Blog: Einbeinig auf dem Weg zur ersten Skitour – Teil 8 | BERGSTEIGER Magazin

Blog: Einbeinig auf dem Weg zur ersten Skitour – Teil 8

2016 überquerte Jacqueline Fritz die Alpen – auf einem Bein und mit Krücken. Jetzt hat die beinamputierte Sportlerin ein neues Projekt: Sie will auf Skitour gehen. Doch dafür muss sie zunächst Skifahren lernen. Im Bergsteiger-Blog erzählt sie von ihren Fortschritten.
Teil 8: Das erste mal allein in einem fremden Skigebiet
 
Selfie von Jaqueline Fritz © Jaqueline Fritz
Ein Selfie muss diesmal genügen, weil Jaqueline Fritz sich ganz alleine auf die Piste wagt.
Da ich für ein Interview zur Dortmunder Hütte ins Kühtai musste, dachte ich mir, dass ich einfach ein paar Tage dort verbringe und mir noch das Skigebiet anschaue. Ich hatte von meinen Trainern Mario Oberlechner und Saskia Groos gesagt bekommen, dass es dort sehr schwierig im Vergleich zu den Pisten in der Christlum sein soll.

Ich will auf jeden Fall die Anfängerpisten ausprobieren, zur Not, falls ich sie nicht fahren kann, gehe ich einfach mit Tourenski am See mit  meinem Hund Loui Gassi, das geht eigentlich immer. 

Als ich im Kühtai ankomme, ist es schon spät abends. Meine Freundin Monika, Hüttenwirtin auf der Dortmunder Hütte, erwartet mich schon. Sie freut sich, dass ich sie auch mal im Winter besuche. Neugierig fragt sie mich nach den Fortschritten des Projekts »2 Mädels, 3 Beine, 1 Ziel«. 

Viele ihrer Gäste wussten schon, dass ich zu Besuch komme, und sind genauso neugierig wie sie. Witzig. Der ganze Abend dreht sich um unser Projekt. Jeder will wissen, warum wir das machen, wie ich dazu kam, Skifahren zu lernen und wie ich es angehe, eine Skitour zu machen. Total verrückt, ich schwärme vom Skifahren, vom Winter und Schnee. Manchmal wenn ich mich so reden höre, muss ich selbst über mich lachen, wie man innerhalb weniger Monate seine Meinung zum Winter komplett ändern kann. Mich freut es, dass so viele fremde Menschen mit uns mitfiebern.

Bewährungsprobe

Ich erzähle, dass ich auch im Kühtai Skifahren möchte, es aber ganz langsam angehen will. Schließlich bin ich das erste Mal und dann noch ganz alleine in einem fremden Skigebiet. Hier kenne ich weder Pisten, noch Lifte, noch Liftpersonal. All dies ist in Achenkirch eingespielt. Jeder hilft mir und ich weiß inzwischen genau, was auf mich zukommt. Nun ist alles wieder ganz neu.

Leider ist am nächsten Tag ziemlich schlechtes Wetter. Schneesturm und Wind. Ich beschließe wegen der schlechten Lichtverhältnisse, nicht auf der Piste zu fahren, sondern ziehe meine Tourenski an, um um den Stausee zu laufen. Loui freut sich schon und tollt wie wild im Schnee umher. Dennoch fängt er sich sehr schnell wieder. Er verknüpft Ski sofort mit Training.

Irgendwie macht es trotz des Wetters super viel Spaß. Hier liegt nochmal mehr Schnee als in Achenkirch. Nach einer ausgedehnten Runde kommen wir ausgekühlt in der Hütte an und wärmen wir uns erstmal auf. Ich mit einer heißen Suppe, Loui mit Würstchen.

Gegen 14 Uhr klart es auf, auch der Wind wird weniger. Nun will ich noch ein Stündchen auf der Starterpiste Skifahren gehen. Ich fahre mit dem Sessellift hoch. Etwas mulmig ist mir schon. Ich hoffe, dass das Aussteigen gut funktioniert. Ich gebe dem Liftmann Handzeichen, dass er etwas langsamer fahren soll. Leider sieht er nicht gleich, dass ich mit nur einem Ski fahre. Ich stehe auf, aber da schiebt der Sessel schon von hinten gegen mein Bein. Zack, da liege ich. Gleich beim ersten Mal haut's mich hin. Aber es ist nichts passiert. Ich stehe auf und sage ihm, dass er den Lift beim Ausstieg etwas langsamer fahren lassen soll, da ich sonst nicht schnell genug wegkomme.

Die Piste ist an diesem Nachmittag sehr schwer zu fahren, das Licht ist difus und es sind wahnsinnig viele Schneehügel auf dem Hang. Immer wieder bekomme ich Schläge durch die Krückenski auf die Hände, da die Sicht zu schlecht ist, um schnell auf die Hügel zu reagieren ... Ich fahre eine Stunde, dann reicht es mir.

Leider wird das Wetter immer schlechter: viel Schnee und Orkanböen. Bei diesen Wetterverhältnissen traue ich mir das Fahren noch nicht alleine zu. Deshalb laufe ich zweimal am Tag verschiedene Touren mit Loui.


