Die Frederic-Simms-Hütte im Sulzeltal | BERGSTEIGER Magazin
Serie: Hüttenzauber - Die Simmshütte, eine neue Bühne für den Kultwirt

Die Frederic-Simms-Hütte

Kaum hat der legendäre Wirt Charly Wehrle die Frederic-Simms-Hütte übernommen, folgen ihm seine Fans nach. Die »Simms« in den Lechtaler Alpen ist drauf und dran, zum nächsten Kultort zu werden.
 
Ein Werk aus Stein: Die Simmshütte trotzt in 2002 Metern Höhe auf einem Hangfuß Wind und Wetter. © Michael Pröttel
Ein Werk aus Stein: Die Simmshütte trotzt in 2002 Metern Höhe auf einem Hangfuß Wind und Wetter.
Ein scharfer Blick ist nicht nur wegen der gut getarnten Murmeltiere von Vorteil, wenn man dem Talschluss des Sulzeltals entgegenwandert. Nur als klitzekleiner weißer Punkt ist das Ziel des Anstiegs auszumachen. Während andere Hütten auf sanften Bergrücken oder flachen Karen Wurzeln schlagen, krallt sich die Frederic-Simms-Hütte am riesigen, steilen Hangfuß der Holzgauer Wetterspitze fest. Hat man das kleine Haus schließlich über sich entdeckt, spürt man sofort, dass die entlegene Bergsteigerunterkunft etwas ganz Besonderes ist. Allein schon der durch den dunklen Bauch der Lechtaler Alpen führende Hüttenweg kann es bisweilen ganz schön in sich haben…

Von der Partnach in die Lechtaler Alpen

Meterhoher Schnee verwehrte im März 2012 den Eingang in die Zustiegstunnel und somit dem neuen Hüttenwirt den heißen Wunsch, seine künftige Gemahlin endlich in Augenschein zu nehmen. Beim zweiten Versuch Ende April rieten die Einheimischen eindringlich vom Aufstieg durch das stark von Lawinen gefährdete Tal ab. Erst im dritten Anlauf gelang Anfang Mai gemeinsam mit dem Hüttenreferenten der DAV-Sektion Stuttgart der Zustieg. »Jürgen (Gutekunst; Anm. d. Red.) überreicht mir heute die Hüttenschlüssel, jetzt kann das neue Hüttenabenteuer beginnen«, schrieb der neue Wirt damals in sein Web-Logbuch. Ein Abenteuer, auf das sich ohne Zweifel eine große Zahl von Bergsteigern freut. Schließlich handelt es sich um den Kult-Wirt Charly Wehrle, den mit allen Gletscherwassern gewaschenen vormaligen Pächter von Oberreintal- und Reintalangerhütte.

Nach 24 Sommern sagte Wehrle den idyllischen Kiesbänken der Partnach Lebewohl und wandte sich den steilen Grasflanken der Lechtaler Alpen zu. »Die Sektion München hat die Kommerz-Schraube einfach zu weit angedreht. Die Pacht wurde immer teurer, obwohl ich auf der Hütte für eine hervorragende Auslastung gesorgt habe«, antwortet Charly auf die Frage, warum er ging. Und diese Entscheidung hat er nicht bereut: »Schon beim ersten Besuch auf der Simmshütte war mir schlagartig klar, dass auch dieser Platz einen ganz besonderen Charakter hat.« Genau der richtige Ort also, um wieder für eine besondere »Charly-Wehrle-Hütten- Atmosphäre« zu sorgen. Wegen dieser hat der Wirt, gebürtig aus dem Allgäu, unzählige Fans, von denen nicht wenige ihrem Wirt nun nachfolgen. »Wegen Charly sind wir seit Jahren ins Wettersteingebirge gereist. Und jetzt lernen wir durch ihn die Lechtaler Alpen kennen«, sagt ein Stammgast aus Münster mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

»Gleich in der ersten Saison haben wir die übernachtungszahlen verdoppelt«, erzählt Wehrle nicht ohne Stolz. Und genießt gleichzeitig die ungewohnte Ruhe hoch über dem Sulzeltal. In der Saison packen am Wochenende durchschnittlich 30 Bergsteiger hier ihre Hüttenschlafsäcke aus. Zum Vergleich: Auf der Reintalangerhütte lagen die Rekordwerte bei knapp 300 übernachtungsgästen.

