Schiestlhaus: Ein ökologisches Pilotprojekt in den Bergen

Reggae und Exotic am Hochschwab

Das Rezept für den Erfolg des Schiestlhauses am Hochschwab ist etwas anders, als man es von alpinen Schutzhütten kennt: ein ökologisches Pilotprojekt mit exotischer Spitzenküche, garniert mit einer Prise Reggae-Rhythmen.

 
Christian Toth, Hüttenwirt vom Schiestlhaus am Hochschwab © Steiermark Tourismus/ikarus.cc, Dagmar Steigenberger
Vom Massiv des Hochschwab hat man fast die gesamte Steiermark im Blick – und das Schiestlhaus.
Kennen Sie »Soul Kitchen«? Den Film von Fatih Akin, in dem eine heruntergekommene Kneipe etwas abseits von der Hamburger Partymeile einen märchenhaften Aufstieg hinlegt? Dank eines neuen DJ’s und eines messerwerfenden Sterne-Kochs, der für den normalen Restaurantbetrieb etwas zu eigenwillig ist? Genau. Aber den meinen wir nicht. Nur so etwas ähnliches.

Das Schiestlhaus liegt auf einem hügeligen Hochplateau im Osten des Alpenhauptkammes. Bergsteiger aus dem Westen verirren sich selten hierher, gibt es doch weder einen Gletscher zu bewundern noch ein heroisches Gipfelziel jenseits der 3000-er Marke zu erobern. Nur Einheimische und ein paar Kletterbegeisterte aus Wien und Graz wissen um die Schätze des Hochschwab-Massivs: Erstens speist das Karstgebirge die Trinkwasserquellen für die Millionenstadt Wien. Zweitens bietet es den Kletterern mit seinen bis zu 600 Meter hohen Felswänden anspruchsvolle Touren in allen Schwierigkeitsgraden. Und drittens gibt es eben diese besondere Hütte etwas abseits von der Partymeile und doch so originell, dass die Stammgäste den weiten Anmarsch gerne in Kauf nehmen. Ein modernes Gebäude mit Pultdach und einer voll verglasten Südfront, davor blitzt eine Reihe von Sonnenkollektoren.

Auch innen ist das Schiestlhaus alles andere als konventionell: Einige der Sperrholzwände heben sich in tiefem Dunkelblau vom naturbelassenen Rest ab, an einem Hirschgeweih in der Gaststube baumelt eine Bart-Simpson-Lichterkette und Reggae-Rhythmen erfüllen die Luft. Hinter der Theke nickt ein kleiner Mann mit Che-Guevara-Käppi den frisch eingetroffenen Gästen zu. »Habt’s an Durscht, braucht’s was zum Aufwärmen? An Yogi-Tee vielleicht«, fragt eine freundliche Stimme von der Bar. Sie gehört einem Mann mit struppigem braunem Haar unter einer Strickmütze. »Der mit dem Käppi ist der Wolfgang. Der Küchenchef. Und ich bin der Christian«, stellt er sich vor. Logisch, dass der Hüttenwirt hier kein strenger Almöhi mit Rauschebart ist. Sondern eben der Christian. 

Schiestlhaus: Pilotprojekt Passivhaus

1995 hängte Christian Toth seinen Job als Maschinenbauer an den Nagel und übernahm das Schiestlhaus, bei dem damals eine Komplettrenovierung anstand. Aufgrund der maroden Bausubstanz beschloss der Österreichische Touristenklub (ÖTK) als Eigentümer dann allerdings, dass ein Neubau langfristig günstiger kommen würde. Mit dem Bau sollte ein Demonstrationsprojekt geschaffen werden, bei dem nachhaltige, ökologische Technologie und ein intelligentes Raumkonzept zum Einsatz kommen. So entstand 2005 das neue Schiestlhaus, die erste Berghütte in den Alpen mit Passivhausstandard. Wolfgang kommt mit einer Karaffe voll himalayischem Gewürz-Tee an den Tisch. Er serviert ihn zusammen mit Milch und einem Gläschen braunem Rohrzucker, verziert mit einer getrockneten Rosenblüte und einer kandierten Ananas.

Selbst den ganz normalen Guglhupf dekoriert der Koch mit Pistazienstreuseln so liebevoll, dass er wie aus dem Menü eines Hauben-Restaurants aussieht. Wolfgang Barak hat bei Karl Eschlböck, einem der ersten Haubenköche Österreichs, am Mondsee gelernt. Anschließend zog es ihn hinaus in die Welt, unter anderem nach Japan und Indonesien. Doch in einem Restaurantbetrieb zu arbeiten, das interessiert den kleinen Mann mit dem grauen Dreitagebart und dem Che Guevara-Käppi längst nicht mehr. »Ich hab inzwischen ein Alter, wo man frei sein will.«  

Die Gäste bringen die Zutaten

Auf der Speisetafel über der Theke stehen Gerichte wie Hühnercurry mit Basmati und Ratatouille mit Rosmarinerdäpfel neben den gewöhnlichen Hütten-Spaghetti. »Alles, was rechts auf der Tafel steht, mach ich halt, weil es die Gäste auf Hütten erwarten«, sagt Wolfgang. »Das, was in der Mitte steht, koche ich, weil ich Spaß dran hab.« Möglich werden diese Gerichte aber erst dank der Hüttenbesucher, die die Zutaten dazu mitbringen. Die Stammgäste wissen mittlerweile, dass kulinarische Mitbringsel auf dem Schiestlhaus ausdrücklich erwünscht sind. Sogar auf der Homepage findet man eine charmante Aufforderung dazu – mit dem Versprechen: »Fürs Tragen gibt’s ein Schnapserl und unsere grenzenlose Zuneigung« samt einer Ermäßigung auf die Hüttenrechnung in der Höhe des entsprechenden Warenwerts.      

Hütteneinmaleins Schiestlhaus

Lage: Das Schiestlhaus gehört zu den Schutzhütten des Österreichischen Touristenklubs (ÖTK) und liegt auf 2156 Meter gut 100 Meter unter dem Gipfel des Hochschwab (2277 m) in einem Joch am Hochplateau.
Zugänge: Am beliebtesten sind der Aufstieg vom südlich gelegenen Gasthof Bodenbauer (884 m; 4 Std.), der Aufstieg von Seewiesen (974 m) über die Voisthaler Hütte von Osten (4 ½ Std.) und der Nord-Aufstieg von Weichselboden (677 m) über den Edelboden (5 Std.) 
Kapazität: ein Zwei-, ein Drei-, ein Vier-, ein Sechsbettenzimmer plus vier Elfbettenlager (gesamt 59 Betten); Winterraum für sechs bis acht Personen
Öffnungszeiten: ganzjährig geöffnet, bewirtschaftet von Ende Mai bis 26. Oktober
Adresse: Österreichischer Touristenklub, Zentrale Wien, Bäckerstr. 16, A-1010 Wien (Eigentümer); DI Christian Toth, Schiestlhaus Betriebs GesmbR, A-8636 Seewiesen (Pächter)
Internet: www.schiestlhaus.at
Telefon: 00 43/(0)6 99/10 81 21 99 (Voranmeldung bei Übernachtung nötig)
Text: Dagmar Steigenberger. Fotos: Dagmar Steigenberger, Steiermark Toureismus/Ikarus.cc
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2014. Jetzt abonnieren!
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