12 Klettersteig-Sets im Test | BERGSTEIGER Magazin
BERGSTEIGER Testbericht: Klettersteigsets

12 Klettersteig-Sets im Test

Seit der letzten Kaufberatung zu Klettersteig-Sets sind vier Jahre vergangen. Vier Jahre, in denen die Zahl der Klettersteig-Aktiven weiter rasant gewachsen ist. Aber auch vier Jahre, in denen ein tödlicher Unfall und der Rückruf von fast 100 000 Produkten die Sportart auf den Kopf stellten. Zeit, mal wieder genauer hinzusehen.
 
Im BERGSTEIGER Test: 12 Klettersteigsets © Andreas Strauß
Im BERGSTEIGER Test: 12 Klettersteigsets
Seit dem 5. August 2012 ist alles anders. Ein 17-jähriger Österreicher stürzt in der »Ottenalm-Direttissima « in sein Klettersteig-Set. Es reißt, der junge Mann stirbt. Sein Begleiter wird angeklagt, weil er den fitten, aber unerfahrenen Jungen zur Tour überredete; er wird später freigesprochen. Und die Outdoor-Industrie wird von zwei Rückrufaktionen nie dagewesenen Ausmaßes heimgesucht.

Gerissen waren beide Stretch-Äste eines Sets. Die Untersuchung ergab, dass die Verbindung von elastischen und starren Fasern an den Ästen durch das ständige Dehnen dramatisch an Festigkeit verloren hatte – ein bis dato völlig unbekanntes Materialversagen, das dem Hersteller daher nicht angelastet wurde. Sets mit unelastischen Ästen waren davon nicht betroffen, ebenso wenig wie Stretch-Äste, bei denen der elastische Kern, wie der Gummizug einer Sporthose, nicht mit dem unelastischen Schlauchband verwoben war.

Diese 12 Klettersteigsets haben wir getestet:

AUSTRIALPIN Hydra Stretch
CAMP Matrix Gyro Rewind
EDELRID Cable Comfort 2.3
EDELRID Cable Ultralite Pro
KONG KKL Light
LACD Via ferrata Comfort
MAMMUT Tec Step Bionic Turn 2
PETZL Scorpio Vertigo
SALEWA Ergo Tex
SINGING ROCK Tofana Lock
SKYLOTEC Skysafe II
SKYLOTEC Buddy Ferrata Set

Klettersteigsets Rückrufaktionen

Neun Hersteller, allen voran Edelrid und AustriAlpin, reagierten umgehend und riefen ihre betroffenen Sets zurück. Andere warteten erst einmal ab. Erst unter dem Druck einer Liste, die die Alpenvereine am 30. August 2012 online stellten, reagierten alle Hersteller auf den Unfall. Insgesamt wurden über 100 000 Sets zurückgerufen, ein ganzer Produktzweig der Bergsportindustrie in der Folge durchleuchtet (siehe auch BERGSTEIGER 06/2013). Angeführt von der Sicherheitsforschung des DAV wurde klar, dass Alterungsprozesse an Klettersteig-Sets bisher von allen Beteiligten unterschätzt worden waren. Während fabrikneue Sets problemlos alle Tests bestanden, konnten sich bei gebrauchten Sets die beiden wichtigsten Normen, nämlich Fangstoß (max. 6 kN) und Endfestigkeit (min. 9 kN) gefährlich annähern.

Eine zweite Rückrufaktion folgte 2013. Auf Initiative von Mammut kam ans Licht, dass sich mit zunehmender Nutzung von Reibungsbremsen deren Fangstoß erhöht – im schlimmsten Fall so sehr, dass die restlichen, durch UV-Strahlung und Abnutzung ebenfalls altersschwachen Teile des Sets nicht mehr standhalten. Die Umstellung auf Bandfalldämpfer ist seitdem fast abgeschlossen. Bei diesen reißen im Sturzfall vernähte Bandschlingen auf und dämpfen den Stoß. Sie sind schmutzresistenter, müssen keine Grundreibung überwinden und sprechen schon bei einem geringeren Fangstoß an.

In unserem Test ist nur noch ein letztes Set mit Reibungsbremse vertreten, das ebenfalls von einer Version mit Bandfalldämpfer abgelöst werden wird. Es sei vor diesem Hintergrund daran erinnert, dass Klettersteig-Sets als Notfall- und nicht als Sicherheitsausrüstung anzusehen sind. Ein Klettersteig ist keine Kletterhalle, in der man das persönliche Sturzlimit gefahrlos ausreizen kann.

