Seit 60 Jahren: Die Geschichte des DAV Summit Clubs | BERGSTEIGER Magazin

Seit 60 Jahren: Die Geschichte des DAV Summit Clubs

Trekking, Skitour, Expedition: Allein in dieser Saison gehen über 12 000 Wanderer und Bergsteiger mit dem DAV Summit Club auf Tour. Binnen 60 Jahren hat der einstige Bergfahrtendienst die Anden und den Himalaya erschlossen, zahllose Gipfel ermöglicht und allen Stürmen getrotzt. Ein Rückblick auf seine Geschichte.
 
Im Hochlager C1 am Gasherbrum II mit dem Baltoro Kangri (7312m) im Hintergrund © Luis Stitzinger
Im Hochlager C1 am Gasherbrum II mit dem Baltoro Kangri (7312m) im Hintergrund
Wie der Zeiger einer Uhr arbeitet die Wolkenfahne am Everest. Steht sie rechtwinklig vom Gipfel ab, bläst der Wind mit etwa 80 Stundenkilometern. Pfeift es stärker, neigt sich die Fahne nach unten. Flacht der Wind ab, reckt sie sich gen Himmel. Windgeschwindigkeiten von bis zu 285 Stundenkilometer haben Experten so bereits bestimmt. Im Herbst 2013 erfasste heftiger Gegenwind eine geplante Expedition des DAV Summit Clubs. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit hatte der Münchner Bergreiseveranstalter eine Expedition auf den höchsten Gipfel der Welt ins Programm genommen – für knapp 40 000 Euro inklusive Flaschensauerstoff.​


Tierische Träger in der peruanischen Cordillera Blanca 1974

Dafür hagelte es es von vielen Seiten Kritik: Prominente Bergsteiger wie Stefan Glowacz und Reinhold Messner lehnten das kommerzielle Angebot ebenso ab wie der Mann, der den Summit Club zu dem gemacht hat, was er heute ist: Günter Sturm. »2003 habe ich noch gesagt, der Summit Club wird nie wieder eine Everest-Tour mit Flaschensauerstoff organisieren«, erinnert sich der 77-Jährige. Kurz darauf ging er in den Ruhestand, 2013 saß er kopfschüttelnd in seinem Wohnzimmer im Landkreis Bad Tölz. »Diese Entscheidung hab’ ich nicht verstanden.« Dass diese nicht ganz glücklich war, bestätigt auch Christoph Schnurr, heute beim DAV Summit Club für die Expeditionsreisen verantwortlich. »Wir haben uns damals sicher keinen Gefallen damit getan. Aber wir hatten 2013 die Seven Summits in unser Expeditionsprogramm aufgenommen, da gehört der Everest einfach mit dazu. Sie kam aber dann gar nicht erst zustande, weil die Bergsteiger nicht die hohen Auswahlkriterien des DAV Summit Club erfüllt haben.« Günter Sturm, 34 Jahre lang Geschäftsführer zunächst des Fahrtendienstes, dann der DAV Berg- und Skischule und schließlich des Summit Clubs, wie die Alpenvereinstochter heute heißt, hat selbst fünf Achttausender bestiegen, zwei davon mit Hilfe künstlichen Sauerstoffs.

Mit dem Summit Club hat Sturm Anfang der 80er Jahre eine Everest-Expedition angeboten. Den Gipfel hat weder sie noch Sturm selbst je erreicht. »Danach war ich sehr früh der Meinung, dass das keinen Sinn hat. Die Situation am Everest bringt das Expeditionswesen, ja die ganze Bergsteigerei in Verruf,« sagt Sturm. Er will eine Besteigung des Everest nur anerkennen, wenn sie ohne künstlichen Sauerstoff erfolgt. »Dann gehen pro Jahr noch zehn Leute auf den Gipfel und der ganze Spuk hat endlich ein Ende.« Die große Bedeutung der Everest-Touristen für die lokale Wirtschaft lässt Sturm als Argument nicht gelten. Er spricht von »enormen Summen für die Genehmigungen, die in den Ministerien versanden. Das ist Korruption allererster Klasse«.


