In der Reichenspitzgruppe | BERGSTEIGER Magazin
Bergsteigen in den Zillertaler Alpen

In der Reichenspitzgruppe

Fährt man von Zell am Ziller Richtung Gerlospass hinauf, öffnet sich eine charismatische Urgesteinslandschaft: die Reichenspitzgruppe. Mit ihren eisumkränzten Zackenprofilen und blockreichen Karen steht sie in starkem Kontrast zu den benachbarten Ausläufern der sanften Kitzbüheler Alpen. Von Mark Zahel

 
In der Reichenspitzgruppe © Mark Zahel
Frühling am Gerlossee – in der Nähe des Sees liegt die Zittauer Hütte, Ausgangspunkt für eine Besteigung der Reichenspitze
Ein Graupelschauer jagte den anderen, die Gipfel hüllten sich in Sturmwolken und zu allem Überfluss war die angepeilte Hütte auch noch wegen Umbau geschlossen. Nein, mit offenen Armen haben mich die Berge der Reichenspitzgruppe bei meinem ersten Auftritt vor rund zehn Jahren nicht gerade empfangen. Es blitzten aber durchaus ein paar verheißungsvolle Merkmale hervor, denn die Ursprünglichkeit dieser Gegend erschien meinen Sehnsüchten in jedem Fall zu entsprechen. Und für vertiefte Eindrücke müsste man halt mal eine günstigere Wetterlage wählen. Irgendwann kam der Tag…

Wer den Begriff Reichenspitzgruppe nicht so recht einordnen kann, sei zunächst einmal geografisch aufgeklärt. Es handelt sich um den nordöstlichen Teil im großen Verbund der Zillertaler Alpen, im Norden begrenzt durch das Gerlostal, dessen Achse sich über den Gerlospass bis Krimml im Oberpinzgau verlängern lässt. Das hochalpine Krimmler Achental fungiert als Ostrand hin zur Venedigergruppe, der von Mayrhofen ausgehende Zillergrund hingegen als markante Abgrenzung zum Kernbereich der Zillertaler Alpen. Die Reichenspitzgruppe stößt ganz im Südosten (am Dreiecker) an den Alpenhauptkamm und besitzt neben ihrem eigenen Herzstück um Reichenspitze und Wildgerlosspitze das weite Vorfeld der sogenannten Östlichen Zillerkämme bis hinaus zum Gerlosstein. Verhältnismäßig lieblich wirkt nur dieser letztgenannte Ausläufer, während der große Rest den strengen Gefilden der Hochalpen zuzuordnen ist.

Ende Juni – der Sommer hat längst Fahrt aufgenommen. Ich bin wieder auf der Zittauer Hütte, die sich inzwischen richtig gemütlich herausgeputzt und auf der Schwelle des Unteren Gerlossees die Idylle ohnehin gepachtet hat. Schon der Zustieg aus der Finkau, vorbei an der Trisselalm und später unmittelbar an einer stiebenden Wasserfallstufe, bietet einen Vorgeschmack auf das wildromantische Ambiente. Diesmal steht auch der Weiterweg auf den auserkorenen Gipfel namens Roßkopf unter einem guten Stern.

Von Krimml durchs Achental

Links und rechts vom Gipfel sind zudem interessante Übergänge möglich. Über die Rainbachscharte gelangt man auf kürzestem Weg ins Krimmler Achental, allerdings nicht unbedingt auf die Schnelle, denn der malerische Rainbachsee vermag einen unter Umständen lange festzuhalten. Wer indessen über die Roßkarscharte die Verbindung zur Richterhütte einschlägt, berührt ein paar bescheidenere Lacken und wählt einen gehörigen Umweg, der freilich auch neue Perspektiven eröffnet. So zeigt die Gipfelkette oberhalb der Hütte Profile von besonders scharfer Ausprägung, granitene Plattenpanzer sowie zersägte Grate, die ihre Linien durchs Himmelblau schneiden.