Klettersteigset - Karabiner

Abgesehen von diesen direkt sicherheitsrelevanten Punkten fällt die Kaufentscheidung eher auf Basis anderer Kriterien – allen voran dem Handling und dem Umgang mit den Karabinern. Hier waren die Unterschiede bei den getesteten Klettersteigsets beachtlich. Manche Hersteller verbauen Kunststoff an sinnvollen Stellen (Schalldämpfer bei AustriAlpin, Gummierung bei Mammut), bei anderen wirkte übermäßiger Plastikeinsatz billig (Skylotec) und weniger vertrauenserweckend als bei den Vollmetallkarabinern von Kong, Camp und Singing Rock.

Auch bei der Ergonomie gab es Unterschiede: Zwei Modelle (Edelrid Ultra, Petzl) verzichten auf Karabiner, die mit dem Handballen entriegelt werden. Das klappt zwar auch, begünstigt aber Fingerklemmer und war für uns daher nicht mehr zeitgemäß. Dagegen überragten Salewas riesige und mit einem perfekten Hebel ausgestattete Karabiner sowie Edelrids »One Touch«- Lösung, die per Handballendruck nicht nur entriegelt, sondern gleich den Schnapper öffnet. Einige Hersteller verbauen flache Karabiner, die bei Biegebelastung nicht brechen, sondern sich nur verformen sollen (z. B. Edelrid, Salewa, LACD). Unsere Befürchtung, dass sich diese leichter am Drahtseil verklemmen, bestätigte sich nicht. Löblich sind farblich abgesetzte Karabiner (Edelrid, Skylotec, LACD), sie erleichtern das Handling aber nur geringfügig.

Die Äste

Deutlich effektiver sind hier Drehgelenke zwischen Dämpfer und Ästen, die das lästige Verdrillen der Bänder eliminieren. Konkurrenzlos gut war die Lösung von CAMP mit gleich drei Gelenken. Weniger überzeugte die Idee von Mammut, das Gelenk unterhalb des Dämpfers einzubauen. Acht Modelle besitzen, teils aus Gewichtsgründen, kein Gelenk und verdrehen sich daher leichter. Nur die geschmeidigen und farblich gesonderten Äste von Singing Rock funktionierten auch ohne Gelenk ähnlich gut.

Alle getesteten Sets besitzen Äste aus Stretchmaterial – freilich nur solches, bei dem elastische und starre Fasern nicht miteinander verwoben sind. Die Dehnung erwies sich an allen Modellen ähnlich gut und unauffällig, nur Menschen mit besonders langen oder kurzen Armen sollten einen Blick auf die Reichweiten werfen. Die Äste einiger Sets sind zudem asymmetrisch lang, sie sollen im Sturzfall die Energie nacheinander aufnehmen.

Resümee zum Klettersteigset-Test

Nach den letzten Rückrufaktionen können Klettersteig-Geher sich – Stand heute – auf die im Handel erhältlichen Klettersteig-Sets verlassen. Unser Klettersteigset-Test offenbarte eine erfreulich hohe Qualität in der Breite, Ausreißer nach unten gab es kaum. Aber gewichtige Unterschiede: Daher zahlt es sich in jedem Fall aus, die Sets im Handel haptisch unter die Lupe zu nehmen. Oberste Priorität haben nach der Sicherheit die Ergonomie und Funktion der Karabiner – dementsprechend liegen die Sets mit den besten Schnappern auch im Gesamturteil vorne.

Bereits angestoßene Innovationen wie der Zwei-Phasen-Dämpfer oder flache Karabiner, die bei Extrembelastung nicht brechen, sondern sich verbiegen, werden in naher Zukunft den Markt verändern und für kurze Produktzyklen sorgen. Da bleibt nur zu wünschen, dass die Sicherheitsforscher die Industrie weiter wachsam begleiten. Gerade wichtige Angaben wie die Produktlebensdauer sollten nicht willkürlich und von jedem Hersteller individuell, sondern transparent und einheitlich zertifiziert werden.

 
Von Thomas Ebert
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2015. Jetzt abonnieren!
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