Auf Tuchfühlung mit den Einheimischen im Mukut Himal 1972

Es begann als Fahrtendienst

Es klingt ein bisschen wie das Rufen nach dem Geist, der nicht mehr in seine Flasche zurück möchte. Denn Sturm selbst war es, der den Begriff der »wiederholbaren Auslandsbergfahrt« definierte und Normal-Bergsteigern den Weg in die Anden oder den Himalaya öffnete. »Zuvor musste man schon ein ausgewiesener Bergsteiger sein, damit der Herrligkoffer auf einen aufmerksam geworden ist«, meint Sturm, der den Bergfahrtendienst 1969 übernahm und in seiner ersten Amtshandlung in Berg- und Skischule des DAV umbenannte. »Den alten Namen fand ich nicht mehr zeitgemäß«, erzählt der 77-Jährige. Damit die Bergsteigerschule ihrem Namen auch gerecht wurde, legte Sturm gleich zu Beginn seiner Amtszeit einen Katalog mit fünf großen Auslandsreisen auf: Neben Besteigungen des Aconcagua und des Kilimandscharo fanden sich darunter auch Trekkingrouten, etwa zur Märchenwiese.
Schnell war ihm klar, dass sich Auslandsbergfahrten nicht wie Expeditionen organisieren lassen. Deshalb knüpfte Sturm über den ADAC Kontakte zu lokalen Stadtführern und Reiseveranstaltern. Über Jahre hinweg entwickelten sich daraus Agenturen, die die Logistik vor Ort übernahmen: vom Abholen am Flughafen bis zum Anheuern von lokalen Guides und Trägern.

Die Erfindung des Trekkings

Vom heutigen Lodge-Trekking war diese frühe Form der Bergreise noch meilenweit entfernt. »Würde das Trekking heute so ablaufen, gäbe es nur Beschwerden und man müsste den gesamten Reisepreis erstatten.« Geschlafen wurde in kleinen, niedrigen Zelten, gekocht im Freien oder am offenen Feuer, was sich zusehends zum Problem entwickelte. »Ich erinnere mich noch an einen Seite- 3-Artikel aus der Süddeutschen Zeitung. Titel: Der Summit Club brennt in Nepal die Wälder nieder«, sagt Sturm und kann nicht verhehlen, dass er das für eine maßlose Übertreibung hält. Dennoch stellte der Summit Club bald auf allen Trekking- Touren auf Kerosin- und später auf Gasbetrieb um. Den Begriff Trekking verwendete der Summit Club erstmals in seinem Katalog 1973. »Bis dahin waren das Auslandsbergfahrten. Ich hab den Begriff zwar nicht erfunden, aber ich habe ihn von irgendeiner Reise mitgebracht, vermutlich aus Nepal«, erzählt Sturm. Damals wie heute trägt der Summit Club den Slogan »Der Weg ist das Ziel« vor sich her. Damit hatte der ehemalige Geschäftsführer bereits in den Anfangsjahren auf das leidige Verhalten einiger Kunden reagiert. »Wenn alle den Gipfel erreicht hatten, war immer alles wunderbar. Wenn sie ihn aber nicht erreicht hatten, war der Bergführer schuld, das Essen oder irgendetwas anderes«, erklärt Sturm, warum er diese Worte gewählt hat. Eigentlich stammen sie von Skipionier Henry Hoek, der sinngemäß gesagt hatte: Wer mit ihm wandern wolle, der müsse den Weg zum Ziel haben. »Der Summit Club war dann der erste, der dieses Zitat auf dem Titel hatte«, meint Sturm, »inzwischen habe ich es überall gesehen, bei Lufthansa, bei Mercedes, aber die wissen eigentlich gar nicht, worum es da geht«. 


Günter Sturm im Jahr 1974 am Mount McKinley

Strauß und der Shishapangma

Seinen organisatorischen 8000er erreichte der Geschäftsführer Sturm 1978 – in einer Seilschaft mit dem damaligen Bundestagsabgeordneten Manfred Abelein. Als Sturm dem CDU-Politiker bei einer gemeinsamen Tour von Lhasa, Tibet und dem Shishapangma vorschwärmt, gibt der ihm einen Tipp: Franz Josef Strauß reise in Kürze zu Deng Xiaoping nach China. Sturm könne ein Gesuch aufsetzen, Abelein reiche es weiter. »Vier Wochen später bekam ich vom Büro Strauß die Information, wir sollen zu Vorbereitungen nach Peking kommen«, erzählt Sturm. Zwei Jahre später erreichten alle Teilnehmer der 300 000 D-Mark teuren Expedition den Gipfel des Shishapangma, als erste Europäer überhaupt. Diesen September will der Summit Club wieder eine Expedition in den Himalaya schicken: zum Manaslu (8163 m). Künstlichen Sauerstoff gibt es nur im Notfall und nur im Basislager. Eine weitere Everest-Expedition ist derzeit nicht geplant. Sturm und der Summit Club sind wieder einer Meinung, nachdem die Bergsteigerschule ein paar Jahre und mehrere Geschäftsführer gebraucht hat, um sich von Sturms Ausscheiden zu erholen. »Mit Hagen Sommer haben sie jetzt einen Tourismusexperten und dazu die alpine Kompetenz von Manfred Lorenz. Mit den beiden sind sie gut gerüstet«, sagt Sturm und wünscht seinem Summit Club zum 60. Jubiläum eine unfallfreie Zukunft.
 
Text: Christian Geist; Bild (2): DAV Summit Club/Erich Reismüller, Günter Sturm
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2017. Jetzt abonnieren!
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