Ana´s way west – Piz Kesch (3418 m) | BERGSTEIGER Magazin

Ana´s way west – Piz Kesch (3418 m)

Ana überquert die Alpen – allein, von Ost nach West in 60 Tagen: 1900 Kilometer durch die Österreichischen-, Italienischen-, Schweizer- und Französischen Alpen. Auf unserem Blog könnt ihr sie begleiten! Hier alles zu ihrer Solo-Besteigung des Piz Kesch (3418 m)
 
© ana's way west
Der Tag fing schon gut an. Um 5 Uhr bin ich völlig ausgeruht in meiner kleinen Mulde aufgewacht. Die Sterne funkelten noch leise und der Mond beleuchtete hell die unglaublich schöne weiße Skyline der Bernina. So ein Anblick macht auch um 5 Uhr morgens Lust einen Kopfsprung in diesen Tag zu machen. Einmal war ich Nachts aufgewacht und habe auf das Thermometer auf meiner Uhr geguckt, die neben dem Schlafsack draußen lag. Es hatte -5° C und ich war ganz überrascht, weil mir kein bisschen kalt war. Meine Nase hatte ich im Schlafsack vergraben und ich glaube dem Schnee neben meinem Schlafplatz war wesentlich kälter als mir. Ich habe dann den Reif von außen am Schlafsack abgeschüttelt und nach meinem Kaffee in der Hütte war er auch schon außen wieder durchgetrocknet. Für mich sind das gerade sehr wichtige Erlebnisse: die Erleichterung und Freude, dass der neue Schlafsack (Glacier SL 1000), den ich dankenswerterweise von Mountain Equipment gestellt bekomme, auch bei solchen Bedingungen noch überaus gemütlich ist. So kann er kommen, der Schnee und die hohen Berge im Wallis mit unschlagbar schönen "Winterbiwaks". Da freue ich mich jetzt richtig drauf.  



Und dann ist dieser Tag auch noch so großartig weitergegangen, dass ich schon wieder gar nicht weiß wohin mit all meinem Glücksgefühl. Der Piz Kesch hat mich auf seinem Gipfel empfangen. Und man, war das ein toller Gipfel und eine tolle Tour. Und meine erste Solo-Gletscherquerung mit Kletterei (II-III) zum Gipfel. Es fühlt sich so gut an, dass ich das gemacht habe. Und richtig, Ich bin nicht mit dem Vorsatz gegangen um jeden Preis zum Gipfel zu kommen. Ich wusste die ganze Zeit, dass es sein kann, dass ich nicht bis oben komme, weil es zu gefährlich wird allein oder ich es mir nicht mehr zutraue oder was auch immer. Zu keinem Zeitpunkt hat die "Gipfelsucht" überwogen, ich habe einen kühlen Kopf bewahrt, auf jeden Schritt geachtet und mich bei jeder Entscheidung einmal hinterfragt. Na und dann war es auch noch einfach wunderschön da oben und ich grinse hier in meine Tastatur wenn ich daran denke.  



Das Wetter war perfekt. Und obwohl ich erst gegen 8 Uhr von der Hütte losgekommen bin (verquatscht mit dem Wirt, Sonnenaufgang über der Bernina...) war der Schnee noch schön fest und griffig. Der Weg zur Porta d'Es-Cha war unschwierig und schnell gemacht und dann lag das Gletscherfeld strahlend und schön vor mir. Die Spalten waren gut zu sehen und ich konnte einer ausgetretenen Spur bis zum Grat folgen. Die Seilschaften, die um 5 Uhr von der Hütte aufgebrochen waren, kamen mir entgegen. Ich konnte mich also nochmal versichern dass der Aufstieg gut geht und mich dann darauf freuen, den Gipfel oben ganz für mich zu haben.

