Erste Hilfe am Berg – Teil 1: Den Überblick behalten | BERGSTEIGER Magazin
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Erste Hilfe am Berg – Teil 1: Den Überblick behalten

Ruhe bewahren, lautet die goldene Regel im Ernstfall. Denn nur wer nicht in Panik gerät oder in Hektik verfällt, kann zielgerichtete Erste Hilfe leisten und bringt sich selbst nicht in Gefahr. In unserer neuen Serie zeigen wir, wie man sich im Fall der Fälle bei Unfällen verhalten sollte.
 
Nach dem Selbstschutz ist die persönliche Ansprache besonders wichtig. © Ortovox/Hansi Heckmair
Nach dem Selbstschutz ist im Notfall die persönliche Ansprache besonders wichtig.
Du bist mit einem Freund an einem Traumtag beim Bergsteigen. Plötzlich stolpert dieser und stürzt in den Schrofenhang. Er schreit kurz auf und bleibt im Hang liegen. Eine Schrecksekunde. Gerade wart ihr noch bester Dinge, habt euch über die tolle Tour gefreut und im nächsten Moment ein Unfall. Dein Puls geht schlagartig durch die Decke, dein Atem stockt, dir schießen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf oder gar keiner, Chaos im Gehirn. Ganz ehrlich: Wann war dein letzter Erste-Hilfe-Kurs? Die Antwort lautet oft: damals zum Führerschein. Tritt dann eine Notsituation ein, sind die meisten erst einmal unsicher. Was muss ich tun, wenn der Freund den Hang abrutscht und bewegungslos liegen bleibt? Was mache ich als erstes, was als nächstes?

In dieser Auftaktfolge wollen wir einen ersten Überblick geben, welche Maßnahmen als erstes bei einem Unfall oder einer akuten Erkrankung anstehen, um in den nächsten Ausgaben ein Potpourri an Erste-Hilfe-Themen näher zu beleuchten. Der Erste-Hilfe-Algorithmus (siehe S. 67) ist ein Ablaufschema, das in jeder Unfallsituation von oben nach unten abgearbeitet werden kann, egal ob am Berg, auf der Straße oder zu Hause. So führst du die Maßnahmen in ihrer Dringlichkeit priorisiert durch und kannst auch nichts Wesentliches vergessen.





→ 1. Überblick verschaffen/Durchatmen  
Ganz wichtig ist es, erst einmal durchzuatmen und den Puls runterzubekommen. Nur dann kannst du gute Entscheidungen treffen und anderen effektiv helfen. Verschaffe dir zuerst einen Überblick. So erkennst du objektive Gefahren, kannst den Unfall einschätzen und dir deine nächsten Schritte überlegen.

  → 2. Selbstschutz  
Der eigene Schutz geht vor! Dein Leben ist kostbar. Beim Bergsteigen befindet ihr euch häufig im Absturzgelände und seid von Stein- oder Eisschlag sowie anderen objektiven Gefahren bedroht. Bevor du deinem Partner helfen kannst, musst du deine eigene Sicherheit feststellen. Wenn die Gefahr selber zu helfen zu groß ist, solltest du einen Notruf absetzen und auf Rettung warten, während du dich mit Zurufen mit deinem Bergpartner verständigst.

  → 3. Gruppenschutz  
Sind mehrere Personen am Unfallort, muss die Sicherheit der Gruppe gewährleistet sein. Erst danach kannst du zur verunfallten Person.

  → 4. Gefahrenstelle absichern  
Zum Eigen- und Fremdschutz sichere die Gefahrenstelle ab: zum Beispiel mit einer weiteren Person, die den Weg absichert; oder du markierst diesen sichtbar mit farbigen Jacken oder Regenhüllen. Lege bitte keine Rucksäcke in den Weg. Diese könnten zu spät gesehen werden. Mountainbiker wären dann durch ein plötzliches Bremsen ebenfalls gefährdet.

  → 5. Rettung aus Gefahrenbereich  
Folgende Fragen sind wichtig: Befindet sich die verunglückte Person an einem absturzgefährdeten Ort? Besteht Stein- oder Eisschlaggefahr? Sobald die Unfallstelle von objektiven Gefahren bedroht ist, sollte die Person aus dem Gefahrenbereich geholt und über kurze Distanz an einen sicheren Ort gebracht werden – sofern dies für die Helfer zumutbar und ihre eigene Sicherheit nicht gefährdet ist. Im Absturzgelände musst du dich selbst sowie die verletzte Person vor weiterem Abrutschen oder Absturz sichern, wenn dir das möglich ist und du das entsprechende Sicherungsmaterial dabei hast. Andernfalls bleibt dir das Absetzen des Notrufs und das Warten auf die Rettung.

  → 6. Anschauen, Ansprechen, Anfassen  
Nachdem du die höchstmögliche Sicherheit aller Beteiligten  herbeigeführt hast, kannst du dich endlich um die verunfallte Person kümmern. Knie dich hin, leg ihr deine Hand auf die Schulter und frag sie: »Hallo. Was ist denn passiert?« Stark blutende Wunden sofort verbinden!



Daniela Hornsteiner ist Ausbilderin und Einsatzleiterin der Bergwacht Bayern. Selbst passionierte Bergsteigerin ist sie außerdem mit Gästen in den Bergen der Welt unterwegs.
Vor allem aber leitet sie eine Firma für alpine Erste-Hilfe-Kurse.

Auch im Rahmen der Safety Academy von Ortovox bietet sie Erste-Hilfe-Kurse an. Weitere Informationen und die Termine finden Sie hier.




 
Die Serie »Erste Hilfe am Berg« entsteht in Zusammenarbeit mit dem VDBS (Verband Deutscher Berg- und Skiführer) und der Firma Ortovox.

Artikel aus Ausgabe 06/19. Heft nachbestellen oder Bergsteiger jetzt abonnieren.
Daniela Hornsteiner