Kaufberatung: Allround-Rucksäcke für Bergsteiger | BERGSTEIGER Magazin
Teil 1

Kaufberatung: Allround-Rucksäcke für Bergsteiger

Manchmal ist weniger mehr. Das gilt besonders beim Gepäck, wenn man es tragen muss. Trotzdem kommt es beim Rucksack nicht nur auf das Gewicht an. Unterschiedliche Tragesysteme und Konzepte machen dem Bergsportler die Wahl nicht einfach. Wir haben die wichtigsten allround-tauglichen Rucksackmodelle getestet und bewertet.

 
Einer für alles: Allround-Rucksäcke für Bergsteiger © Wolfgang Ehn
Einer für alles: Allround-Rucksäcke für Bergsteiger

Eigentlich ist es doch ganz einfach: Je leichter man einen Rucksack tragen kann, umso besser. Wenn man sich aber näher mit dem Thema auseinandersetzt, dann wird es kompliziert. Der eine möchte gerne eine Deckeltasche, der andere eine Skihalterung oder einen Rundumreißverschluss, damit man leicht und schnell an seine Ausrüstung kommt, und so weiter und sofort. Das bewährte Testteam des Kompetenzzentrum Sport, Gesundheit und Technologie hat sich intensiv mit den Merkmalen und Funktionalitäten eines Rucksacks beschäftigt  und diese in einem aufwendigen Praxistest untersucht. 

Anders als bei vielen anderen Produkten waren die Tester aber nicht immer einer Meinung. Denn in der Praxis gibt es dann doch unterschiedliche Wünsche und Geschmäcker. Unabhängig vom Tragekomfort bevorzugt manch einer den einfachen Rucksack ohne Schnickschnack, ein anderer wiederum einen Spezialrucksack für seine Lieblingssport-Disziplin und wiederum ein anderer ist nur glücklich, wenn er möglichst viele Fächer und Taschen zum Verstauen hat. Dabei gelten für das Tragen von Lasten für alle Modelle die gleichen physikalischen Grundsätze: Das Rucksackgewicht sollte sich möglichst nahe und oberhalb des Körperschwerpunkts befinden und sich variabel auf Hüften und Schultern verteilen lassen. Dies gilt für Zivilisationsmenschen – Sherpas und andere Naturvölker bevorzugen das Tragen von schweren Lasten mit einem Stirnriemen und sparen sich so die Diskussion um Tragesysteme und Rückenbelüftung. Außerdem sollte sich je nach Sportart der Rucksack gut fixieren lassen. Besonders wichtig ist dies beim Freeriden oder Trailrunning, weniger wichtig beim Wandern oder Bergsteigen. Bei schweißtreibenden Verhältnissen sorgt eine Rückenbelüftung für mehr Komfort und einen weniger nassen Rücken. Die Hersteller haben sich diese Eigenschaften und Technologien für eine ausgeklügelte Marketingstrategie zu eigen gemacht. Da »darf« dann der eine Rucksack nur zum Wandern, der andere nur für die Skitour verwendet werden und auch zum Klettern gibt es einen Spezialrucksack. 

Spezialrucksack oder Alleskönner?

Aus etwas Distanz betrachtet gibt es aber kaum rationale Gründe, weshalb ein guter Rucksack nicht für alle Disziplinen gleich gut geeignet sein sollte. Deshalb hat das Testteam versucht, die einzelnen Kriterien fein säuberlich auseinanderzuhalten. Neben den objektiven, gemessenen Faktoren Gewicht und Packvolumen haben wir mittels Fragebogen Ausstattung, Tragekomfort, Variabilität und Verarbeitung bewertet. 



