Beat Kammerlander: »Ich bescheiße nicht« | BERGSTEIGER Magazin
Beat Kammerlander im Interview

Beat Kammerlander: »Ich bescheiße nicht«

Der Paul-Preuss-Preisträger Beat Kammerlander ist der lebende Beweis dafür, dass Klettern keine Frage des Alters ist. Eher eine der Einstellung. Und die ist bei dem österreichischen Sportkletterer, der jetzt 60 wird, klar wie ein Gebirgsbach: nicht verbiegen lassen und niemandem etwas vormachen.
 
Bald 60 und immer noch Klettergenie: Beat Kammerlander © Ray Demsky
Bald 60 und immer noch Klettergenie: Beat Kammerlander
BERGSTEIGER: Wie fühlt es sich an, ein Dinosaurier des Klettersports zu sein?

BEAT KAMMERLANDER: Es ist mir eigentlich ziemlich wurscht, als was ich gelte. In meinem Alter kommen öfters Verletzungen daher und es dauert länger, bis ich wieder fit bin. Heuer war ich lange Zeit außer Gefecht. Ich hatte einen Zeckenbiss, daraufhin Borreliose. Der Sommer war gelaufen. Wenn es mir aber gut geht, wie jetzt wieder, dann fühle ich mich zeitweise gar nicht alt. Die Up and Downs sind sicherlich extremer als in jungen Jahren.

Die meisten Profi-Kletterer kriegen irgendwann die Kurve, werden Abenteurer oder Buchautoren, Museumsbetreiber oder wechseln zurück in einen zivilen Beruf. Für Sie kein Thema? Immerhin werden Sie im Januar 60.

Mit 35 sagte ich mir: Bis 40 machst du das noch. Dann kam der 40. Geburtstag, und ich konnte besser klettern als zuvor oder war zumindest gleich gut. Mir wurde klar: Klettern ist mein Leben, und solange das funktioniert, ich es also finanzieren kann, gibt es keinen Grund, etwas zu ändern. Ich habe in meinem Leben so viel Zeit für meine Liebe, den Klettersport, aufbringen können, da kann ich nicht viel verkehrt gemacht haben. Warum sollte ich in etwas wechseln, das mich unglücklich macht?

Wie viel bedeutet Ihnen die Ehrung mit dem Paul-Preuss-Preis, bei der es ja um das »ehrliche« Klettern geht?

Das ist eine große Ehre. Früher hätte ich vielleicht drauf geschissen. Meine Projekte kamen immer aus mir selbst heraus, und wenn die Motivation von innen kommt, kann ich brutal viel Kraft entwickeln. Routen sammeln wie Schnäppchenjäger – das kotzt mich an. Ich wüsste nicht, wieso ich das machen sollte.

Der Paul-Preuss-Preis passt zu Ihrer Kletterphilosophie.

Es war einfach mein Weg, den ich immer verfolgt habe: ein sturer Hund sein und einfach nicht bescheißen. Leider gibt es viele, die tricksen. Seilen ab, checken was aus von oben, und am Ende des Tages, wenn die Rotpunkt-Begehung steht, interessieren diese Dinge nicht mehr. Für mich gilt: Entweder es geht frei zu klettern, oder ich lasse es. So bleibt das Unmögliche erhalten.
Roter Teufel: Beat 1978 in der Route »Phillipp Flamm« in der Civetta Nordwand; Foto: Wolfgang Muxel

Klettern auf hohem Niveau heißt absolutes Fixieren, Sie nennen das Überkonzentration. Hat sich diese Fähigkeit im Laufe der letzten 30 Jahre verändert?

Bei mir ist es immer ein langer intellektueller Prozess, bis ich mich bei einer schwierigen Route sicher fühle. Bedenken oder Angst muss ich dann in der Aktion ausschalten können. Als ich noch körperlich stärker war, fiel mir das leichter. Andererseits: Wenn Du viel Kraft hast, kletterst Du eigentlich schlecht, weil Du alles »durchreißt«. Ich glaube, dass ich beim diffizilen Klettern technisch immer besser geworden bin.

Sie schwärmen heute noch von Routen wie Silbergeier oder New Age. Was macht die einzigartig?

Bei der New Age dachte ich mir, wo schaut’s am Schwierigsten aus: oben ein waagrechtes Dach, zweieinhalb Meter ausladend: Genau dort wollte ich hin! Das gelang mir mit wenig Hakenmaterial, und ich konnte die Route letztlich Rotpunkt klettern. Herausgekommen ist eine Route, die vom Fels her und von den Kletterabläufen wirklich einzigartig ist.

Und danach?

…ist es abgeschlossen. Du lebst immer wieder in neuen Projekten. Wenn mich etwas aufwühlt, möchte ich es unbedingt realisieren. Für kurze Zeit bin ich dann ein anderer Mensch. Das ganze Denken, meine ganze Leidenschaft gehört dem Projekt.
Klettern heißt auch: Verantwortung für den anderen übernehmen. Ihm Erfolge gönnen. Der Sport steht damit im schönen Gegensatz zu vielen »Ellbogensportarten«. Wenn Du im Wettbewerb kletterst, gibt es natürlich auch Konkurrenz und Ellbogenmentalität. In einer Seilschaft ist es anders. Ich denke an eine Erstbegehung, die ich mit einem Freund realisiert habe. Jeder machte eine Seillänge, bis er psychisch ausgebrannt war, dann wechselten wir. Wenn du zu Zweit unterwegs bist, musst Du teilen und abgeben können. Mit Freunden ist das am Schönsten. Deshalb klettere ich nur mit Freunden.

Dich mit anderen messen war nie ein Thema?

