Weitwandern in Europa

Der Europäische Fernwanderweg E5

Jeder Schritt ist wie ein Rausch. Das Gehen löst sich vom Gehenden, es wird ein eigenes Wesen, ein unerschöpflicher, ruhiger Fluss, der den Körper durchströmt. Die Psychologie spricht vom Zustand des »flows«. Beim Weitwandern ist dieser »flow« ständiger Begleiter. Von Robert Mayer

 
Wandern ist nicht nur eine uralte Kunst, sondern auch einer der kürzesten Wege zum Glück (an der Glanderspitze südlich von Zams) © Robert Mayer
Wandern ist nicht nur eine uralte Kunst, sondern auch einer der kürzesten Wege zum Glück (an der Glanderspitze südlich von Zams)
Der legendäre Fernwanderweg E5 führt von Konstanz am Bodensee bis nach Venedig. Im Herzen Europas überwindet er dabei die Urlandschaft der Alpen, die 1200 Kilometer lang eine gigantische Wetterscheide mit unterschiedlichen Klimazonen bilden. Der E5 durchquert die Zentralalpen an ihrer mit 250 Kilometern breitesten Stelle, 470 Kilometer sind dabei zu Fuß zu bewältigen. Fernwanderwege erfreuen sich großer Beliebtheit, weil die Sehnsucht nach Glück, Inspiration und Abenteuer auch moderne Weitwanderer motiviert. Wandern ist nicht nur eine uralte Kunst, sondern auch einer der kürzesten Wege zum Glück, versicherte mir ein Weggenosse.

Der Philosoph Jean J. Rousseau postulierte im 18. Jahrhundert das »Zurück zur Natur«, weil er glaubte, der Mensch sei von der Gesellschaft verdorben worden. Die Gesellschaft habe ihn auch der Natur entfremdet. Heute haben technischer Fortschritt, Komfort und modernes Leben einen mächtigen Keil zwischen »Indoor« und »Outdoor« getrieben. 90 Prozent unseres Lebens verbringen wir urbanen Menschen in geschlossenen Räumen.

Hans Schmid aus Sonthofen im Allgäu scheint diese Entwicklung bereits 1969 vorausgesehen zu haben. Im Zeitalter der beginnenden Mobilität hatte er die fixe Idee, die Alpen nur zu Fuß zu überqueren. Ein damals durchaus exotischer Gedanke, den er dennoch in die Tat umsetzte. Es war kein leichtes Unterfangen, aber nach neun Tagen und um fünf Kilo leichter erreichte er seinen Ferienort bei Bozen. Er wurde damit zum Vater des E5 und zu einem der Wegbereiter der Weitwanderbewegung.

Menschen begegnen auf dem E5

Die Nagelfluhkette im Allgäu ist seit 2008 als Naturpark geschützt. Die Nagelfluhwände sind interessant gegliedert und bilden walzenförmig aneinander gereihte Felssegmente, die wie Zahnreihen in einem riesenhaften Zyklopenmaul wirken. Darunter, wie von Geisterhand hingekegelt, liegen riesige Felsbrocken inmitten tiefgrüner von Blumen durchsetzten Matten, die mit leise rinnenden Wasserläufen durchzogen sind. Die Allgäuer nennen das ihren Märchengarten. Auf dem langen Nagelfluhgrat treffen wir Heinz, der uns eine bemerkenswerte Geschichte erzählt. Vor 35 Jahren lebte er im Allgäu und bekam zum Geburtstag einen E5-Führer geschenkt. Er zog weg und stellte das Büchlein in sein Regal. Jahrzehntelang fiel sein Blick immer wieder darauf, und er erinnerte sich an den Wunsch, das Abenteuer E5 irgendwann selbst zu wagen. Dieses Jahr hat er sich nun endlich ein Herz gefasst und kämpft sich über die sieben kraftraubenden Gipfel der Nagelfluhkette. Nur der steile Abstieg am Stuiben mache ihm Sorgen, da er nicht schwindelfrei ist. Die Tragik der Geschichte: So nah am Ziel seiner Träume hat ihn heute morgen sein Chef aus zwingenden Gründen vorzeitig an den Arbeitsplatz zurückbeordert…