Endlich klare Sicht © Jaqueline Fritz

Für zwei Tage später ist Sonnenschein gemeldet. Da will ich ins Skigebiet in Ochsengarten. Hier gibt es mehrere Möglichkeiten, da es einige Anfängerpisten gibt. Mit der Kabinenbahn geht es nach oben. Ich bin total aufgeregt. Oben angekommen unterhalte ich mich mit einem Liftmann, um mir einen besseren Überblick vom Skigebiet zu verschaffen. Er gibt mir Tipps, wo ich eventuell gut fahren kann. 

Durch die vielen Verbindungslifte ist es dort etwas unübersichtlich. Ich muss schauen, wie ich es am besten mache, da ich noch nicht alleine Schlepplift fahren kann. Zuerst muss ich eine rote Piste runterfahren, um mit einer Sesselbahn zu den blauen Pisten hochfahren zu können. Die Piste ist sehr hart mit einigen eisigen Stellen. Damit habe ich ja bisher nicht die besten Erfahrungen gemacht. Ich versuche, langsam und kontrolliert nach unten zu fahren. Ich bin noch etwas unsicher, aber zum Glück falle ich nicht hin. 

Nun muss ich wieder Sesselbahn fahren. Ich gebe unten Bescheid, dass sie die Liftmännern oben bitten sollen, den Lift langsam zu stellen, wenn sie mich sehen. Tatsächlich warten die Männer am Ausstieg sehr aufmerksam, bis ich komme. Zu meinem Erstaunen klappt das Aussteigen super. Yeah! Ich bin echt stolz. Die erste Hürde ist gemeistert.

Kontakt zur schwarzen Piste

Ich entschließe mich nun den Ziehweg hinunter zu fahren. Einmal muss ich eine schwarze Piste kreuzen. Aber das sollte kein Problem sein. Total motiviert fahre ich los. Es ist ein herrlicher Skitag. Sonne, ein wunderschönes Bergpanorama und nicht zu viele andere Skifahrer. Ich fühle mich irgendwie beflügelt.

Das Gefühl dauert an, bis ich an die Stelle komme, an der die schwarze Piste kreuzt. Mann, ist das steil. Und wahnsinnig schmal. Saskia hat mir gleich von Anfang an gesagt, dass ich solche Stellen seitwärts runterrutschen soll. Das muss ich hier versuchen. Es schaut bestimmt witzig aus, aber lieber so, als irgendeinen Baum zu küssen. Als die Piste gequert ist, geht es wieder normal weiter. Es macht wahnsinnigen Spaß. Ich muss nur immer wieder in die Karte schauen, damit ich mich nicht verfahre. Auf keinen Fall möchte ich auf eine Piste kommen, der ich nicht gewachsen bin. 

Als ich wieder an der Bergstation der Seilbahn ankomme mache ich eine kurze Pause. Danach fahr ich noch ein bisschen Tellerlift am Übungshang.

Anschließend ist es mein Ziel, diese mir bekannte rote Piste runter zu fahren, um auf den Ziehweg zu gelangen, der ins Tal führt. Als ich fahre, merke ich, dass meine Kraft langsam nachlässt. Und genau in dem Moment als ich es denke, rutsche ich auf einer Eisplatte aus. Irgendwie greift mein Ski nicht mehr richtig. Vielleicht ist es aber auch einfach meine Kraft. Schließlich bin ich schon über drei Stunden am Fahren. Ich beschließe den Ziehweg nicht mehr bis ganz runter zu fahren, sondern nehme den Sessellift nach oben, um zur Bergstation abzufahren. Mir reicht es für heute und ich will mit der Kabinenbahn nach unten fahren. Ich bin stolz, dass im Großen und Ganzen alles so reibungslos funktioniert hat. Als ich in die Bahn einsteigen will, spricht mich der Liftmann an. Er sagt, dass er mich fahren gesehen hat und es toll findet, was alles möglich ist. Als ich ihm erzähle, dass ich erst vor zwei Monaten das Skifahren gelernt habe, staunt er und ist gerührt von unserem Projekt. Er meint, dass sein Vater auch amputiert gewesen sei und er sich für ihn nichts sehnlicher gewünscht hätte, als dass er auch den Mut gehabt hätte, solche Sachen auszuprobieren.

Mut machen

Genau das ist es, weshalb ich im Sommer in die Berge gehe und nun auch Skifahren lerne. Ich will anderen Mut machen, dass sie trotz eines Handicaps Dinge ausprobieren und sich nicht entmutigen lassen an ihren Träumen zu arbeiten. Mir selbst wurde im letzten Jahr nach einem Hüft- und Trümmerbruch meines amputierten Beines erzählt, dass ich nie wieder solche Sportarten ausüben können würde. Ich war den ganzen Sommer in den Bergen, habe an der Kletterweltmeisterschaft teilgenommen und nun fahre ich Ski. Ich bin weder leichtsinnig noch riskant, ich handle einfach nur so, wie ich denke, dass es geht. Und es geht so viel mehr, als wir uns in der Regel zutrauen.

Es waren wunderschöne Tage im Kühtai, auch hat es mich so sehr gefreut meine Freundin wiederzusehen. Nun wird es aber Zeit, das Training in Achenkirch fortzusetzen.


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