Im BERGSTEIGER Test: Kunstfaser-Schlafsäcke

Schlafsäcke mit Kunstfaserfüllung im Test

Kunstfaserschlafsäcke haben im Vergleich zu Daunenschlafsäcken enorm aufgeholt. Wir sagen Ihnen, worauf Sie beim Kauf dieser Schlafsäcke achten sollten und haben 12 Modelle einem Produkttest unterzogen.
(Aus BERGSTEIGER 10/2010)
 
Im BERGSTEIGER Test 10/2010: Kunstfaserschlafsäcke © Bernd Ritschel
Im BERGSTEIGER Test 10/2010: Kunstfaserschlafsäcke
Schlafsäcke müssen je nach Einsatzgebiet verschiedene Ansprüche erfüllen. Und je nachdem gibt es sie mit Daunen- oder Kunstfaserfüllung. Für die meisten Anwender sind Kunstfaserschlafsäcke die richtige Wahl. Denn sie eignen sich für Trekking, Camping und auch Sommernächte im Gebirge – weniger für Biwaktouren. Ihre meist aus verschiedenen Kunstfasern bestehende Vlies-Füllung kann sich nicht verschieben. Und Volumen und Gewicht sind gegenüber den Daunenmodellen einigermaßen konkurrenzfähig. Der Vorteil der Kunstfaser liegt darin, auch im feuchten Zustand noch weitestgehend zu isolieren! Obendrein sind Kunstfaserschlafsäcke die preiswertere Alternative im Vergleich zu Daunen.

Temperaturbereiche der Kunstfaser-Schlafsäcke

Gemäß der strengen europäischen Norm EN 13537 geprüfte Schlafsäcke werden nach ihren Mindestwerten in drei Kategorien eingeteilt:
In den Komfortwert »TCom« für Frauen und Verfrorene, in den unteren Grenzwert »TLim«, unterhalb dessen auch sonst unempfindlichere Männer ohne Zusatzkleidung zu frieren beginnen und in den Extremwert »TExt«, ab dem mit Unterkühlung zu rechnen ist. Wichtig für »Normalnutzer« ist der Übergangsbereich zwischen Komfort- und Grenzwert (5 – 6° C Differenz).

Die vorgestellten »3-Seasons-Schlafsäcke« haben Komfortwerte zwischen -1 (Vaude) und +7 Grad (Mountain Equipment) und Grenzwerte zwischen +3 und -6 Grad. Marmot gilt zwar in den USA als »5-Grad-Schlafsack«, wärmt aber nach EU-Norm für diese Übersicht zu wenig (6,5 – 10,5° C). Daher auch sein geringes Gewicht. Alle Kunstfaserschlafsäcke sind entweder in Überlänge vorgestellt – und daher für eine Körpergröße von 195 bis 200 Zentimetern ausgelegt (Vaude, Mammut bis 210 cm) – oder in großer Normallänge. Diese liegt bei 180 bis 185 Zentimetern (Ferrino), die Damenlänge bei 163 bis 175 Zentimetern.

Länge, Gewicht und Pack-Volumen

Das Gewicht reicht von etwa 1,3 Kilogramm (Ferrino) bis 2,1 kg (Nordisk) und rangiert damit mindestens ein Viertel über dem guter Daunenschlafsäcke. Dennoch bieten Topmodelle gute Gewichts-/Leistungsverhältnisse: Vaude (-1° C; 1,6 kg) oder Deuter (+2° C; 1,55 kg) sowie im höheren Komfortbereich Ferrino (+4° C; 1,3 kg) und Northland (+5° C, 1,4 kg). Die Gewichtsangaben sind immer inklusive des Packsacks, da man diesen immer mitnimmt. Zum Verpacken werden die Schlafsäcke unter Druckbelastung eingerollt (am besten von den Füßen nach oben) und seitlich in den zylindrischen Packsack gestopft. Dieser wird anschließend normalerweise mit einem System aus zwei überkreuzten Kompressionsriemen verschlossen. Am gleichmäßigsten funktioniert das mit einem Deckel.

Bereits Schlafsäcke mit kleineren Packmaßen von 35 Zentimetern Länge und 20 bis 22 Zentimetern Umfang passen nicht mehr in einen 35-l-Tagesrucksack (außer Ferrino mit 31 x 17 cm). Für voluminösere Modelle (bis 40 x 30 cm bei Nordisk) braucht man einen größeren Trekkingrucksack (ab 60 l) oder benutzt diese erst gar nicht unterwegs, sondern nur beim Camping. Nicht das Gewicht ist also der limitierende Faktor beim Transport von Kunstfaserschlafsäcken, sondern deren Volumen!

Füllung und Wärmekragen

Die Kunstfaservliese sind aus unterschiedlichen Fasern aufgebaut: Hohlfasern mit ein bis drei Luftkanälen isolieren gegen die Außentemperatur, Mikrofasern reflektieren die Körperwärme und Spiralfasern dienen dem Loft, also der Bauschkraft des Schlafsacks. Diese drei Sorten werden unterschiedlich kombiniert oder teils auch nicht verwendet. Einige Hersteller wie Carinthia behandeln die Fasern mit Silikon, damit sich keine Feuchtigkeit im Schlafsack festsetzen kann. Diese ensteht vor allem durch das Schwitzen im Schlaf. Zumindest in der Schlafsack-Oberseite werden die Vlieslagen normalerweise doppelt (Ferrino sogar vier Lagen!) und versetzt angeordnet oder sind besonders effektiv als Schindellagen aus schräg überlappenden Vliesteilen konstruiert. Fast alle vorgestellten Modelle (außer Nordisk, Marmot) besitzen auf Halshöhe einen per Klettverschluss oder Anpassungszug verstellbaren Wärmekragen. Und das obwohl er in Schlafsäcken mit Übergangstemperaturen im Plusbereich eigentlich unnötig ist. Um nicht zu schwitzen, sollte man ihn auch erst dann schließen, wenn der Temperatur-Grenzwert erreicht ist.

