Die Suche nach der letzten Wildnis | BERGSTEIGER Magazin
Seele der Alpen

Die Suche nach der letzten Wildnis

Jeden Tag wird in Österreich eine Fläche von 21 Fußballfeldern verbaut. Sie frisst sich in die Bergwelt, die zudem durch Bergbahnen bedroht wird. Eine Gruppe junger Erwachsener macht sich in der Verwallgruppe auf die Suche nach den Resten verbliebener Wildnis.
 
So idyllische Ruhe wie hier an der Niederelbehütte ist selten geworden in den Alpen © Katharina Kos
So idyllische Ruhe wie hier an der Niederelbehütte ist selten geworden in den Alpen
»Wollt ihr wissen, wie man überprüfen kann, ob das Wasser trinkbar ist?« Die Gruppe junger Erwachsener schart sich um den Biologen Bernd Pfleger, als er einen Stein aus dem klaren Gebirgsbach nimmt und ihn umdreht. »Hier seht ihr eine Steinfliegenlarve. Man erkennt sie an den zwei Schwänzen. Wenn ihr sie unter Steinen im Wasser findet, ist es trinkbar.« Mehrere Steine werden nun umgedreht und die Larven darauf gesucht und studiert.

Es ist nicht Bernd Pflegers erstes interessantes Detail über die Flora und Fauna der Bergwelt. Bereits seit zwei Tagen begleitet er die Gruppe rund um Organisator Florian Wieser auf ihrem Weg durch die Verwallgruppe in Tirol. Sie gehört zur »Generation Earth«, dem WWF-Netzwerk für junge Menschen. Der Grund der Wanderung: auf die Petition »Die Seele der Alpen« des WWF, ÖAV und der Naturfreunde aufmerksam zu machen. »Ich möchte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigen, was es wert ist zu schützen«, erklärt Florian Wieser. Und dazu gehören auch die Erklärungen von Bernd Pfleger über Steinadler, Fingerhut und Steinfliegenlarven. Die jungen Erwachsenen sollen sehen, wofür die Petition steht und wofür sich die Initiatoren einsetzen.

Die Route ist nicht willkürlich gewählt: Sie führt von Kappl im Paznauntal über das Malfontal nach Pettneu am Arlberg. Der Weg verbindet zwei Täler, die auch durch Skilifte und Pisten vereint werden sollen – so zumindest der Plan der Arlberger Bergbahnen AG und der Bergbahnen Kappl GmbH & CoKG. Das Familien-Skigebiet Kappl soll Anschluss an den Riesen Ski Arlberg finden. 2015 erteilte die Tiroler Landesregierung schon die Genehmigung, ÖAV und Landesumweltanwaltschaft reichten Beschwerde ein. Seitdem wird verhandelt. (Ende November kippte das Österreichische Bundesverwaltungsgericht die Genehmigung, Anmerk. d. Red.)

Genug ist genug

»Die Skifahrerzahlen stagnieren und trotzdem werden Skigebiete ausgebaut und modernisiert. Warum, glaubt ihr?« Bernd Pfleger blickt fragend in die Runde. Die Gruppe ist mitten im Skigebiet Kappl angekommen und diskutiert direkt neben einem gewaltigen Pfeiler der Alblittkopfbahn. Ist der Kapitalismus schuld? Die Politiker? Und wer wählt diese überhaupt? Oder liegt es ganz einfach in der Natur des Menschen? Eine allgemein gültige Antwort lässt sich nicht finden, doch die Gruppe ist sich einig: Skigebiete gibt es in Österreich genug. Und die geplante Verbindung zwischen Kappl und St. Anton wäre ein ökologisches Desaster.


Die Verbauung der Alpen als Gesprächsthema Nummer eins

Denn es fällt auf: Vor dem Betreten des Skigebiets wuselten Murmeltiere durchs Gras, bahnten sich Bäche ihren Weg durchs Gestein und hüpften Zaunkönige durchs Gebüsch. Auf den Pisten, deren Untergrund sich auch farblich deutlich von den umliegenden Wiesen abhebt, ist die Flora und Fauna hingegen weniger artenreich. Auch die Stimmung der Wandergruppe ist aufgrund der Liftgerippe, die im Sommer fehl am Platz wirken, getrübt. Man atmet auf, als man das Skigebiet hinter sich lässt und erfreut sich wieder an den aufgeweckten Murmeltieren. Ein Steinadler zieht elegant seine Kreise über einer Steinbockfamilie.

»Und das ist jetzt das Malfontal.« Florian Wieser deutet auf das Tal, das sich nach der Überschreitung der Schmalzgrubenscharte unter den jungen Erwachsenen ausbreitet. Man erkennt sofort, dass es nahezu unberührt ist. Schließlich zählt es zu den letzten sieben Prozent Österreichs, die noch weitgehend naturbelassen sind. »Da hinten will man die Skischaukel bauen.« Verständnislos blicken alle über das weitläufige Tal. Man merkt: Hier gibt es keinen Autolärm. Keine Straßen. Keine Skilifte. Zumindest noch nicht.

Am dritten und letzten Tag steigt die Gruppe von der Edmund-Graf-Hütte ab ins Malfontal. Nach und nach schiebt sich die Sonne über den ostseitigen Kamm und taucht das Tal in spätsommerliches Licht. Man folgt dem Malfonbach, der laut EU-Wasserrahmenrichtlinie in einem sehr guten ökologischen Zustand ist, tief ins Tal und denkt an Florian Wiesers Worte vom Vortag: »Für den Bau der Lifte braucht es natürlich auch LKW-beständige Straßen und Infrastruktur.« Die bis jetzt gut entwickelte Flora und Fauna im Tal würde sich also radikal verändern, sie würde verarmen.

Die Gruppe bleibt stehen. Ari packt das Banner aus. Elli zückt die Kamera. Alle Teilnehmer versammeln sich um das gestraffte Banner mit dem Schriftzug: »Es reicht! Hände weg von der Seele der Alpen!« Alle blicken entschlossen in Ellis Kamera – im Bewusstsein, das noch naturbelassene Malfontal im Rücken zu spüren. Spätestens jetzt wissen die jungen Erwachsenen, was es wert ist zu schützen.◀


Die Gruppe von »Generation Earth« im noch unberührten Malfontal
 

Petition Seele der Alpen

Ende Oktober endete die von WWF, ÖAV und Naturfreunden ins Leben gerufene Petition zum Schutz der Seele der Alpen. Über 20 000 Menschen haben unterschrieben. Nun wollen die Initiatoren die Unterschriftenliste der österreichischen Ministerin Elisabeth Köstinger vorlegen. Bis April 2019 ist sie als Ministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus Vorsitzende der Alpenkonvention und dadurch befugt, die Themen der Petition an die erste Stelle der Agenda zu setzen.

WWF, ÖAV und Naturfreunde wollen außerdem mit der Regierung in den Bundesländern ins Gespräch kommen – offene Ohren gäbe es bereits. Man fordert Ruhegebiete und eine Festlegung von unverbauter Fläche in Österreich. Vorbild ist der Alpenplan in Bayern mit seiner Regelung der Zulässigkeit von Verkehrserschließungen im bayerischen Alpenraum.


Artikel aus Ausgabe12/18, Heft hier nachbestellen oder Bergsteiger jetzt abonnieren.
 
Katharina Kos
Fotos: 
Katharina Kos