Aber der Reihe nach: Das Gewicht ist objektiv und leicht zu bewerten, aber es hat nur einen eingeschränkten Einfluss auf den gesamten Tragekomfort. Apropos: Von welchem Packgewicht sprechen wir überhaupt? Für Tagestouren sollte man insgesamt mit vier bis sechs Kilogramm gut auskommen, auch für eine Alpenüberquerung sollte das Rucksackgewicht unter zehn Kilogramm bleiben. Erst bei mehrtägigen Hoch- und Skitouren oder beim Zustieg zu schweren Klettertouren wird das Packgewicht die Zehn-Kilo-Marke reißen. Da stellt sich dann schon die Frage: Benötigt man für fünf Kilogramm Gepäck überhaupt ein ausgeklügeltes Tragesystem? Das kann jeder für sich selbst beantworten. Aus unserer Sicht ist dies aber keine Frage: Wer einmal einen modernen Rucksack getragen hat, wird auf die vielen Annehmlichkeiten nicht mehr verzichten wollen.

Variables Volumen

Der nächste objektiv messbare Faktor ist das Rucksackvolumen. Allerdings scheint es so, dass die Hersteller unterschiedliche Bemessungsgrundlagen haben. Bei unserem Test haben wir die Rucksäcke mit Kugeln von drei Zentimeter Durchmesser gefüllt und über die Anzahl der Kugeln das Volumen berechnet. Dieses Vorgehen garantiert vergleichbare und übertragbare Messwerte für alle Rucksäcke. Trotzdem gibt es Modelle, bei denen man das Volumen über Befestigungsriemen, zusätzliche Außen- und Innentaschen oder einen ausziehbaren Schneeschutz nochmals variieren kann. Dies haben wir bei der Volumenmessung nicht berücksichtigt, die Zusatzfeatures gingen vielmehr als Pluspunkte entweder bei den Faktoren Ausstattung oder Variabilität ein. Die Ausstattung eines Rucksackes wurde mittels Check-Liste bewertet: Je mehr Ausstattung, desto mehr Punkte. Für den Rucksack-Käufer bedeutet dieser Faktor aber eher eine Vorauswahl als eine qualitative Aussage. Wer  Funktion ohne Schnickschnack sucht, für den sind Rucksäcke mit wenigen Punkten hier besonders interessant. Der Tragekomfort wurde subjektiv mit einem standardisierten Gewicht von sechs Kilogramm ermittelt. Es gibt Unterschiede, aber so viel sei gesagt: keine extremen Ausreißer. Vieles ist Geschmacksache und jeder sollte im Fachgeschäft seinen Traumrucksack unbedingt mit dem entsprechenden Gewicht testen. Da merkt man dann schnell, ob man mit Hüft- und Brustgurt klarkommt und ob man eher ein Tragesystem mit deutlichem Abstand zum Rücken oder ein enganliegendes System bevorzugt. Die Variabilität bezieht sich auf den Einsatzbereich und die Einsatzmöglichkeiten des Rucksackes. Spezialrucksäcke mit eng umrissenen Einsatzbereichen erhalten hier eher weniger Punkte, Allround-Modelle mit breitem Einsatzbereich viele Punkte.

Die Verarbeitung und Qualität eines Rucksackes hätten wir gerne objektiv im Labor bewertet. Der Aufwand hätte aber unserer Meinung nach in keiner Relation zum möglichen Ergebnis gestanden. Deshalb vertrauen wir hier auf die Einschätzung der Tester. Aber keine Angst: Alle getesteten Modelle sind für lange Haltbarkeit konzipiert und einem Einsatz über viele Jahre sollte nichts im Wege stehen. Dabei ist aber klar, wer viel im Fels unterwegs ist, der sollte generell auf robusteres Außenmaterial und wenige Nähte Wert legen, für den Wanderer ist dabei eher die Qualität der Reißverschlüsse und Schnallen entscheidend. 

Die 14 Testmodelle im Vergleich

Ringe im Diagramm zeigen die Qualität beziehungsweise das Ausmaß des benannten Punkts. In der Regel ist der äußerste Wert der beste, im Fall von Ausstattung, Variabilität und Volumen muss allerdings jeder Nutzer selbst entscheiden, was ihm wichtig ist.