Magische Momente erfahren

Ein gewaltiges Gewitter an der Memminger Hütte bringt die Scheiben zum Klirren und lässt selbst gestandene Bergführer verstummen. Grelle Blitze machen die Nacht zum Tag, und das felsige Amphitheater rings um die Hütte wirft den Donner tausendfach zurück. Schon am nächsten Morgen aber scheint die Sonne wieder und lässt die türkisgrünen Seewiseen, Relikte der Eiszeit, beim Aufstieg zur Seescharte aufleuchten.

Ein Tritt ins Paradies – ein magischer Moment ist für viele E5-Aspiranten der Übergang durchs schmale Felstor der Seescharte. Im Süden schält sich die hellglänzende Pyramide der Silberspitze aus dem Dunst, darunter ein Tal so schön und einsam, dass einem der Atem stockt. Die Seescharte wurde schon von Steinzeitjägern genutzt und bis 1956 fand hier ein spektakulärer Almauftrieb von 20 Haflingern statt. Dutzende Treiber mussten dazu teilweise Tunnels durch den Schnee graben, um auf schmalsten Tritten den schwierigen, äußerst strapaziösen Übergang zu meistern.

Naturwunder erleben in den Alpen

Vierhundert Meter hohe senkrechte Porphyrwände lassen den Himmel zu einem schmalen Streifen zusammenschrumpfen. Im Grand Canyon der Alpen, der acht Kilometer langen Bletterbachschlucht bei Bozen, wirft man einen Blick in die 280 Millionen Jahre alte Geschichte der Erde. Spuren von Sauriern finden sich im weichen Sandstein an der Cephalopodenbank. Die Konturen von Gräsern und Insekten sind perfekt erhalten – ganze Biotope aus der Urzeit können Forscher hier erkunden. Die Schlucht ist in den Alpen aufgrund ihres geologischen Aufbaus einzigartig. Die Gesteinsschichten, beginnend mit der jüngsten aus Sarl-Dolomit, dann den Werfener Schichten, Grödner Sandstein und Bozner Quarzporphyr, liegen wie eine Schichttorte der Geschichte vor uns. Die schwarzgrauen gipsreichen Bellerophon-Schichten zum Beispiel tragen ihren Namen von einer Meeresschnecke, die das vordringende Meer begleitete. An der Grenze zu den Werfener Schichten decken sie sich mit der folgenden Perm-Trias-Zeit. Dort am Übergang vom Erdaltertum zum Erdmittelalter kam es zum »großen Sterben«. 80 Prozent aller Meeresbewohner verschwanden auf unerklärliche Weise. Man beachte, dass gerade jetzt im 21. Jahrhundert das Artensterben weltweit ähnliche Ausmaße annimmt…

Sprachinseln entdecken

Erschöpft vom Klettersteig durch den dunklen Schlund der Val-Scura-Schlucht erreichen wir Lusern. Die Hüttenwirtin des Rifugio Alpino zaubert uns aus sonntäglichen Resten ein zimbrisches Göttermahl und erzählt dazu eine alte Sage: In alten Zeiten vermutete die Bevölkerung einen verwunschenen Ort im steilen Fels über dem Val d’Astico: die Höhle einer starken Frau mit großen Zähnen, der alten Ursula. Sie bewahre in riesigen Kübeln ungeborene Kinder auf, die sie, je nach ihrem Wert, an interessierte Väter verkaufe; Mädchen seien dabei günstiger als Jungs und die Hübschen teurer als Hässliche. Außerdem könne die alte Ursula Gewitter machen, und wenn sie die riesigen Kübel ausschütte, donnere es gewaltig in dem engen Tal.

