Verpeilspitze: Wie sich der Blick auf die Alpen änderte | BERGSTEIGER Magazin
Wechselne Perspektiven

Verpeilspitze: Wie sich der Blick auf die Alpen änderte

Vom furchteinflößenden, besser nicht zu betretenden Raum zum Abenteuerspielplatz. Der Blick des Menschen auf die Berge hat sich in den letzten Jahrhunderten drastisch verändert. Ein Wandel, der sich in der Bezeichnung eines Berges ganz besonders zeigt. Gestatten: Verpeilspitze
 
Die Verpeilspitze (3425 m) vom Gahwinden am Geigenkamm aus gesehen © Franziska Haack
In der Mitte: die Verpeilspitze (3425 m) vom Gahwinden am Geigenkamm aus gesehen
Keine Hütten, keine Wege, keine E5-Wanderer. Bei der Erstbesteigung der Verpeilspitze herrschten gänzlich andere Bedingungen als heute. So unwirtlich und abgelegen schien die Region, so dominant der Talschluss und so unzugänglich der Gipfel, dass die Gegend einst »Verpeil« genannt wurde. Verriegelt, versperrt bedeutet dieser rätoromanische Begriff und geht zurück auf die ersten Siedler, die an den Hängen entlang des Kaunergrats Almwirtschaft betrieben.
 
Diese Siedler dachten nicht im Traum daran, die Almen zu verlassen, um weiter hinauf zu steigen. Das Bergsteigen war noch nicht erfunden, die Natur mehr wirtschaftliche Grundlage denn Ort für Erholung und Zeitvertreib. Doch mit der Zeit änderte sich die Einstellung. Im Zuge der Industrialisierung wurde die Natur zunehmend domestiziert, wodurch sie weniger bedrohlich wirkte. Insbesondere die Alpen rückten im 18. Jahrhundert als Forschungsgegenstand, aber auch als Ort zum Erfreuen ins kollektive Bewusstsein – zumindest bei der städtischen Bevölkerung gehobeneren Milieus.
 

Die Anfänge

Bergsteiger begannen, sich in alpinen Vereinen zu organisieren und Schutzhütten in den Bergen zu bauen. Ganz früh dabei: das Pitztal, wo 1873 das Taschachhaus als dritte Hütte des DAV errichtet wurde. Zehn Jahre später erleichterte die Inbetriebnahme der Arlbergbahn die Anreise der Alpinisten erheblich. Und noch vor der Jahrhundertwende bekam das Pitztal mit Braunschweiger und Chemnitzer Hütte weitere Stützpunkte.
 
1886 als sich Dr. Theodor Petersen und Anna Voigt aus Erfurt mit den lokalen Bergführern Stefan Kirchler, Johann Penz und Johann Praxmarer vom Kaunertal aus zur Erstbesteigung der Verpeilspitze aufmachten, war das Ende des Verpeiltals noch nicht erschlossen. Erst 1903 sollte dort die Verpeilhütte errichtet werden, im gleichen Jahr wie die Kaunergrathütte auf der anderen Seite des Kammes, die inzwischen Ausgangspunkt für die Begehung der Verpeilspitze auf dem Normalweg ist.


Seit 1903 Stützpunkt für Bergsteiger: die Kaunergrathütte, Foto: TVB Pitztal


Die Blüte

Das Gebiet um die Verpeilhütte ist heute in Karten als Schönbödele eingezeichnet. »Was am Anfang als schwer erreichbar und verriegelt beschrieben wird, bekommt Jahrhunderte später den Namen ›Schönbödele‹«, sagt Ernst Prantl, Geschäftsführer des Naturpark Kaunergrat. »Da hat sich etwas verändert – hauptsächlich im Kopf der Menschen.« Die Neudeutung des Ortsnamens Verpeil zu schöner Boden, schönes Land ist exemplarisch für einen allgemeinen Bewusstseinswandel: Jene, die nicht von der Natur lebten, konnten sie nun als Landschaft, als Kontrast zur Zivilisation genießen. Die anderen verdienten sich immerhin als Gastwirte oder Bergführer mit den Touristen etwas dazu.
 

Die (Über-)Konzentration

Mittlerweile ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen des Pitztals, wobei sich die Menschenmengen an einigen Hotspots konzentrieren. Im Sommer folgen ganze Wanderkarawanen den ausgetretenen Pfaden des E5s, während die Bergsteiger zur Wildspitze, Tirols höchstem Gipfel, streben. Diese ist auch im Winter Magnet für Skitourengeher, derweil die Alpinskifahrer die Gletscherskigebiete bevölkern.
 
Die Verpeilspitze dagegen wird nur selten besucht, was gut zur heutigen Bedeutung des Wortes verpeilt passt, das so viel meint wie verwirrt, chaotisch. Verschlägt es doch einmal einen Bergsteiger dorthin, hat er sich wohl ver-peilt, also das falsche Ziel nämlich nicht die Wildspitze, angepeilt. Die Verpeilten freut es, denn sie haben ihre Spitze für sich.


Heute wird die Verpeilspitze meist von der Kaunergrathütte aus bestiegen. Foto: Bernd Ritschel
 

Tourentipp: Verspeilspitze (3425 m)

Anspruchsvolle Bergwanderung, 600 Hm auf, 1800 ab, 7–8 Std.
 
Charakter: Eher wenig begangene, abwechslungsreiche, aber durchaus anspruchsvolle Bergwanderung mit Kletterstellen bis UIAA II+, bei Bedarf kann über Bohrhaken gesichert werden
Talort: Plangeroß (1366 m)
Ausgangspunkt: Kaunergrathütte (2817 m)
Route: Kaunergrathütte – Plangerosskopf – über Moränenschutt zum Südostgrat – am Grad und in Südwestflanke zum Gipfel – retour und hinunter nach Plangeross
Hütte/Einkehr: Kaunergrathütte (2817 m), DAV, Mitte Juni bis Mitte September



Foto: TVB Pitztal
 
 
Franziska Haack
 
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