Schneeschuh- und Skitouren in der Fanesgruppe

Gipfeltouren in der Fanes

Viele verbinden die Dolomiten in der Wintersaison mit »Superski« und Skischaukel. Doch die Fanes hat sich fern der touristischen Zentren ihren ganz eigenen Zauber bewahrt. Einige wunderbare Schneeschuh- und Skitouren befinden sich in der Fanesgruppe. Eine Entdeckungsreise zu Prinzessin Dolasilla und zum jungen Helden Eyde- Net.

 
Schneeschuh- und Skitouren in der Fanesgruppe © Max Willeit
Feine Fanes: Die Hochalmen bieten zig Varianten, für Schneeschuh- und Skitourengeher. Im Hintergrund der Monte Castello und die Tofanagipfel
Plötzlich ist er da. Etwa 20 Meter entfernt, inmitten der weiß überzuckerten Felsbrocken unterhalb der Zehnerspitze sitzt ein Schneehase. Hinter ihm schwingt sich der Gipfelhang steil auf, und die Vorstellung, bald die ersten Skispuren in den Pulver zu ziehen, hat die Aufmerksamkeit der Tourengeher gebündelt. Der Hase richtet sich mit einem Ruck auf. Die abrupte Bewegung macht ihn, der die Farbe seiner Umgebung trägt, plötzlich lokalisierbar. Er scheint so verblüfft, Menschen zu sehen, dass er erst einmal gar nicht an Flucht denkt. Begegnungen wie diese sind in der Bergwelt der Fanes keine Seltenheit.

Ideale Ausgansgpunkte: Fanes- und Lavarella Hütte

Wer sich nur wenige hundert Meter von den beiden Hütten der Alpe entfernt, findet sich oft allein auf Tour. Nur 530 Höhenmeter und sechs Kilometer vom Parkplatz in Pederü entfernt, eröffnet sich hier oben eine eigene Welt. Ein Kranz aus weißen, bis zu 3000 Meter hohen Gipfeln schließt die kleine und große Fanesalpe ein – zwei Kessel auf knapp über 2000 Metern. Zwei Hütten, Fanes und Lavarella, bilden die idealen Ausgangspunkte für gut 30 Gipfelvarianten. Je nachdem von welcher Terrasse aus der Tourengeher in die Berge blickt, baut sich vor seinem Auge entweder das Panorama rund um Lavarella (3055 m), Neuner- (2968 m) und Zehnerspitze (3026 m) auf oder jenes von Monte del Vallon Bianco (2687 m), den Furcia-Rossa- Spitzen (2703 bis 2806 m), Monte Castello (2760 m), Monte Casale (2707 m) und Monte Cavallo (2862 m).

Und, mit ihrer imposanten, weiß schimmernden Südflanke, die besonders fotogene Pareispitze (2794 m). Früher wie heute ein Geheimtipp Obwohl die Fanesalpe heute auch im Winter innerhalb von zwei, drei Stunden leicht zu erreichen ist – zu Fuß, auf Ski oder mit der Schneekatze der Hüttenwirte – hat sie kaum etwas von ihrem Zauber eingebüßt. Die gern zitierte »wilde Bergwelt der Fanes« ist mit zwei modern ausgestatteten Hütten komfortabler geworden, aber nicht weniger reizvoll. Denn da der Gast mit dem Auto nicht direkt vor die Tür fahren kann, tummeln sich dort oben nur Tourengeher und Schneeschuhwanderer.

Die Fanes - Geheimtipp für Skitourengeher

Die Fanes versteckt sich so nach wie vor ganz gut hinter den von Postkarten bekannten (und zum Teil mit Skigebieten gepflasterten) Massiven der Drei Zinnen, der Tofanen, des Sella-Stocks und der Marmolada. »Wenige Theile in diesen Kalkalpen wird es geben, wo die Natur so überaus grossartig und wild sich zeigt wie hier«, notierte Paul Grohmann, Erstbesteiger mehrerer Dolomitengipfel und Mitbegründer des Österreichischen Alpenvereins, 1877 in seinem Buch »Wanderungen in den Dolomiten«.

