Klettersteigrunde in den Sextener Dolomiten | BERGSTEIGER Magazin
Der Sextener Klettersteig-Achter

Klettersteigrunde in den Sextener Dolomiten

Der Sextener Klettersteig-Achter in vier Tagen, am besten zu zweit: Eine neue Via ferrata schließt zwischen Auronzo und Sexten eine Lücke in einer genialen Klettersteigrunde mit sensationellen Landschaftseindrücken.
 
Der neue »Alpinisteig« folgt markanten Horizontalbändern im Rücken ehemaliger italienischer Stellungen zwischen dem Sandbühel- und dem Oberbachernjoch. © Manfred Kostner
Der neue »Alpinisteig« folgt markanten Horizontalbändern im Rücken ehemaliger italienischer Stellungen zwischen dem Sandbühel- und dem Oberbachernjoch.
Beppe ist Hüttenwirt auf dem kleinen Rifugio Carducci in den Sextener Dolomiten. Das steht südlich unter dem Giralbajoch an einem schönen Platz, der romantische Gemüter leicht zu poetischen Vergleichen verführt. Vielleicht ist das Haus ja deshalb nach dem Dichter und Nobelpreisträger Giosuè Carducci benannt worden. Die Hütte auf der anderen, der nördlichen Seite des Giralbajochs hat ihren Namen hingegen von zwei Männern der Tat: Emil Zsigmondy und Emilio Comici, die beide ihre Zeit als Bergsteiger prägten. Zwei Seiten eines Gebirges und ganz verschieden. Hier Auronzo, dort Sexten. Fast schon überrannt auf der einen Seite, stille Pfade auf der anderen. Gut zu beobachten ist das im Herbst, der schönsten Wanderzeit. Wenn in Auronzo die ersten Hotels bereits dichtmachen, am Camping bloß noch ein paar wenige Wohnmobile stehen, können sich die Häuser in Toblach, Innichen und Sexten vor Gästen kaum retten. Und die wollen natürlich hinauf, zu den Hütten, Gipfeln, nach den Drei Zinnen schauen und auf Klettersteigen herumturnen. Letzteres geht in den Sextenern bestens, die Auswahl an gesicherten Routen aller Schwierigkeitsgrade ist üppig, die Kulisse so fantastisch, dass man(n) sie fast als »sexy« bezeichnen könnte.

Die Idee zur Klettersteigrunde in den Sextener Dolomiten

Beppe weiß um den Reiz des geborgten Kletterglücks, in der Nähe seines Hauses endet (oder beginnt) auch eine besonders schöne Höhenroute, die direkt in den siebten Bergsteigerhimmel führt: die »Ferrata Cengia Gabriella«. Sie bringt ihm Besucher, sogar welche aus Germania, aber wenn er an den Rummel (und die Umsätze) jenseits des Giralbajochs denkt, an die Wanderkolonnen zwischen Fischleintal und Drei-Zinnen-Hütte, fühlt er sich doch ein bisschen allein gelassen. Was tun? Eine Fortsetzung der »Cengia Gabriella« wäre ideal, eine Verbindung mit dem Herzstück der Sextener Dolomiten, wo die großen Wanderpfade vorbeilaufen. »Von da drüben«, sagt er, »habe ich die Felsen über dem Val Gravasecca abgesucht, für einen gangbaren Weg, von der Forcela Maria hinüber zur Forcela de l’Agnel.« Den gab’s ja schon einmal, zumindest theoretisch, sogar eine CAI-Nummer hatte er, doch die Gemeinde Auronzo sperrte die Verbindung vor vielen Jahren, ganz offiziell. Und mit gutem Grund, war die Route doch weitgehend verfallen und erst noch stark durch Steinschlag gefährdet. Den Kartografen von Kompass, Tabacco & Co. ist das allerdings bis heute nicht aufgefallen, was Beppe schon den einen oder anderen Rettungseinsatz beschert hat.

Dann hat er ihn entdeckt, den Weg, der Klettersteiglern den Zugang zu seiner Hütte ebnen soll, sie zum Stützpunkt an der großen Sextener Klettersteigrunde machen würde: Vier Tage auf zehn Vie ferrate unterwegs in den Sextenern. »Dolomiti senza Confini« heißt das Projekt der Guide Alpine (bei dem auch Sextener Bergführer mitmachen), und es verbindet alle Eisenwege zwischen Sexten und Auronzo – ganz ohne Grenze. Die verlief vor hundert Jahren quer durch die Sextener Dolomiten, von den Drei Zinnen zum Kreuzbergpass, und noch heute stößt man überall auf Spuren des Gebirgskrieges: Stellungen, Stollen, Schützengräben.

