Rober Jasper in Grönland: Das perfekte Abenteuer | BERGSTEIGER Magazin

Rober Jasper in Grönland: Das perfekte Abenteuer

Robert Jasper ist ein erfahrener Solo-Bergsteiger. Unzählige Male war er alleine an den schwierigsten Wänden der Alpen unterwegs. Seine jüngste Expedition nach Grönland war aber auch für ihn Neuland. Vom letzten Inuit-Ort startete er mit einem faltbaren Seekajak, ohne jede Unterstützung und »by fair means« in die entlegenen Fjorde Ost-Grönlands – auf der Suche nach einer einzigartigen Felswand. Das Protokoll eines Abenteuers
 
90 Kilo an Board: Ausrüstung und Verpflegung für 30 Tage Abenteuer © Robert Jasper
90 Kilo an Board: Ausrüstung und Verpflegung für 30 Tage Abenteuer

Die Vorbereitung

»In den letzten Jahren wurden meine Expeditionsteams immer kleiner. Denn je kleiner das Team, desto größer das Abenteuer für dich selbst. Es ist zwar ernster, gefährlicher und anstrengender, aber wenn du es alleine schaffst und auf dem Gipfel stehst, ist das wirklich die Königsdisziplin. In Grönland wollte ich die ganze Erfahrung aus meinem bisherigen Bersteigerleben in eine Expedition einbringen. Für mich bedeutet ›by fair means‹ vom letzten Ort der Zivilisation aus eigener Kraft in eine Bergregion zu kommen. Daraus ergeben sich automatisch Kombinationsgeschichten, wie in meinem Fall aus Kajak und Klettern. Den Berg oder die Wand brauche ich aber immer als Ziel. ›Nur‹ im Flachen durch Grönland oder die Arktis zu ziehen, würde mich wenig reizen.

1. Tag: Aufbruch im Kajak

Vom Flughafen in Kulusuk bis nach Kungmit, dem letzten Inuit-Ort, hat mich Frank Kretschmann als Fotograf begleitet. Dann war ich komplett alleine und ohne Unterstützung von außen. Wenn du in diesem Moment die Häuser hinter dir verschwinden siehst, ist das schon ein komisches Gefühl. Du weißt einfach nicht, was auf dich zukommt. Ich habe zwar viel Erfahrung auf dem Wasser, aber über die Strömungen und den Tidenhub in den Fjorden konnte mir niemand etwas Genaues sagen. Mit 90 Kilogramm Gepäck war es bei Wind und Wellen dann auch nicht einfach. Manche Strecken musste ich mehrmals zurücklegen, weil es mir mit dem gesamten Gewicht zu riskant erschien. Durch die Mitternachtssonne des arktischen Frühsommers war ich zum Glück zeitlich sehr flexibel und konnte mich immer nach Ebbe und Flut richten. Eigentlich hatte ich vor, in die Fjorde zu paddeln und mir spontan ein geeignetes Kletterziel am Ufer zu suchen. Doch dann sah ich den Fox Jaw Cirque am Ende des Tasilaq Fjord – eine wunderschöne Bergkette aus ganz bizarren Granitnadeln. Mir war sofort klar, dass ich dort hinwill.


Ab jetzt allein: Aufbruch vom letzten Inuit-Dorf

Psychisch und emotional war das Alleinsein eine große Belastung. Wichtig war es für mich, ein konkretes Ziel zu haben, aber auch die Bereitschaft, dieses den äußeren Verhältnissen anzupassen. Irgendwann hat sich aber auch eine gewisse Routine eingependelt: Tagsüber bin ich bis zu zehn Stunden gepaddelt, dann habe ich mir einen Lagerplatz gesucht, das Zelt und den Eisbärenschutz aufgebaut und Trockennahrung gekocht. Zum Angeln hatte ich meistens gar keine Zeit. Einmal habe ich eine Forelle gefangen und sie über dem Feuer gebraten. Das war die kulinarische Krönung. Auch das Fotografieren und Filmen mit GoPro und Drohne hat mir als zusätzliche Herausforderung sehr geholfen. Ich habe fast schon eine Leidenschaft dafür entwickelt, die Expedition optimal zu dokumentieren.

