Wandern mit der ganzen Familie

Bergfreuden für Kinder

Am besten wandert es sich eben doch mit anderen Kindern. Zum Beispiel mit einer Familiengruppe des Alpenvereins. Quengeleien sind da auf einmal kein Thema mehr.

 
Wandern mit der ganzen Familie © Andreas Strauß
Bei einer Familienbergtour orientiert sich die gesamte Gruppe am Tempo der Kinder
Das ist die beste Landkarte, die man sich vorstellen kann. Denn über dem Gipfel ist die Sonne eingezeichnet, im Bach die Fische und auf dem großen Baum sitzt ein Vogel. Außerdem findet man sich schnell zurecht auf dem Plan. Viel schneller als auf der Erwachsenenkarte. Samstagvormittag am Wirtsalm-Parkplatz über Bad Feilnbach. Neun Paar Kinderaugen verfolgen Christls Finger auf der großen, gezeichneten Karte. Die Familiengruppenleiterin fasst nochmals in Worte, was die Kinder auf der Karte ohnehin schon entdeckt haben: Es geht am Bach entlang, rechts, durchs Kuhgatter, links, durch den Wald und auf den Gipfel. Kein Wunder, dass ein halbes Dutzend Kinderstimmen »Ich!« schreien auf die Frage, wer das erste Stück als Pfadfinder vorausgehen will und den anderen den richtigen Weg zeigt.

Wie eine Schatzkarte

Frauenpower voraus! Johanna (5) bekommt die Zeichnung und damit auch ein Stück Verantwortung. Ihr Bruder Benedikt (7) und Leonard (7) werden ihr helfen und stürmen in großen Schritten voraus. Nach ein paar Minuten brüten die drei über dem Blatt wie über einer Schatzkarte, dann sind sie sich sicher, wo es weitergeht. Die Erwachsenen – heute in der Minderzahl – kommen nach. Sie unterhalten sich und folgen mit aufmerksamen Blicken ihren Sprösslingen. Dem einen oder anderen Elternteil merkt man eine gewisse Erleichterung an, dass sie an diesem Tag keine Überredungskünste brauchen, um ihren Töchtern und Söhnen das Bergsteigen schmackhaft zu machen. Ganz im Gegenteil. Vroni, mit zehn Jahren die älteste, bremst die jungen Gipfelstürmer: »Ich glaube, wir müssen auf die Erwachsenen mal warten!«

Was gibt es nicht alles zu entdecken auf der großen Wiese! Paul fängt eine Spinne. Angst hat vor der keiner. Und wenn, dann gibt man das vor den anderen nicht zu… Erst wird sie auf einem großen Blatt sitzend betrachtet. Als Johanna das Blatt in die Hand nimmt, wird das Tier munter und saust los. Johanna lässt sie sich über die Hand krabbeln. Lustig fühlt sich das an. Und es kitzelt ein wenig.

Paul auf Spinnenmission

Mit einem Seilstück aus dem Rucksack der Gruppenleiterin bilden Benedikt, Leonard, Johanna, Marlene, Vroni, Noah, Fenja und Jana einen Kreis. Das ist gar nicht so einfach, alle müssen zusammenhelfen. Erst recht, als es beim zweiten Durchgang darum geht, den Kreis mit geschlossenen Augen zu formen. Nur Paul ist auf Spinnenmission unterwegs und setzt das Tier in der Freiheit aus. Und Korbinian ist mit eineinhalb Jahren noch zu klein für den Seilkreis – er ist das jüngste Mitglied der Familientour. Nach dieser ersten Spielpause darf Leonard den Plan und die Leitung übernehmen. Mit neuem Elan geht es weiter. Der Weg wird jetzt zum schmalen Steig, er führt über einen steilen Wiesenrücken hinauf. Wer die längeren Beine hat, ist hier im Vorteil. Oder etwa nicht? Schließlich sind Jana, Fenja und Johanna – alle noch im Vorschulalter – dafür auf Augenhöhe mit Käfern, Blumen und Fröschen. Wenn das kein Vorteil ist!

Trinkpause. Gute hundert Höhenmeter sind es noch bis zum Gipfel. Als Erwachsener würde man keinen Moment über eine Pause nachdenken, die gäbe es erst am höchsten Punkt. Bei einer Familientour orientiert sich die Gruppe aber am Tempo der Kinder und das ist auch gut so. Langsameres Tempo und vor allem viele Pausen sind eine der Grundbedingungen. Ein interessanter Weg und Spielmöglichkeiten gehören genauso zum Erfolgsrezept. Für den Rest sorgt die Natur: Spinnen, Käfer und Kühe, Kletterfelsen und Tarzanbäume, Walderdbeeren und Pusteblumen. Zwischen Parkplatz und Gipfelrast wird gespielt, gegessen, geschaut und viel gelacht. Nur die steilen Wegabschnitte und vorbei an den riesigen Kühen geht man dann doch lieber an Papas Hand.

Ran an die Brotzeit

Am Gipfel. Der Mitterberg mit seinen 1120 Metern ist der optimale Familienberg, das hat die erfahrene Gruppenleiterin perfekt ausgesucht. Rund ums Gipfelkreuz ist Platz für eine Brotzeit, der Blick hinunter kann die jungen Bergsteiger schon ein wenig stolz machen: So weit sind wir heroben! Belegte Brote, Wiener Würstel und das Fläschchen sorgen für neue Energie. Bei Kindern kommt die sowieso schneller wieder. Als echter Bergsteiger trägt man sich ins Gipfelbuch ein. Benedikt und Leonard übernehmen das in Teamarbeit und mit höchster Konzentration: die Stirn in Falten gelegt und die Zungenspitze gegen die Zähne gepresst.

Bald drängt die Rasselbande zum Aufbruch. Über einen Wiesenhang steigt die Gruppe ab, im Bogen geht es um den Mitterberg herum. Im Abstieg warten noch ein paar Überraschungen. Die erste hat die Leiterin sogar auf der Karte eingezeichnet: eine große Buche, die sich zum Kraxeln eignet. Aus eigener Kraft und teils mit ein wenig Unterstützung von Elternhänden sitzen bald die meisten Kinder in den großen Astgabeln. »Jetzt bin ich größer als du!«, hört man aus dem Buchenobergeschoss. Die nächste Überraschung hat vier Beine und eine Glocke um den Hals. Paul testet mutig, was die Kuh am liebsten frisst und versucht es aus sicherer Entfernung mit einem Grashalm. Ohne Erfolg. Eine kurze Unterbrechung gibt es noch im Abstieg. Christl findet neben dem Weg einen großen Baumstumpf. »Ob ihr es schafft, dass alle Kinder gleichzeitig auf dem Baumstumpf stehen?«

Von Andrea Strauß
Bergfreuden für Kinder - Fotos: Andreas Strauß
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 09/2012. Jetzt abonnieren!
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