Der Normalanstieg zur Richterhütte kommt indes aus dem urigen Krimmler Achental, das ich immer wieder gern von ganz unten durchwandere (auch wenn ein Taxidienst zum Tauernhaus angeboten wird). Mit den Krimmler Wasserfällen geht es ja sofort fulminant los. In drei mächtigen Kaskaden donnert die Gletscherschmelze – das können im Frühsommer schon mal 40000 Liter in der Sekunde sein! – zu Tal. Der bereits vor über hundert Jahren ausgebaute Wasserfallweg lädt alljährlich Abertausende ein, das europaweit berühmte Naturspektakel ganz aus der Nähe zu bewundern. Den meisten bleibt das stimmungsvolle Hochtal oberhalb der Steilstufe freilich verborgen, weil zu früh wieder kehrtgemacht wird. Dabei ist es ein ganz beschaulicher Wanderausflug, einwärts bis zum altehrwürdigen Krimmler Tauernhaus ohne jegliche alpinistische Ambitionen. Solche hegen eher schon jene, die ihren Aufstieg durch den Seitenast des Rainbachtals fortsetzen, in der Richterhütte übernachten und anderntags der Richterspitze – immerhin ein Dreitausender! – aufs Haupt steigen. Oder zu einer der Nachbarhütten wechseln: über den Krimmler Tauern Richtung Südtiroler Birnlückenhütte, über die jüngst wieder besser abgesicherte Gamsscharte oder in längerer Variante via Zillerplattenscharte zur Plauener oder zur erwähnten Zittauer am Gerlossee.

Mittendrin die Herrscherin

Gleichsam im Ankerpunkt dreier Hütten formiert die Reichenspitze das alles überragende Felskastell in diesem Revier, ringsum auch von wilden Gletschern geschmückt. Am grimmigsten gestaltet sich heutzutage wohl der Zugang von der Richterhütte über die Ostwand, kaum weniger rassig der klassische Nordanstieg über die vorgelagerte »Glatze« am Gabler. Bleibt die Route von der Plauener Hütte als praktikabelster Normalweg, der freilich angesichts gewaltiger Spaltenmäuler auf dem Kuchelmooskees ebenfalls nicht zu unterschätzen ist. An der Reichenspitze ist immer der komplette Bergsteiger gefordert. Doch wer dort oben einmal einen Prachttag erlebt hat, weiß ein hohes Lied auf diesen Traumberg zu singen. Handzahmer gebärden sich im Übrigen auch viele der Trabanten nicht. Im Gegenteil: Bereits manche Normalroute weist Schwierigkeiten im III. Grad auf und echte Wegeberge sind ohnehin rar gesät.

Zwischen Gerlostal und Zillergrund

Man findet sie am ehesten an den sanften Ausläufern der gegen das Gerlostal gerichteten Zillerkämme, die dort ein paar schöne Aussichtskanzeln tragen. Der Plattenkogel direkt über dem Gerlospass ist für meinen Geschmack zwar etwas zu stark erschlossen (da entschwinde ich lieber auf den Leitenkammersteig), doch Schönbühel und Arbiskogel taugen durchaus für eine Familienwanderung bis knapp über die Waldgrenze hinaus, besonders wenn Ende Juni, Anfang Juli die Alpenrosen in voller Blüte stehen. Die südlichen Fortsetzungen der Kämme werfen dann meist wieder erhebliche Hürden auf und sind nicht ohne Grund bis heute einsamstes Bergland geblieben. Aber warum nicht einmal hineinlaufen in einen Schwarzachgrund, ein Wimmer- oder Schönachtal, ohne großes, hehres Tourenziel? Der Erlebniswert muss nicht geringer sein als bei einer namhaften Bergfahrt.

Logenplatz Kolm

Einen Gipfel möchte ich an dieser Stelle aber doch noch explizit hervorheben, weil mich einerseits besagter Erlebniswert dazu animiert und andererseits der Berg aufgrund seiner markanten Form und Lage besonderen Stellenwert besitzt. Gemeint ist der Brandberger Kolm, meist vom namengebenden Bergdörfchen über dem Zillergrund angegangen, was eine Tour aus dem Gerlostal oder von der Gerlossteinbahn her freilich nicht ausschließt. Für reine Bergwanderer ist die Sache schon zünftig zu nennen, die Aussicht in jedem Fall großartig. Als ich mich dort oben an einem blitzsauberen Frühsommertag gemeinsam mit zwei Einheimischen in der Sonne räkele, teilt sich gar unser Hauptinteresse. Während das Ehepaar aus Zell seinen Logenplatz mit Blick auf die vornehmlich grüne (Tal-)Heimat einnimmt, beäuge ich unentwegt die große Parade der Zillertaler Eisriesen. In der Tat kann man beiden Richtungen spezielle Reize nicht absprechen… 
 
In der Reichenspitzgruppe (Fotos: Bernd Ritschel, Zillertal Arena)
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