Die schwedische Outdoor-Firma Tierra im Profil | BERGSTEIGER Magazin
Junger Schwede

Die schwedische Outdoor-Firma Tierra im Profil

Klein, fein, innovativ: Mit diesen Attributen lässt sich die schwedische Outdoorfirma Tierra charakterisieren. Tierra-Bekleidung gibt es in Deutschland exklusiv bei Globetrotter. Das Unternehmen setzt sich hohe Ziele in puncto Nachhaltigkeit. Die Produktion findet beispielsweise zu einem Großteil in Europa statt.
 
Gelebte Firmenphilosphie »Draußen sein« © Tierra
Gelebte Firmenphilosphie »Draußen sein«
Meist hören sich Marketing-sprüche toll an. Das ist ja auch ihr ureigenstes Ziel. »Wir wollen Produkte entwickeln, die unsere Kunden dazu inspirieren, nach draußen zu gehen und die Natur zu erkunden«, lautet einer der Leitsätze der schwedischen Firma Tierra. Egal, ob auf einen Andengipfel oder in den nächstgelegenen Wald. Ist das nur eine leere Formel?

Wer das kleine Entwicklungsteam in Stockholm kennenlernt, merkt schnell, dass die Sprüche nicht von irgendeiner Agentur von oben aufgedrückt wurden. Die Leitsätze stammen aus dem Team selbst. Was liegt also näher, als nach getaner Arbeit raus in die Natur zu gehen?


Nehmen die neuesten Muster in Augenschein: Sofie Li Cao, Malin Eurenius, Erik Blomberg (v. l.)

Der Besucher aus München ist bass erstaunt, als es nach kurzer Fahrt mit dem Auto einer Mitarbeiterin zu einem (übrigens von einem Verein betriebenen) Yachthafen und dort auf Erik Blombergs Segelboot geht. Blomberg ist der Leiter des Entwicklungsteams und muss keine großen Kommandos erteilen, denn alle fünf Passagiere packen mit an. Als wir am späteren Nachmittag – es ist die Zeit der Mitsommernächte – mit einer leichten Südbrise durch den Stockholmer Schärengarten segeln, spürt man den Spirit von Tierra. Die Bekleidung ist für den täglichen Outdoor-Gebrauch gemacht und nicht zum Posen. Es geht rein um die Funktionalität, Tierra verzichtet auf unnötige modische Accessoires. Authentisch wie das Team eben.

Wir ankern vor einer namenlosen Insel, der Schärengarten hat ca. 30 000 davon, und im Nu bereitet die Gruppe ein Barbecue vor. Praktisch, dass Tierra zu Fenix Outdoor International AG gehört, einer Dachorganisation von Händlern und Herstellern, zu der auch der Kocher-Produzent Primus gehört. Das Tierra-Entwicklungsteam nutzt bei Bedarf deren Labors und Kältekammern und testet schon mal die neuesten Primus-Produkte beim Campen. Das Feedback hilft wiederum den Tüftlern im Keller des Bürogebäudes, das unter anderem auch noch die Fenix-Marken Hanwag, Brunton und Fjällräven beherbergt.

Everest-Expedition als Durchbruch

Nun ist es beileibe nicht so, dass Tierras Kollektionen nur für skandinavische oder mitteleuropäische Klimazonen konzipiert sind. Stolz ist man nach wie vor auf die erste erfolgreiche schwedische Everest-Expedition im Mai 1991. Das Team um den Gipfelstürmer Lars Cronlund war mit Tierra-Funktionskleidung ausgestattet. »Das hat Tierra auf die Landkarte der Outdoor-Branche gebracht«, sagt Erik Blomberg. Zwei Jahre später folgte die geglückte K2-Besteigung und im Jahr 2000 erreichte Ola Skinnarmo im Alleingang den Nordpol – mit Tierra als einem Sponsor. Die erprobten Kollektionen wurden über die Jahre weiterentwickelt, inzwischen stattet Tierra die schwedische Bergrettung und Teile der Polizei aus.


Teamarbeit: erfolgreiche Everest-Besteigung von Lars Cronlund 1991

Nur, wie sieht es mit den Produktionsstätten aus? »Die Herstellung hat im Lebenszyklus eines Produkts die größten Auswirkungen auf die Umwelt«, weiß Blomberg. Tierra halte Transportwege so kurz wie möglich und verschiffe Produkte, sofern sie von weit her kommen. Und ja: Auch Tierra produziert in Asien. Vietnam hält dabei einen Anteil von 37 Prozent, China nur zwei Prozent. Der Rest wird in Europa genäht, vorwiegend in Litauen, der Ukraine und in Portugal.

Generell hat Tierra für die Produktion hohe Standards ausgegeben, die laut Blomberg über die einschlägigen Labels hinausgehen. So zum Beispiel verzichtet die Firma auf den Einsatz von Silberionen zur Desinfektion von Bekleidung. »Es wäre zwar legal, aber solange wir nicht wissen, welche Auswirkungen Silberionen haben, lassen wir die Technik weg«, sagt der Chef der Produktentwicklung. Stattdessen experimentiere Tierra mit neuen, im Idealfall biologischen Materialien. 2017 brachte die Firma mit »Deterra« die weltweit erste komplette Öko-Funktionsjacke auf den Markt. Sie ist aus einer Mischung von Fasern aus Rizinusbohnen, Eukalyptus (firmiert unter dem Namen Lyocell/Tencel), Wolle, Mais, Baumwolle und aus der Frucht der Steinnusspalme. Tierra heimste dafür auf der Ispo den Award für »Eco Responsibility« ein.




Die Produkte des kleinen, aber hochfunktionellen Sortiments werden mit verschiedenen Maschinen auf auf Festigkeit, Abrieb und Wasserdichtigkeit getestet.





Inspiration aus dem Mülleimer

»Wir arbeiten gerade daran, komplett auf Öko-Baumwolle umzustellen«, erklärt Blomberg. Doch das fernere Ziel sei, auch die Baumwolle zu ersetzen, und zwar durch Hanf und Merino. Es ist eine ständige Suche nach neuen Wegen, die das Tierra-Team gehen könnte, und manchmal spielt dabei der Zufall eine Rolle. Eine Mitarbeiterin fand in einem Papierkorb in einer Strickerei in Gällstad ein Stück Stoff, das sie faszinierte. Denn es war so gewebt, dass es kleine Luftpolster einschloss. Tierra experimentierte gemeinsam mit der Strickerei und produzierte eine neue Jacke – außen Wolle und innen Primaloft. Die Linie »Rista« kann das Gleiche wie klassische Fleecejacken, sondert aber kein Mikroplastik ab.

Manchmal beginnt neue Technologie eben auch in einem Mülleimer.


Artikel aus Ausgabe 11/18, das Heft nachbestellen oder Bergsteiger jetzt abonnieren.
Michael Ruhland
Fotos: 
Tierra, Michael Ruhland