»Bolkhent im Lond von Zimbarn« (Willkommen im Land der Zimbern). Lusern liegt am Rand der Hochfläche von Lavarone im Trentino und gehört zu den Gemeinden, die als zimbrische Sprachinseln angesehen werden. Ihre vom Aussterben bedrohte Sprache ist das älteste Deutsch, das heute noch gesprochen wird und ein Relikt der Zimberneinfälle im 1. Jahrtausend nach Christi. Ein wenig erinnert Lusern an eine unbeugsame Insel in den Bergen, die, wie Asterix und Obelix, gegen die erdrückende römische Übermacht ankämpft…

Geschichte begreifen

Ob es Saumpfade, Schmugglerwege oder berühmte Pässe sind, auf denen man unterwegs ist, der E5 hat immer etwas von der tausendjährigen Besiedelung des Alpenraumes zu erzählen. »Da qui non si pasa« (Hier kommt keiner durch). In den »Piccole Dolomiti« am Pasubio steht der Wanderer unversehens vor einem Schuttfeld – der gesprengten Westflanke des Dente Italiano. In einem irrsinnigen Stellungskrieg wurde er im Ersten Weltkrieg von den österreichischen Kaiserjägern mit Tonnen von Dynamit samt der italienischen Besatzung in die Luft gesprengt. »Berg der zehntausend Toten« und »Schlachtbank« wird dieser blutgetränkte Ort seither genannt.

In den Ötztaler Alpen passiert man auf dem Weg zur Martin-Busch-Hütte eine 800 Jahre alte Schäferhütte. Jedes Jahr werden im Juni in einem der größten und schwierigsten Schaftriebe der Alpen 2000 Tiere von Vernagt in Südtirol über das Niederjoch nach Österreich ins Niedertal getrieben.  Nicht zuletzt hat auch die 5300 Jahre alte Gletscherleiche, die in der Nähe der Similaunhütte entdeckt wurde, bezeugt, wie lange schon Mensch und Tier über die höchsten Pässe ziehen.  Die von den Medien »Ötzi« getaufte Mumie hatte bei ihrer Entdeckung eine reichhaltige Ausrüstung bei sich und öffnete so ein Fenster in eine längst vergangene Epoche – die Jungsteinzeit.

Seine Grenzen erkunden – Abenteuer erleben

Unterwegs auf dem E5 werden den Wanderer einzelne Begegnungen oder Landschaften ganz besonders beindru­cken und ihm in Erinnerung bleiben. Die gefährlichste Etappe des E5, meinte ein Journalist in einer Reportage, wäre die Fahrt mit dem Kleinbusfahrer Ronald von Holzgau ins abgelegene Madautal. Ronald, der jahrzehntelang als Matrose auf den Meeren der Welt unterwegs war, bestreitet dies natürlich…

Tatsächlich gibt es aber einige schwierige ausgesetzte Varianten am E5. Eine davon ist die Überschreitung des Kaunergrates ins Pitztal. Am Himmel kreisen Adler; Gams und Steinbockherden bevölkern die Jöcher und Grate, und Schneehühner ducken sich an den Fels. Wenn die Firnfelder am Aperen Madatschjoch hartgefroren sind oder Neuschnee den Weg verbirgt, wird die Überschreitung auf 3000 Meter Höhe ein echtes Abenteuer. In den Bergen sind wir der Natur ausgeliefert. Wir können nur hoffen, dass Muren, Steinschlag oder Blitze uns verschonen. Sicherheit gibt es nicht. Dieses »Ausgesetztsein« hinterlässt natürlich seine Wirkung in uns. Wir fürchten einerseits die Gefahren, aber schätzen gleichzeitig die tiefen Erfahrungen, die wir dabei machen können…
 
Magische Momente
Fotos: 
Robert Mayer
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 06/2009. Jetzt abonnieren!
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