m), die einstmals ganz profan Dritte Hornspitze hieß – höchster Punkt einer Gratverzweigung zwischen Schwar­-zensteinkees und Hornkees. Dessen Gletscherzunge floss übrigens noch Ende des 19. Jahrhunderts unter der Berliner Hütte vorbei. Der Steig zu den fünf Hornspitzen ist im Umkreis der Hütte einer der weniger begangenen Normalwege – sieht man von dem hübschen, etwas Klettererfahrung erfordernden Vorgipfel Am Horn (2647 m) ab. Hier findet man mit etwas Glück feine Quarzkristalle oder gar Granate, und man begegnet Steinböcken, die sich zwischen Silberdisteln und Enzianen an der felsgekrönten Wiesenflanke des Horngrats den Bauch voll schlagen. Am kleinen Östlichen Hornkees sollte man wegen unerwartet auftauchender Spalten unbedingt das Seil anlegen, wenn man zügig südostwärts Richtung Mitterbachjoch ansteigt, links zur Berliner Spitze abbiegt und den Gipfel aus Blockwerk von hinten besteigt.

Berliner Hütte alpin: Der Turnerkamp

Deutlich weniger begangen sind Roßruggspitze und Turnerkamp im Grat zwischen der Fünften Hornspitze und dem Großen Möseler. Ein abwechslungsreicher Steig führt von der Berliner Hütte nach Überquerung des Hornbachs über Felsstufen, gletschergeschliffene Platten und Grashänge hinauf zum breiten Kamm des Roßrugg, der sich bis zu einer tiefen Einschartung bequem begehen lässt (2778 m). Dann geht es in genussvoller, leichter Kletterei auf zur Roßrugg­spitze (3304 m, II). Über deren Abstiegsroute wird der benachbarte Turnerkamp bestiegen: am Seil über das spaltenarme Westliche Hornkees und schließlich durch die mit einem losen Drahtseil gesicherte Eisflanke nebst Bergschrund zur Rossruggscharte (3229 m). Von hier lässt sich auf der Südtiroler Seite ostwärts unter den Gipfel queren und durch eine steile Firnrinne oder über Granitplatten daneben, über die im Abstieg abgeseilt werden kann, zum Gipfel des Turnerkamps (3420 m) aufsteigen. Wesentlich spannender ist der Aufstieg über den Westgrat: Nach Umgehung einer senkrechten Riesenplatte klettert man über Gneisformationen und einen Quarzaufschwung zum Granit der Gipfelzone in Form eines nicht nur für neuzeitliche Sportkletterer äußerst gewöhnungsbedürftigen Reitgrates. Spätestens hier ist man froh um das Sicherungsseil, den treuen Begleiter auf allen Gletscher- und Felstouren um die Berliner Hütte.
 
Text: Christian Schneeweiß, Fotos: Bernd Ritschel
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