Die Streithähne Lammer und Schulz | BERGSTEIGER Magazin
Intrige, Streit und Ausgrenzung im Alpinismus

Die Streithähne Lammer und Schulz

Teil 1 der Reportage Alpine Geschichte: Lammer und der »Alpine Ritter von der traurigen Gestalt«. Denn so wie Eugen Guido Lammer Karl Schulz beschuldigte, attackierte selten ein Alpinist einen anderen. Einer der ersten öffentlichen Vorwürfe in der Alpinszene. Von Horst Höfler

 
Karl Schulz brachte als Führertourist beachtliche Touren hinter sich, wie das Obergabelhorn im Wallis © H. Höfler , Archiv H. Höfler , Marco Volken
Karl Schulz brachte als Führertourist beachtliche Touren hinter sich, wie das Obergabelhorn im Wallis
Die Idee zu dieser Serie stammt von meiner Lebenspartnerin (1985 bis 2010) Gerlinde Witt. Wir wollten diese Reihe gemeinsam realisieren. Jetzt, da Gerlinde am 28. Juni 2010 vollkommen unerwartet verstorben ist, möch­te ich die neue Serie in memoriam veröffentlichen.

Man weiß nicht viel über den Leipziger Professor Karl Schulz. Er war Funktionär in der dortigen Sektion des D.u.Ö.A.V. und es ist bekannt, dass er als Führertourist agierte, der namhafte Bergfahrten auf sein Habenkonto brachte. Zum Beispiel die erste Besteigung des Crozzon di Brenta (zusammen mit dem Führer Matteo Nicoluzzi aus Molveno) oder die erste Ersteigung des Bietschhorns von Süden. Man weiß auch, dass Schulz zusammen mit Otto Zsigmondy dessen Bruder Emil an der Meije sterben sah.

Nein, der Leipziger war kein schlechter Bergsteiger, auch wenn er ohne seine tüchtigen Seilführer Alexander Burgener, später Ludwig Purtscheller und Emil Zsigmondy an seinen schwierigsten Bergfahrten gescheitert wäre. Schulz war alpinistisch kein Scharlatan, er gab sogar zu, dass er ohne die Hilfe seiner guten Vorsteiger erfolglos geblieben wäre. Und doch spielte er sich zu Äußerungen auf (sein alpinliterarisches Werk an Zeitschriftenbeiträgern ist ziemlich umfangreich), die ihm nicht zustanden.

Er faselte von »berechtigten und unberechtigten« Touren, versuchte zu bestimmen, welche Pfade an einem Berg erlaubt sind und welche als »falsch und unverständig« und als »wert- und zwecklos« zu gelten haben. Er kritisierte die kühnsten Kletterer ihrer Zeit wie Hermann v. Barth, August Böhm und den aufstrebenden Eugen Guido Lammer; den kühnen Alleingänger und Erforscher der Bergsteigerseele, der es mit provokanten Aufsätzen verstand, die alpinistische Szene »aufzumischen« und der in den 1920er-Jahren kompromisslose Schriften zum alpinen Ödlandschutz verfasste.

SAC lehnt Polemik ab

Lammer schwieg Jahre lang. Bis ihm der Kragen platzte und er seinen Aufsatz »Ein alpiner Ritter von der traurigen Gestalt« schrieb (1. und 2. Auflage, Wien 1888; »Jungborn«, Wien 1922). Die Redaktion des Schweizer-Alpen-Club-Jahrbuchs – Schulz war Mitglied der Sektion St. Gallen – wies Lammers Schmähschrift übrigens zurück u. a. mit folgendem Wortlaut: »Indem die Redaction mit höflichem Danke den Empfang dieser Streitschrift anzeigt, erklärt sie zugleich, dass sie weder jetzt noch künftig auf persönliche Polemiken solcher Art im Jahrbuch eingehen kann und will. (…) Es ist allerdings anzuerkennen, dass Herr Dr. Lammer seinen Angriff ohne Provocation unternommen hat; aber ein unparteiisches Urtheil wird ihn jedenfalls von der Ueberschreitung der Nothwehr nicht freisprechen können.« (SAC-Jahrbuch 1887)

Mit eigenen Zitaten vorgeführt

Schulz fühlte sich durch Lammers Äußerungen in seiner alpinistischen Eitelkeit maßlos verletzt. »Um das führerlose Alleingehen zu vertheidigen, zieht er (Lammer; Anm. d. V.) eine Parallele zwischen Touristen und Führern und ›Kind und Kindermädchen‹.« Außerdem kam er dem jungen Lammer schulmeisterhaft, indem er dessen Ansichten über das Begehen verschneiter Gletscher als Alleingänger geißelte, ihm vorwarf, dass er über keine Westalpenerfahrung verfüge und seine Aussage, dass bei einer Führungstour nicht dem Touristen der Ruhm der Ersteigung gebühre, sondern dem Seilersten, an den Pranger stellte.

Er bezichtigte ihn der Unbesonnenheit, weil er am Hochfeiler mit Höllentempo durch eine steile Schneerinne sich hatte hinunter rutschen lassen und dank der hohen Geschwindigkeit unbeschadet über den Bergschrund hinwegsauste. Immer wieder ließ sich Schulz zu Sticheleien hinreißen, außerdem spielte er sich in seinen Schriften auf, als hätte er das Bergsteigen erfunden.