Deuter: AC Lite 22 SL

Primärer Einsatzbereich: Wandern, Trekking
Gemessenes Volumen: 17 l
Gewicht: 900 g
Rückenlänge: 41 cm
Preis: 79,95 €
 


Wertung: Deuter kann einfach Rucksäcke bauen. Schließlich machen sie ja auch nichts anderes. Mit Bestnoten, wo es darauf ankommt: beim Tragekomfort und bei der Verarbeitung. Perfekt für Tagestouren
 

Deuter: Futura 26

Primärer Einsatzbereich: Wandern, Trekking, leichte Hochtouren
Gemessenes Volumen: 22 l
Gewicht: 1450 g
Rückenlänge: 46 cm
Preis: 119,95 €




















Wertung: Der perfekte Wanderrucksack vom Rucksackprofi. Da stimmt alles. Dass er nicht der leichteste und größte ist, kann man angesichts seiner übrigen Qualitäten leicht verschmerzen.
 

Fjällräven: Abisko 35

Primärer Einsatzbereich: Allround, Trekking
Gemessenes Volumen: 32 l
Gewicht: 1585 g
Rückenlänge: 52 cm
Preis: 189,95 €







 


















Wertung: Der Fjällräven sticht aus dem Rucksack-Allerlei mit seinem weichen, griffigen Material heraus. Der Old-School-Look täuscht, denn Tragesystem und Ausstattung sind up to date. Auch für Mehrtagestouren geeignet

 

Jack Wolfskin: Orbit 26

Primärer Einsatzbereich: Wandern, Trekking
Gemessenes Volumen: 24 l
Gewicht: 1286 g
Rückenlänge: 40 cm
Preis: 139,95 €








 












Wertung: Das Netzdiagramm lügt nicht: Der Orbit 26 von Jack Wolfskin ist ein klassischer Rucksack mit vielen Tugenden aber relativ hohem Gewicht und nicht zu großem Volumen.

 

Lowe Alpin: Aeon 27

Primärer Einsatzbereich: Allround
Gemessenes Volumen: 22 l
Gewicht: 843 g
Rückenlänge: 50 cm
Preis: 119,95 €








 












Wertung: Ein leichter und komfortabler Wanderrucksack. Was will man mehr? Die Tester waren begeistert! Einziges Manko: Falls man den Aeon auch für Ski- oder Klettertouren einsetzten möchte, gibt es dann doch funktionellere Modelle. Aber dafür ist der Aeon auch nicht konzipiert.

 

Ortlieb: Gear-Pack 32

Primärer Einsatzbereich: Sommer, feuchte Gebiete
Gemessenes Volumen: 30 l
Gewicht: 1234 g
Rückenlänge: 45-51cm (3 Stufen)
Preis: 139,99 €








 












Wertung: Eigentlich müsste der Ortlieb statt der maximalen fünf Punkte zehn Punkte für seine Verarbeitung bekommen. Er scheint unverwüstlich. Und er ist der einzige komplett wasserdichte Rucksack im Test. Dafür muss man Abstriche beim Tragekomfort und Gewicht machen.

 

Osprey: Hikelite 26

Primärer Einsatzbereich: Wandern, Trekking 
Gemessenes Volumen: 17 l
Gewicht: 712 g
Rückenlänge: 42 cm
Preis: 90 €





















Wertung: Der Name ist Programm. Der Hikelite 26 von Osprey ist federleicht und ideal für Wander- und Trekkingtouren. Dem wäre nichts mehr hinzuzufügen.

 

Pieps: Summit 30

Primärer Einsatzbereich: Hochtour, Skitour
Gemessenes Volumen: 25 l
Gewicht: 1541 g
Rückenlänge: 51 cm
Preis: 180 €















 






Wertung: Beim Pieps-Rucksack waren die Konstrukteure auf der Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau. Tatsächlich ist der Summit 30 innovativ und variabel. Damit kann man ihn von der leichten Wanderung bis zur Extremtour im Winter überall einsetzen.


Hier geht's weiter zu Teil 2 der Kaufberatung.
 

Dr. Christoph Ebert, Wolfgang Pohl und Christof Schellhammer
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 04/2018. Jetzt abonnieren!
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren