Erste Hilfe am Berg Teil 6: Bewusstlose Person | BERGSTEIGER Magazin
Alpine Erste Hilfe

Erste Hilfe am Berg Teil 6: Bewusstlose Person

Triffst du auf eine Person, die regungslos auf dem Weg liegt, braucht diese schnellstmöglich Hilfe. 
 
Bewusstlose Person am Berg: Hier ist schnelle Hilfe nötig. © Ortovox/Hansi Heckmair
Bewusstlose Person am Berg: Hier ist schnelle Hilfe nötig.
Vergiss nicht, wieder zuerst die Schritte 1 bis 6 des alpinen Erste-Hilfe-Algorithmus (EHA) gewissenhaft zu prüfen. Seine eigene Sicherheit zu gefährden, hilft weder der verletzten Person noch dir noch der Bergwacht oder den Rettungsdiensten. Es dauert nur zehn Sekunden, diese sechs Schritte im Kopf durchzugehen, diese Zeit hast du immer! Besteht eine objektive oder subjektive alpine Gefahr, umso besser, dass du dir die zehn Sekunden Zeit genommen hast.

 → Atem prüfen

Hat das Ansprechen der am Boden liegenden Person keine Reaktion gezeigt, sprich sie nochmals mit lauter Stimme an und schüttel sie sanft an den Schultern mit den Worten: »Hallo, machen Sie die Augen auf! Schauen Sie mich an!« Zeigt sich weiterhin keine Reaktion, darfst du davon ausgehen, dass sie bewusstlos ist. Jetzt gilt es, schnellstmöglich einen Notruf 112 abzusetzen. Ein schneller Notruf bedeutet schnelle Hilfe. Und diese Person muss mit höchster Dringlichkeit ins Krankenhaus. Zudem unterstützt dich die Leitstelle bei Bedarf bei den nächsten Schritten bis hin zur Telefonreanimation (Anleitung über das Telefon).

Prüfe jetzt die Atmung (zwei rechte Säulen EHA):
•    Kopf vorsichtig überstrecken (dazu eine Hand unters Kinn und ziehen, andere Hand auf die Stirn und drücken)
•    Kopf mit einer Hand festhalten, dass er nicht zurückfällt
•    10 Sekunden hören, sehen, fühlen:
– Hörst du etwas? Mit einem Ohr knapp über die Nase
– Siehst du etwas? Blickrichtung zum Brustkorb
– Fühlst du etwas? Eine Hand auf die Bauchdecke (hat die bewusstlose Person eine dicke Jacke an, Hand unter die Jacke auf den Bauch schieben) und vielleicht Atemluft an der Wange


Wenn Atmung vorhanden ist: stabile Seitenlage, warm einpacken, betreuen und Atmung kontrollieren.
 

 → Stabile Seitenlage oder Reanimation    

Hat die Person innerhalb der zehn Sekunden mindestens zwei regelmäßige und normale Atemzüge, leg sie in die stabile Seitenlage (siehe Skizze). Erkennst du keine zwei regelmäßigen Atemzüge, starte mit der Reanimation. Im Zweifel: Reanimieren! Keine Angst, du kannst der Person nicht schaden! Seit einigen Jahren wird in der Ersten Hilfe übrigens keine Mundraum- und Pulskontrolle mehr durchgeführt!

Werden Personen bewusstlos, wachen sie durch die Seitenlage oder  Reanimation in der Regel nicht wieder auf. Ein Körper schaltet sein Bewusstsein nur dann ab, wenn er vital bedroht ist, also die Gefahr besteht, dass nicht mehr genug Sauerstoff dem Gehirn zugeführt werden kann. Man kann es sich wie ein Notstromaggregat vorstellen, das anspringt, wenn der Hauptstrom aussetzt. Hier werden nur die wichtigsten Bereiche mit Strom versorgt. Fällt auch das Notstromaggregat aus, löst das Aufstellen von Kerzen und das Einsetzen von Stirnlampen zwar das originäre Problem nicht, überbrückt aber die Zeit bis der Elektriker kommt und es behebt. Genauso können stabile Seitenlage und Reanimation die Ursache, z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Polytrauma, Schädel-Hirn-Verletzung, nicht beheben, beides überbrückt aber die Zeit und stellt die lebensnotwendige Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff sicher, bis die Person im Krankenhaus operiert werden kann.

Ausnahme sind Unfälle bei der rein der Sauerstoffmangel die Ursache für die Bewusstlosigkeit ist und keine weiteren Verletzungen vorliegen. Das kann z. B. eine Lawinenverschüttung oder Ertrinken sein. In diesen Fällen kann die Person durch die Reanimation wieder aufwachen.

Von der Bewusstlosigkeit ist die Ohnmacht zu unterscheiden. In beiden Fällen verliert die Person initial das Bewusstsein, während dieser Zustand bei einer bewusstlosen Person anhält, wacht eine in Ohnmacht gefallene Person in der Regel nach 20 bis 30 Sekunden wieder von selbst auf. Bis du dich zu der Person vorbeugst, sie ansprichst und rüttelst, sind diese 20 bis 30 Sekunden bereits vorbei und es sollte eine Reaktion da sein. Ist dem nicht der Fall arbeitest du strikt nach dem Erste-Hilfe-Algorithmus wie oben beschrieben.

Die Serie »Erste Hilfe am Berg« entsteht in Zusammenarbeit mit dem VDBS (Verband Deutscher Berg- und Skiführer) und der Firma Ortovox.

Ortovox bietet mit der Safety Academy kostenlose Online-Tutorials zu Sicherheitsthemen an und veranstaltet alpine Erste-Hilfe-Kurse mit der Autorin Daniela Hornsteiner an. Alle Termine gibt es hier.

Artikel aus Ausgabe 11/19. Hier geht es zurück zu Teil 5 der Serie.
 
Daniela Hornsteiner
Fotos: 
Ortovox/Hansi Heckmair