Allgäuer Spezialitäten auf der Frederic-Simms-Hütte

Charlys Kompagnon Andy Kiechle stellte schon im Wettersteingebirge seine Fähigkeit unter Beweis, auch das hektischste Hüttenwochenende mit einem Lächeln auf den Lippen zu meistern. Der lebenslustige Allgäuer zögerte keine Sekunde, mit auf die Simmshütte zu wechseln. Dort kommen ihm als gelerntem Baumpfleger die vergleichsweise kurzen Öffnungszeiten von Ende Juni bis Ende September zupass. Wenn er am Berg statt der Motorsäge den Kochlöffel in die Hand nimmt, trifft sich Isny (Andy) mit Wangen (Charly). Das macht die Küche zum Hotspot für Allgäuer Spezialitäten. Wenn man die beiden zwischen dampfenden Kochtöpfen und brutzelnden Pfannen miteinander ratschen und lachen hört, wird sofort klar, dass es auf der Simmshütte – trotz des Altersunterschieds von fast vier Jahrzehnten – bestimmt keinen Generationenkonflikt gibt.

Umweltsiegel für die Simmshütte

Dass auf der Simmshütte auch niemand verdursten muss, ist einerseits Charlys Allrad- Pickup, vor allem aber Jürgen Gutekunst (siehe Kasten S. 65) zu verdanken. Als 1989 der alten Materialseilbahn die Betriebsgenehmigung entzogen werden sollte, baute der Hüttenreferent einen neuen, solarbetriebenen Aufzug. Schließlich hat Photovoltaik auf der Simms eine große Tradition: Bereits 1983 errichtete man am Fuß der Holzgauer Wetterspitze die erste Photovoltaikanlage auf einer DAV-Hütte. Um die Jahrtausendwende ergänzte Solarfachmann Gutekunst die regenerative Stromversorgung mit einer kleinen Wasserkraftanlage. Die neue Abwasserreinigungsanlage, bei der die Feststoffe aus dem Abwasser gefiltert und vor Ort kompostiert werden, war ein weiterer Grund dafür, dass die Simmshütte mit dem Umweltgütesiegel des Alpenvereins ausgezeichnet wurde.

Mit interessanten Bergzielen für Wanderer und Bergsteiger kann die Simmshütte auch aufwarten. Die Auswahl ist klein, hat es aber in sich. Da wäre zum Beispiel mit der 2895 Meter hohen Holzgauer Wetterspitze in nur zwei Stunden der vierthöchste Gipfel der Lechtaler Alpen zu besteigen: Gipfelanstieg mit einfacher Kletterei, leicht ausgesetzte Drahtseilstelle. Und oben eine 500 Meter senkrecht abfallende Ostwand. Was will man mehr von einem Gipfel, der selbst an schönen Sonntagen kaum mehr als zehn Bergsteiger sieht?

Nach zweieinhalb Jahren Pause war es für Charly eine ganz besondere Freude, die Gäste am Eröffnungswochenende mit seinem legendären Weckruf aus dem Bett in Richtung Wetterspitze zu schicken. Offenbar hatten auch die früheren Pächter der Simmshütte Sinn für Humor. Glaubt man dem an der Hüttenwand befestigten Wegweiser, handelt es sich bei der Wetterspitze um einen grandiosen Achttausender. Dabei wäre die Wetterspitze – in englischen Fuß gerechnet – sogar ein rekordverdächtiger 9000er…
Text: Michael Pröttel
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 01/2013. Jetzt abonnieren!
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