Dolomiti senza Confini

Beppes »Dolomiti senza Confini« sind Wirklichkeit. In vier Tagen über zehn Klettersteige quer durch die Welt der Drei Zinnen. Idealer Startpunkt ist das Rifugio Lunelli ganz im Osten der Sextener. Nach aufregendem Beginn über die »Ferrata Roghel« und das »Cengia Gabriella« bietet die Carducci-Hütte dann das erste Nachtquartier. Anderntags geht’s über die neue Ferrata weiter zur Zwölferscharte und über den erst vor ein paar Jahren gesicherten »Alpinisteig« (nicht zu verwechseln mit der »Strada degli Alpini«!) zur Büllelejochhütte, wo man nach dem Abendessen zugucken kann, wie die letzten Sonnenstrahlen am Zwölfer verglimmen. Der dritte Klettersteigtag führt über den »Sentiero delle Forcelle« auf den Paternkofel. Nach der Überschreitung des Toblinger Knotens wandert man via Büllelejoch zur Zsigmondyhütte, wo das nächste Nachtlager wartet. Die »Strada degli Alpini« bildet am vierten Tag eine spektakuläre Fortsetzung der Runde, die Überschreitung der Sextener Rotwand auf der »Zandonella« und dem »Rotwandsteig« den würdigen, nochmals recht fordernden Abschluss der einmaligen Runde. Einfach Klasse!

Wissenswertes zur Klettersteigrunde in den Sextener Dolomiten

Anreise: Am schnellsten über den Brenner und durch das Pustertal zum Ausgangspunkt der Runde beim Rifugio Lunelli im obersten Val Padola. Bis Innichen gute Bahnverbindungen, dann SAD-Bus, evtl. Taxi ab Sexten. Linienbusse auch nach Sexten-Moos und ab Toblach zum Rifugio Auronzo
Hütten: Rifugio Berti, Tel. 00 39/04 35/6 71 55, www.rifugioberti.it; Rifugio Carducci, Tel. 00 39/04 35/40 04 85, www.rifugiocarducci.eu; Büllelejochhütte, Tel. 00 39/3 37/45 15 17, www.rogger.info; Drei-Zinnen-Hütte, Tel. 00 39/04 74/97 20 02, www.dreizinnenhuette.com; Zsigmondyhütte, Tel. 00 39/04 74/71 03 58, www.zsigmondyhuette.com
Tipp für Genießer: Beppe Monti, der Wirt auf der Carducci-Hütte, ist weitum bekannt für seine leckeren Knödel. Konkurrenzlos!
Infos: Alpinschule Drei Zinnen, Tel. 00 39/04 74/71 03 75, www.alpinschule-dreizinnen.com. Rifugio Carducci, Tel. 00 39/04 35/40 04 85, www.rifugiocarducci.eu

Dolomiti senza Confini/Klettersteigrunde

Übersichtskarte Klettersteigrunde Sextener Dolomiten
Sogar elf Klettersteige lassen sich in vier Tagen von Hütte zu Hütte aneinander hängen.
1. Etappe: Rifugio Lunelli (1568 m) – Rifugio Berti (1950 m) – Ferrata Roghel (K4–5) – Ferrata Cengia Gabriella (K3) – Rifugio Carducci (2297 m), 7½ Std.
2. Etappe: Rifugio Carducci – Nuova ferrata (K2–3) – Sandbüheljoch – Alpinisteig (K1–2) – Büllelejochhütte (2528 m), 4 Std.
3. Etappe: Büllelejochhütte – Sentiero delle Forcelle (K 2) – Innerkofler-De Luca-Steig (K2–3) – Drei-Zinnen-Hütte (2405 m) – Leiternsteig (K3) – Toblinger Knoten (2607 m) – Drei-Zinnen-Hütte – Büllelejoch (2522 m) – Zsigmondyhütte (2224 m), 7½ Std.
4. Etappe: Zsigmondyhütte – Strada degli Alpini (K2–3) – Sentinellascharte (2717 m) – Via ferrata Zandonella S (K 4–5) – Sextener Rotwand (2936 m) – Rotwand-Klettersteig (K2) – Rotwandwiesen (1914 m; Gondelbahn nach Sexten-Moos), 7½ Std. Alternativer Abstieg von der Rotwand über die Ferrata Zandonella SE (K3) zum Rifugio Lunelli (Achtung! Hierzu schrieb uns ein Leser am 22.08.2016: "Der alternative Abstieg (Südost-Steig) ist leider gesperrt, denn die Kabel der Via sind durch Erdrutsche kaputt und somit durch den CAI nicht freigegeben.), dann 8¼ Std. Als Ausgangspunkt kommen auch die Rotwandwiesen (1914 m; Lift von Sexten-Moos) und das Rifugio Auronzo (2320 m; Drei-Zinnen-Straße von Misurina) infrage. Diverse markierte Zwischenabstiege in die umliegenden Täler
Von Eugen E. Hüsler
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