Die Kletterei am Grat war für mich allein genau auf der Kante. Also genau so, dass ich es mir mit Konzentration noch gut zugetraut habe, aber wenn es viel schwieriger gewesen wäre, hätte ich es alleine nicht gemacht. Ich habe zwei Depots gemacht: erstmal den Rucksack leichter gemacht und kurz unterhalb des Gipfels, wo es noch eine Schlüsselstelle zu klettern gab, den Rucksack ganz liegengelassen. Das Klettern mit Steigeisen ist mir nicht schwer gefallen und die Handhabung des Pickels fühlt sich jetzt sicher und routiniert an. Oben angekommen war ich stolz, aber mir immer bewusst, dass der Abstieg noch kommt und nicht ohne wird. Aber auch da hat alles gut geklappt und der Weg zurück über den Gletscher war eine Kür. Oben bei der Porta habe ich dann eine ausführliche Pause in der Sonne eingelegt und das gute Gefühl genossen. 



Der Weg zur Chamanna digl Kesch hat dann doch noch eine unerwartete Herausforderung geboten. Der Gletscher war unverspurt und ich hatte keine Ahnung wo die Spalten sind. Die Alternative, entlang der Felswand war auch nicht so prickelnd, weil da jetzt am Nachmittag die Steinschlaggefahr nicht unerheblich war. Unter mir hat das Eis immer wieder geknackt und geknarzt und ich wusste nie, ob gleich was passiert. Ich bin gegangen wie auf rohen Eiern. Manchmal hat es sich hohl angefühlt, alles plätscherte, auch unter mir. Aber am Ende ist ja alles gut gegangen. Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, hatte ich sogar für den Fall die richtige Route gewählt. Nah am Fels, mit großer Aufmerksamkeit.  

Jetzt gehe ich noch eine Stunde weiter zu den Seen, wo es bestimmt schön ist. Da will ich heute schlafen. Der Wirt hier hat mir eben noch zwei kleine Flaschen Schnaps geschenkt, die gönn ich mir dann mit Schokolade im Schlafsack. Ich hoffe es regnet Nachts nicht, denn da ist keine Hütte oder irgendein Dach in der Nähe. Morgen Vormittag mache ich dann nur noch der Abstieg nach Davos, wo ich vermutlich auch den Sonntag verbringen werde, weil das Wetter sehr schlecht werden soll.  



Apropos Wetter: Ich habe mir vorgenommen mich am Schlechtwettertag mal ausführlich mit Wetterkunde zu beschäftigen. Das wollte ich eigentlich natürlich vor der Tour gemacht haben, bin aber aus Zeitmangel nicht viel weiter gekommen als zu den Kumuluswolken. Heute morgen, als ich mit Michel, dem unheimlich netten Wirt der Chamanna d'Es-Cha den Sonnenaufgang bestaunt habe, fing das an. Er hat mir erklärt wie das in der Schweiz ist mit den Winden, dem Föhn usw.. Aber ich bin kaum mitgekommen, so viel wollte ich mir aufschreiben. Deswegen also nochmal in Ruhe im Tal, wenn es draußen regnet. Hoffentlich finde ich das entsprechende (Buch-)Material dazu. 

Eigentlich will ich noch viel mehr schreiben, aber ich muss jetzt los. Die Sonne schickt ihr letzten wärmenden Strahlen durchs Fenster und auch wenn meine Knie nicht mehr viel hergeben heute, will ich zumindest noch zu den Seen kommen. 



Aber ein dickes Dankeschön muss ich heute noch loswerden: Giuliano von Feel the Mountains aus Sulden war heute mein "Backoffice". Er wusste, dass ich auf den Piz Kesch gehe und hat mich sozusagen mental begleitet. Es war gut, dass er immer wusste wo ich bin, wir haben unterwegs telefoniert und geschrieben. Es war sehr angenehm und es hat Spaß gemacht die Tour so zu teilen. Und natürlich hat es sich sicherer angefühlt zu wissen, dass jemand "dabei" ist, auch für den Fall dass etwas passiert. Danke Giuliano!
 
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