Im »Ritter« schlug Lammer geschickt zurück, indem er aus Schulzens Aufsätzen diejenigen Textpassagen zitierte, worin von der Bitte um Seilzug oder um ein Sicherungsseil die Rede ist. Und das sind nicht wenige, sie füllen etliche Seiten. Dieserart machte er seinen Widersacher mundtot, denn gegen seine eigenen Bekenntnisse konnte Schulz ja schlecht anwettern. Auch nicht gegen Lammers »Wir haben zwar Schulzens Verdienste um die Hebung der alpinen Schwebe- und Flugtechnik stets neidlos anerkannt…« usw.

Ein schwer wiegender Vorwurf

Fraglos polemisierte Eugen Guido Lammer. Schwer aber wog sein Vorwurf an Schulz, den er als den »Alpinen Oberbonzen zu Leipzig« bezeichnete, dass dieser am tödlichen Ausgang von Emil Zsigmondys Absturz an der Südseite der Meije eine Mitschuld trage: Am 6. August 1888 brachen Schulz und die Brüder Zsigmondy in aller Herrgottsfrühe vom Refuge Châtelleret auf, um den Grand Pic de la Meije auf neuem Wege von der Südseite her zu ersteigen.

Gegen Mittag lag der Glacier Carré, ein Eisfeld im linken Teil der Meije-Süwand, bereits unter ihnen. Zsigmondy hatte eine Seillänge ausgeklettert und noch keinen Stand. Da schlug sein Bruder Otto vor, dass er an das vollkommen ausgegebene Manilahanfseil Schulzens 21 Meter langes, dünnes Seidenseil anknüpfen wolle. Emil empfand dies als eine gute Idee. Das Seil wurde eingeknotet und er konnte weiter. Etwa zehn Meter mochte er dem widerspenstigen Fels noch abgerungen haben, doch bis zum Stand auf einem ein oder eineinhalb Meter höher befindlichen Absatz kam er nicht hinauf.

Rückzug und Sturz! Emil flog an den Sichernden Otto Zsigmondy und Schulz vorbei und das Seidenseil hielt dem enormen Fangstoß nicht stand. Es zerriss in der Luft, wie Otto zu beobachten glaubte. Lammer warf Schulz vor, das Seil zur Verfügung gestellt zu haben, obwohl er wusste, dass es Beschädigungen aufgewiesen hatte. Es war zwar von einem Seiler ausgebessert worden, aber »kann ein Seiler abgenutzte, aufgelöste Strähnen mehr als für das Auge äußerlich aufputzen, kann er den gerissenen Fäden wieder jene Festigkeit zurückgeben, welche ein Seil erfordert, an dem in entscheidenden Minuten, also gerade dort, wo wir es einzig brauchen, das Leben des Gefährten hängt?« (Lammer)

Und weiters schrieb er noch: »Wenn jemand ein Seil, von dessen unbrauchbarem Zustande er selbst völlig überzeugt ist, vor dessen Gebrauch er eindringlich gewarnt hat, das er öffentlich mit vollster Überzeugung als nicht mehr mit Sicherheit zu benützen bezeichnet hat, dennoch verwendet, wenn er es an den Leib des Genossen bindet, der die schwierige Kletterei einzig unternommen hat, um jenem den Besuchn des Gipfels zu ermöglichen, der die unheilvolle Wandstufe zu überwinden strebt, damit jener mühelos über diese emporgezogen werden kann (…): Dann ist das ein frivoles Hasardspiel mit fremdem Leben.«

Da war Lammer genauso böse wie Toni Hiebeler mit seiner Anschuldigung an Fritz Stammberger (siehe BERGSTEIGER 03/2010).

Grabhügel und Ferialunterhaltung

Lammer: »Am 6. August war Dr. Emil Zsigmondy bei seiner Bemühung, Herrn Schulz den Besuch der Meije zu ermöglichen, in furchtbarer Weise gescheitert. Am 7. August wurde der Leichnam bis an den Rand des Glacier des Etançons durch Purtscheller selbst hinabgetragen.« »Trüb und ernst wie der Charakter des Tales, so war auch der Zug, der sich Samstag, den 8. August von La Bérarde talab bewegte. Trauernd folgten vier Männer der von Einheimischen getragenen, entseelten Hülle des teuren Bruders, des treuen und wackeren Gefährten« (Schulz in der Ö.A.Z 1885, Seite 213).

»Den 10. August, an einem sonnenhellen, herrlichen Tage, senkten sie den Verblichenen hinab in die stille Gruft (…), es war gegen 12 Uhr mittags, als sich der Grabhügel über unserem armen Freunde und Klubkollegen Dr. Emil Zsigmondy schloss.« (Schulz in der Ö.A.Z 1885, Seite 214).

Und am 10. August war es denn auch, da Schulz mittags vom Grab weg zu einer »frohen Alpenfahrt« auf die Barre des Écrins startete, wobei am 11. und am 13. August kräftig gefeiert und gebechert wurde. Dies empfand Lammer als zutiefst pietätlos. Im Verlauf eines alpinen Kongresses, der in jenen Tagen in Turin stattfand, äußerten Franzosen gegenüber einem hochrangigen Funktionär des D.u.Ö.A.V.: »Dieser Professor Schulz ist eben nur ein gefühlloser Deutscher. Wir Franzosen wären einer solchen Gemüt­rohheit unfähig!«. »Erbfeindschaft« hin, (damaliges) angespanntes Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen her: Prof. Dr. Karl Schulz hat dem deutschen Bergsteigen des ausgehenden 19. Jahrhunderts keinen guten Dienst erwiesen.
Horst Höfler
Fotos: 
H. Höfler , Archiv H. Höfler , Marco Volken
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 12/2010. Jetzt abonnieren!
 
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