8. Tag: Weiter zu Fuß

Der Fox Jaw Cirque liegt etwa acht Kilometer vom Ende des Tasilaq Fjords entfernt. Dorthin musste ich meine ganze Ausrüstung zu Fuß schleppen. Im weglosen Gelände konnte ich aber nicht mehr als 30 Kilogramm tragen, weshalb ich die einzelnen Etappen bis zu dreimal gehen musste. In einer kleinen Höhle habe ich mir mein Basislager eingerichtet. Da das Wetter relativ gut war, beschloss ich, gleich am nächsten Tag meine Kletterausrüstung an die Wand zu bringen, um am Ende nicht in Zeitnot zu geraten. Ich hatte mir den Molar Spire ausgesucht und wollte eine schwere, technisch anspruchsvoll Route im Rope-Solo-Stil klettern. Eine schnelle und einfache Free-Solo-Route hätte für mich nicht zu dieser Expedition gepasst. Letztendlich habe ich dann in insgesamt drei Tagen die erste Solobesteigung des Molar Spire auf meiner Route »Stonecircle« (7c) rotpunkt geschafft. Zwischendurch musste ich wegen des schlechten Wetters immer wieder ins Basislager absteigen.


Anspruchsvolle Kletterei am Molar Spire
 

16. Tag: Der Gipfel

Am Gipfeltag war es bewölkt. Drei Seillängen unterhalb des Gipfels hat es zu regnen angefangen. Die entscheidende Seillänge habe ich gerade noch so geschafft, bevor es richtig nass wurde. Es war extrem rutschig und ich war mir bis zum Ende nicht sicher, ob ich hochkommen würde. In der Schlüsselseillänge bin ich auch einmal gestürzt und habe mir die Hüfte angeschlagen. Ich hatte Stürze zwar eingeplant, war dann aber doch etwas überrascht. Das war für mich ein deutliches Zeichen, etwas weniger angriffslustig zu klettern. Eine ernsthafte Verletzung hätte fatale Folgen gehabt.
Oben am Gipfel war dann erst einmal alles zugezogen. Später hat es aber immer wieder kurz aufgerissen – eine Wahnsinns-Atmosphäre: richtig wild, mit traumhaften Ausblicken auf die menschenleere Umgebung.


Selbstversorger für 30 Tage
 

30. Tag: Die Rückkehr

Nach der Expedition in die Zivilisation zurückzukehren, war ein wirklich gutes Gefühl. Ich mag es, die ›normale‹ Welt immer wieder eine Zeit lang zu verlassen – nach dieser absoluten Einsamkeit ist man aber froh, zurück zu sein.
Die Grönland-Expedition war sehr anstrengend und mit vielen Entbehrungen und Schindereien verbunden. Am Ende sind das für mich aber die wertvollsten Erlebnisse. Ich habe auch sehr schöne Expeditionen mit Freunden erlebt, Grönland ist aber ein Highlight in meinem Leben – auch weil es alleine so gut funktioniert hat. Es gehört einfach zu meinem Glücklichsein dazu, dass ich diese Art von Abenteuer erleben kann. Und es wird sicher nicht die letzte Expedition in diesem Stil gewesen sein.«◀

 

Zur Person: Robert Jasper

Robert Jasper, geboren 1968 in Tiengen im Schwarzwald, ist einer der bekanntesten deutschen Extrembergsteiger. Seine besondere Leidenschaft gilt dem Soloklettern. Jaspers Erstbegehungen wie »Flying Circus« (M10), »Ritter der Kokosnuss« (M12, trad, ohne Bohrhaken) und »Ironman« (M14+) zählen zu den schwierigsten Routen der Welt. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau Daniela und seinen zwei Kindern im Schwarzwald. Neben der Profi-Laufbahn arbeitet er als Bergführer und Vortragsredner. Unterstützt wird er von Gore-Tex, Marmot, Lowa, Natur Energie, Mühle Glashütte, Petzl und Stop & Go Marderabwehr.
Ein Porträt über Robert Jasper lesen Sie hier.

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Protokoll: Stefan Moll
Fotos: 
Robert Jasper