Doch die Fanes blieb ein Geheimtipp. Bereits hundert Jahre zuvor hatte der Innsbrucker Peter Anich den »Atlas Tyrolensis« herausgegeben. Jahrelang hatte er Die kleinen Hütt en an der Schwelle zur Fanesalpe sind im Winter geschlossen. Doch Fanes und
Lavarellahütte sind nur noch wenige Minuten entfernt.

Unverwundbare Prinzessin, die am Ende doch besiegt wird: Dolasilla im Holzrelief

Der Traum eines jeden Skitourengehers: unverspurte Hänge zum Abfahren Nord- und Südtirol in damals einzigartiger Genauigkeit kartografiert. Östlich des Abteitales verzeichnete er in einer Karte den »H. Creutz Kofel« – und daneben etwa acht Zentimeter namenlose Fantasielandschaft. Mit der östlich hinter dem Heiligkreuzkofel gelegenen Fanes hatte er offenbar nicht gerechnet. Wer zum ersten Mal von der anderen Seite – also von Pederü kommend – am Rande des Talkessels steht, wäre auch heute nicht verwundert, wenn ihm ein Hobbit auf Ski oder mit Schneeschuhen begegnete, freundlich grüßte und ihn zum Abendessen einlüde.

Denn obwohl der Aufstieg über eine Fahrstraße führt, auf der dem Tourengeher Tagestouristen auf Schlitten oder einer der Wirte mit seiner Schneekatze begegnen, wirkt der Kessel der kleinen Fanesalpe wie ein von Fabelwesen bewohnter Mikrokosmos. Winter in Mittelerde, so ähnlich würde er aussehen. Kein Wunder, dass hier oben Sagen entstanden sind, zwar nicht mit Hobbits, aber dafür mit Königen, Prinzessinnen und Murmeltieren. Mit wehendem Haar sitzt sie auf ihrem Pferd, in einer Hand den Bogen, die andere zum Gruß erhoben. Ihre schmale Taille wird von einem Harnisch umgeben, der Jüngling mit dem Schild blickt bewundernd zu ihr auf:

Dolasilla, Prinzessin aus der Fanessage, und Ey-de-Net, der junge Held, in den sie sich verliebt. Die Geschichte der beiden bildet einen Teil der ausschweifenden Legende. Ein massives Holzrelief im Treppenhaus der Lavarallahütte hat die beiden inmitten der Bergkulisse rund um die Fanesburg (2657 m) verewigt.

Mit der Schneekatze zur Schule

Wirt Hanspeter Frenner ist mit der Sage aufgewachsen. »Die Oma hat uns immer davon erzählt«, erinnert er sich. Mittlerweile ist der 56-Jährige bereits selbst Großvater, und die Enkelinnen Emma (7) und Marta (3) lauschen seinen Erzählungen. Denn auf der Lavarellahütte leben noch heute drei Generationen zusammen. Vom zweiten Weihnachtsfeiertag bis zwei Wochen nach Ostern sind sie zusammen auf der Alm. Jeden Morgen bringt der Großvater die Kleinen mit der Schneekatze hinunter nach Pederü und von dort mit dem Auto nach St. Vigil.

Während Emma und Marta Kindergarten und Schule besuchen, erledigt er seine Einkäufe. Sieht man von dem ungewöhnlichen Schulbus und dem Internet-Anschluss auf der Lavarellahütte ab, verbringen die beiden also eine ähnliche Kindheit wie ihr Großvater Hanspeter.
Der Familienbesitz an der mehrmals renovierten und erweiterten Hütte geht noch weiter zurück. Von 1912 stammt das erste schriftliche Dokument, dass das Gebäude mit der Hausnummer »St. Vigil 125« erwähnt. Mehr als 250 Alpenvereinshütten gab es zu dieser Zeit bereits in den Ostalpen, aber keine auf der Fanes.

