Rucksack-Hersteller Osprey im Profil | BERGSTEIGER Magazin
Aufschwung des Adlers

Rucksack-Hersteller Osprey im Profil

Osprey war einer der ersten Hersteller, die mit individuell anpassbaren Rucksäcken auf den Markt kamen. Spätestens seit Firmengründer Mike Pfotenhauer die Produktion aus Kostengründen nach Vietnam verlegen musste, steht die Entwicklung bei Osprey nicht mehr still.
 
Ospreys europäischer Sales Manager Tom Entwistle mit einem Modell © Osprey
Ospreys europäischer Sales Manager Tom Entwistle mit einem Modell
Der Fischadler lebt im Seenland, taucht lieber ab anstatt sich zu Höhenflügen aufzuschwingen und ist nicht unbedingt für ausgiebige Wanderschaften bekannt. Außerdem gleicht er, trotz des weißen Gefieders, mit seiner schwarzen Augenbinde mehr dem Zorro denn dem Yeti. Was um Himmels Willen hat er also auf Wanderrucksäcken zu suchen?


Indianische Medizinmänner würden ihn wahrscheinlich als das Krafttier von Mike Pfotenhauer bezeichnen. Irgendwann um 1974 herum sah der Kalifornier im Fernsehen eine Dokumentation über die damals vom Aussterben bedrohte Tierart. Vielleicht brütete Pfotenhauer zu dieser Zeit gerade über dem Schnittmuster eines neuen Rucksacks, den er anschließend selbst an seiner Nähmaschine zusammenschneidern wollte – aus Geldmangel oder aus Unzufriedenheit mit den gängigen Modellen, vermutlich aber wegen beidem.

Rucksäcke der Luxusklasse

Jedenfalls fühlte sich der junge Unternehmer dem Tier irgendwie seelenverwandt und dachte sich: »Wenn dieser bedrohte Vogel es schafft zu überleben, dann schaffe ich es mit meinen Rucksäcken auch.«

So wurde aus Pfotenhauers Unternehmen die Marke »Osprey«, zu deutsch »Fischadler «. Als einer der ersten Hersteller brachte er Rucksäcke auf den Markt, die auf die individuelle Rückenlänge einstellbar waren, setzte ultraleichtes Material und Mesh-Gewebe zur besseren Belüftung des Rückens ein.

Das einzige, was über die Jahre hinweg zum Problem wurde: Während andere Hersteller frühzeitig in Billiglohn-Ländern produzieren ließen, wurden Osprey-Rucksäcke noch bis ins neue Jahrtausend komplett in Colorado, USA geschneidert.

Das brachte der Highend-Marke den Ruf ein, teure Luxusgüter zu produzieren. 400 Euro für einen Rucksack, das wollte sich kaum mehr jemand leisten. Mike Pfotenhauer musste reagieren. Er tat es. 2003 zog er mit der Firma und seiner Familie nach Ho Chi Minh City, der Sieben-Millionen-Metropole in Vietnam, um dort die Produktion seiner Rucksäcke zu betreuen und um vor Ort verantwortbare Arbeitsbedingungen zu gewährleisten.

Vier Jahre später vertraute er den Abläufen soweit, dass er ruhigen Gewissens in die USA zurückkehrte. Designzentrum und Fertigung blieben in Vietnam. Seither wird bei Osprey 24 Stunden am Stück an den Rucksäcken getüftelt: »Wir erarbeiten in den USA ein Modell-Konzept und schicken es nach Vietnam. Dort wird, während wir schlafen, ein Prototyp entwickelt, dessen Fotos wir am nächsten Morgen vorliegen haben und anhand derer wir weiterarbeiten können.«

Osprey Vietnam
Arbeit rund um den Globus: Videokonferenz im Designzentrum in Ho Chi Minh City. Foto: Osprey

Ospreys jüngster Clou ist das Tragesystem der Trekking-Modelle Atmos (Herren) und Aura (Damen) mit der AntiGravity-Rückenplatte – einem aufgespannten Netz, das sich jeder Rückenform anpasst und auch bei Volldampf den Rücken hervorragend belüftet – und dem weltweit ersten voll ventilierten Hüftgurt.

Der Fischadler hat Zukunft

Mittlerweile setzt die Firma auch auf Zubehör wie wasserdichte Packsäcke und Kamerataschen sowie auf flugzeugtaugliche Trolleys. Doch weiter als bis ins Reisetaschen-Segment wolle man sich nicht ausdehnen, versichert Tom Entwistle, der für Osprey die Europa-Geschäfte leitet.

Dass eine Marke mit einem ehemals bedrohten Tier als Namenspatron den Umweltschutz auf seine Fahnen geschrieben hat, ist eigentlich selbstverständlich. Osprey trägt dem Rechnung, indem die Firma zunächst einmal auf Langlebigkeit setzt: Jedes Produkt besitzt eine Garantie auf Lebenszeit, sofern es bei seinem Einsatzzweck zu Schaden gekommen ist. In diesem Fall repariert Osprey, ohne dafür etwas in Rechnung zu stellen. Soweit möglich, werden wiederverwendbare und recycelte Verpackungsmaterialien benutzt, das Verpackungsmaterial auf das Notwendigste reduziert.

Außerdem unterstützt Osprey ein Greifvogel-Schutzprojekt der European Outdoor Conservation Association (EOCA) in Georgien mit 28 800 Euro. Das Projekt hat zum Ziel, die illegale Jagd nach Greifvögeln in Batumi im Kleinen Kaukasus zu beenden.

Osprey Stratos
Der Stratos im Einsatz: In den USA ist Osprey Marktführer bei den Rucksäcken. Foto: Osprey

Der Fischadler zählt heute, mehr als 40 Jahre nachdem Mike Pfotenhauer ihn zu seinem Markenzeichen gemacht hat, nicht mehr zu den gefährdeten Arten. Seit dem Verbot des Pestizides DDT Anfang der 1970er-Jahre, das dem Vogel schwer zu schaffen gemacht hatte, haben sich die Bestände in Nordamerika und Europa deutlich erholt. Allein der deutsche Bestand stieg von etwa 70 Paaren um 1975 auf 470 Paare in den Jahren 2003 und 2004.

Ähnlich steht es um Osprey: Die Marke ist Marktführer in den USA und in England, und auch im übrigen Europa zeigt die Kurve steil nach oben. Ob nun Krafttier oder nicht: Der Fischadler und Mike Pfotenhauer scheinen einander jedenfalls Glück zu bringen.

Osprey: Firmensteckbrief

  • Gegründet: 1974 in Santa Cruz, Kalifornien (USA)
  • Hauptsitz: Cortez, Colorado (USA)
  • Produktion und Design: Ho Chi Minh City, Vietnam
  • Mitarbeiter: 4500 (35 in Europa)
  • Jahresumsatz: 30 Millionen Euro
Dagmar Steigenberger
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2016. Jetzt abonnieren!
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