Hülle und Inhalt

Die Außenhülle aller vorgestellten Schlafsäcke ist auf Vorder- und Rückseite unterschiedlich. Meist farblich (unten normalerweise dunkler), teils auch im Stoff (Vorderseite evtl. dünner) oder der Füllung (Rückseite wegen der Isomatte evtl. dünner). Die Außenhülle ist mehr oder weniger gut imprägniert, und zwei der vorgestellten Modelle (Deuter, Mountain Equipment) besitzen an den neuralgischen Berührungspunkten mit der feuchten Zeltwand sogar stark wasserresistente Einsätze. Mit Bergans, Vaude sollte man bei starker Taubildung nicht draußen schlafen. Die Hüllen bestehen aus leichtem, zugfestem Nylon (Polyamid), evtl. mit Weiterreißschutz (Ripstop-Nylon). Die Vorderseite sollte möglichst wenige Nähte aufweisen, was Kältebrücken verringert und die Wasserabweisung verbessert. Mammut verzichtet sogar vollkommen auf Nähte in der Vorderseiten-Hülle. Als Innenstoff sollten möglichst kuschelige und bei Schweißbildung nicht klebende Materialien verwendet werden. Baumwolle wäre hier gut, trocknet aber nur langsam, ist kaum atmungsaktiv und relativ schwer. Polyester ist dagegen hoch atmungsaktiv, ebenfalls angenehm auf der Haut und wird bei einem Drittel der vorgestellten Schlafsäcke verwendet. Weil es robuster, leichter und schmutzabweisender ist, verwendet man im Bergbereich öfter sogenanntes Soft-Nylon (Nylon-Tafetta).

Reißverschlüsse

Heute gibt es kaum noch Modelle, bei denen der Reißverschluss an den Abdeckleisten beim Zu- oder Aufziehen im Stoff klemmt – effektiven Aufnähern gegen hereinströmende Kälte sei dank! Lästig ist aber das Klemmen einiger RVs ab der Krümmung des Schulterbereichs. Vor allem, wenn man den RV von innen öffnen will. Gerade bei Marmot mit der zusätzlich recht engen Gesichtsöffnung kann dies für Klaustrophobiker unangenehm werden.
Bei Plus-Temperaturen sollte der RV zumindest bei Männermodellen bis zur Wade oder dem Fußknöchel reichen, damit sich die Füße durch den unten geöffneten Zweiwege-RV gut belüften oder sogar herausstrecken lassen. Dies geht bei Salewa mit extra Fuß-RV am besten. Umgekehrt lässt sich Northland dank eines weiteren RVs oben bis zum Ellenbogen wie eine Decke aufklappen und in geschlossenem Zustand getrennt von der Kapuze zuziehen. Mammut besitzt einen nur unterschenkellangen RV, der einen ungewollten Wärmeverlust verhindern soll. Um die Gesichtsöffnung beidhändig zu schließen, reicht ein Doppelzug mit Tankafixierung eigentlich aus, sofern er leichtgängig ist (z. B. Lestra). Eine exaktere Anpassung an Gesicht oder Atemloch lässt sich allerdings durch einen Doppelzug mit zwei verschiedenen Bändeln (für Kragen und Kapuze) erreichen. Diese können einzeln gezogen und auch im Dunkeln unterschieden werden. Gute Züge lassen sich leicht einhändig schließen und durch Druck auf Kragen und Kapuze öffnen (Deuter, Mammut, Vaude).

Schnitt

Alle vorgestellten Schlafsäcke haben den typischen Mumienschnitt, d. h. sie sind an den Schultern breit, werden zu den Füßen hin schmaler (z. B. Bergans 66 bis 33 cm) und besitzen dort eine hochstehende »Zehenbox« (Lestra kaum). Ein im Beinbereich schlanker Schnitt isoliert effektiver, da weniger Luft erwärmt werden muss. Dafür kann man in einem breiter geschnittenen Schlafsack die Knie besser anwinkeln. Genial sind Deuter und Ferrino: Gumminähte ermöglichen Armen und Beinen mehr Bewegungsfreiheit und schnüren in »Mumienlage« wieder wärmeerhaltend zusammen. Während Lestra insgesamt etwas eng ist, bietet der Deckenschlafsack von Salewa besonders viel Bewegungsfreiheit – allerdings bei höherem Gewicht.

Extras

Die meisten Kunstfaserschlafsäcke besitzen ein Fach im Brustbereich, in das sich Wertsachen, Taschentücher oder ähnliches stecken lassen. Während ein Kissenfach (Northland) Luxus ist, sind auf Brust und RV-Abdeckung angebrachte Reflektoren nachts nützlich. Noch besser sind Leuchtzipper, die im Dunkeln glimmen (Mountain Equipment, Marmot).

 Hier den kompletten Testbericht Kunstfaser-Schlafsäcke herunterladen
Christian Schneeweiß
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 10/2010. Jetzt abonnieren!
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