Veröffentlichungen von damals beklagen genau diese Tatsache. Wer das Sagenreich erkunden wollte, war darauf angewiesen, dass ihm einer der Senner eine Nacht im Heu gewährte. Die Sektionen Ladinia und Danzig bemühten sich zwar lange um eine Genehmigung, erhielten sie aber nicht, weil die Jagdpächter dagegen waren. Dem Bewirtschafter der Kleinfanesalm, an deren Platz heute die Lavarellahütte steht, war das offenbar egal. Er bot Bergsteigern an, im Lager zu übernachten. So konnte die Fanes vergangenen Herbst ihren 100. Geburtstag feiern.

Dolomiten: Frontgebiet im Ersten Weltkrieg

Die friedliche Kulisse, das Lachen der Kinder, der Reiz der weißen Hänge – kaum vorstellbar, dass hier einst Pferdefuhrwerke mit Munition, Essen und Trinken hinaufratterten, um die Soldaten an der Front zu versorgen. Denn auch in diesem Teil der Dolomiten standen sich italienische »Alpini« und österreichische »Kaiserjäger« und deren Verbündete vom Deutschen Alpenkorps drei Sommer und zwei schreckliche Winter lang gegenüber.

Blitz und Steinschlag, Kälte und Lawinen forderten von Mai 1915 bis Oktober 1917 zeitweise mehr Opfer als die Schüsse des Feindes. Die Front verlief mitten durch die südöstliche Bergkette der Fanes, vom Lagazuoi im Süden über die Fanesspitzen, Monte Cavallo und Monte Castello, Furcia Rossa und bis hinüber zum Monte del Vallon Bianco.

Der Verein »Dolomitenfreunde« begann 1973 damit, die Originalpfade des Ersten Weltkrieges wieder begehbar zu machen. Die Freiwilligen rund um den österreichischen Offizier Walther Schaumann brachten neue Sicherungsdrahtseile und Leitern an, spannten eine Eisenbrücke über die Schlucht zwischen Monte del Vallon Bianco und Furcia Rossa und errichteten zwei Biwakhütten, das Bivacco Baccon-Baborka und das Bivacco della Pace. Eine der beliebtesten Skitouren der Fanesaspiranten führt am Friedensbiwak (Skidepot, 2760 m) vorbei zum Monte Castello.

Naturpark statt Dolomitenstraße

Der Krieg hatte den beginnenden Bergtourismus auf der Fanes jäh beendet. Erst mit dem Bau der beiden Hütten kam wieder Leben auf die Almen. Auch die zweite, deutlich größere Faneshütte befi ndet sich seit Generationen in Familienbesitz: Seit 1928 wird sie von der Familie Mutschlechner bewirtschaftet. Ebenso wie die Lavarellahütte bildet sie einen idealen Ausgangspunkt für alle Touren in der Fanes. Wer sich die Gipfel im Südosten vorgenommen hat (Pareispitze, Monte del Vallon Bianco, Furcia-Rossa- Spitzen, Monte Castello, Monte Casale, Monte Cavallo), ist diesen ein klein wenig näher, denn die Hütten liegen etwa 500 Meter auseinander.

Strategisch günstig erschien übrigens auch einigen Verkehrsplanern die Lage der Fanesalpe: Ende der 1970er-Jahre verfolgten sie die Idee einer großen Dolomitenstraße zwischen St. Vigil und Cortina d‘Ampezzo. Sie konnten sich zum Glück nicht durchsetzen. Stattdessen wurde 1980 der Naturpark Fanes-Sennes-Prags gegründet, der mit 25 680 Hektar größte Naturpark der Dolomiten. Zusammen mit acht weiteren Dolomitenregionen ist dieser seit 2009 außerdem Weltnaturerbe der Unesco. Und so sitzt der Schneehase immer noch mit erhobenen Pfötchen im funkelnden Weiß und blickt die Menschen an. Als einer der Tourengeher seine Hand in Richtung Kameratasche bewegt, ist es jedoch vorbei mit seiner Starre: Der Hase spurtet los. Eine kurze Zeit lässt sich der weiße Popo, der schnurstracks bergauf hoppelt, noch verfolgen. Dann wird er eins mit der Schneedecke.
Gipfeltouren in der Fanes - Text: Sandra Zistl. Fotos: Max Willeit, Sandra Zistl (2), Simon Kehrer/Tourismusverein St. Vigil in Enneberg
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