Ich war phasenweise sicherlich einer der besten Sportkletterer in Europa. Es gab eigentlich nur einen in der Zeit, der das alpine Sportklettern betrieben hat. Das war Martin Scheel. Mit ihm war ich oft zusammen. Es gab in dem Sinne kein Messen, wir waren ja die Ersten.

Verantwortung tragen Sie nun auch für Ihre zwei kleinen Kinder. Wie hat sich das auf Ihr Klettern ausgewirkt?

Ich verbringe viel Zeit mit ihnen, das ist mir wichtig. Ich hatte das Risiko beim Klettern aber auch schon vor der Geburt meiner Kinder kalkuliert und recht klein gehalten. Klar, auch ich hatte ein paar Mal Schwein. Das waren aber objektive Gefahren. Gefahrensituationen, die man kaum beeinflussen kann, hat man beim Autofahren vermutlich öfter. Das Leben ist lebensgefährlich.


Hohe Kunst in der Route »Echographie Verdon« (X- UIAA) i jahr 1987; Foto: Peter Mathis

Kein Free Solo mehr, das ans Limit geht?

Ganz sicher nicht. Dafür gäbe es derzeit keine Motivation und auch keinen Sinn dahinter, so etwas zu tun.

Sie erzählen in Vorträgen, dass Sie ursprünglich – im Alter von 17 Jahren – glaubten, Höhenangst zu haben. Als Sie die nicht verspürten, sei das eine Art Initialzündung gewesen fürs Klettern. Stimmt die Anekdote so?

Das war tatsächlich ein Wow-Effekt. Wie ein neues Leben, eine große Beschränkung fiel weg. Damit hat alles begonnen. Ich war danach jeden Tag beim Klettern. Davor hätte ich mich nicht mal getraut, mich abseilen zu lassen.

Klingt nicht nach einer geplanten Kletterkarriere.

Nein, gar nicht. Ich war viel zu unsicher. Ich machte ja eine Maurerlehre und Baupolierschule und fing parallel mit der Bergführerausbildung an. Dann kam eines zum anderen.

Wie viel Selbstreflexion sollte ein guter Kletterer haben?

Wenn du nicht dein Ding machst, das aus Liebe geboren wird und aus deiner Seele herauskommt, dann wird das nichts. Nur weil du irgendwelche Griffe länger halten kannst als andere, weil du vielleicht Wettkämpfe im Bouldern machst – das wird auf Dauer zu wenig sein für ein Leben als Kletterer.

Es gibt einige mediengeile Alpinisten, die sich bedingungslos vermarkten. Stört Sie das?

Deren Projekte sind oft so derart aufgesetzt. Man sieht von Weitem, was da läuft. Aber die Kappe muss ein jeder selbst tragen. Das Paket hast du am Hals (lacht). Was willst Du: Beatles hören oder Rolling Stones?

Ganz ohne Vermarktung geht es nicht. Auch sie haben Sponsoren. Zum Leben reicht das sicher nicht. Oder?

Ich bin ein selbständiger, schlechter Unternehmer, der seine Vorträge besser bewerben sollte, damit ein bisserl mehr Kohle reinkommt. Ich gehe ungern hausieren, aber zum Glück werde ich immer wieder mal angerufen und gefragt.

Haben Sie keine Bedenken, dass Sie eines Tages nicht mehr klettern können und ohne Einnahmen dastehen? Oder haben Sie Ihre Schäfchen schon im Trockenen?

Nein, definitiv nicht. Mit dem Wagnis muss ich leben.

Gibt es irgendetwas, vor dem Sie Angst haben?

Schon vorm Sterben – diese größte Grundangst. Die anderen beiden Ängste, die sich im Gleichgewicht halten müssen,  sind der Verlust deines Individuums und der Verlust deiner sozialen Kontakte. Ich will aber das Schicksal in Ruhe lassen und mir darüber nicht zu viele Gedanken machen. Man kann sich ja so vieles wünschen: Dass du gesund bleibst, dass es deinen Kindern gut geht. Wenn ich recht überlege, dann ist es genau das – die Vorstellung, dass meinen Kindern etwas passieren könnte, macht mir Angst.


Spektakuläres Sportklettern in den Red Rocks in Nevada 1998; Foto: Peter Mathis

Sie wirken wie ein gelassener Mensch, der im Reinen mit sich ist. Stimmt das auch?

Ich denke schon, dass ich ein ganz zufriedener Mensch bin. Wenn ich beim Klettern oder sonstwo entscheiden muss, ob ich da- oder dorthin gehe, denke ich danach nicht mehr darüber nach, was wäre gewesen wenn? Es ist ja nun einfach so: Du kannst die Zeit nicht wiederholen.    ◀

Zur Person: Mann mit Eigenheiten

Heute gälte Beat Kammerlander als Späteinsteiger. Erst mit 17 Jahren  wird ihm klar, dass er keine Höhenangst hat. Fortan klettert der Voralberger befreit auf und schafft es in den 1990-ern bis in die europäische Spitze des Sportkletterns. Er klettert heute noch in seinem 60. Lebensjahr (geb. 14.01.1959) auf höchstem Niveau. Seine Erstbegehung »Unendliche Geschichte« (1991) war die erste alpine Felsroute im oberen zehnten Schwierigkeitsgrad. »Silbergeier« (X+, UIAA) galt jahrelang als eine der schwersten Alpinrouten der Welt. Kammerlander lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern in Feldkirch.


Husarenstück: Rotpunkt-Begehung der Route »Kampfzone« (2 Sl. XI- UIAA); Foto: Ray Demsky


Interview aus Bergsteiger 01/19, Heft hier nachbestellen oder jetzt abonnieren.
 
Interview: Michael Ruhland