12 halbhohe Trekkingschuhe im Test | BERGSTEIGER Magazin
Kaufberatung Trekkingschuhe

12 halbhohe Trekkingschuhe im Test

Der Schuh ist der wichtigste Ausrüstungsgegenstand des Bergsteigers. Über ihn treten Mensch und Natur buchstäblich in Kontakt; er garantiert Trittsicherheit und ist somit Grundlage für den Erfolg jeder Bergtour. Welche Modelle am bequemsten und sichersten sind, hat das Garmischer "Kompetenzzentrum Sport Gesundheit Technologie" für uns getestet.
 
So unterschiedlich die Optik, so verschieden sind die Stärken bei den Trekkingschuhen verteilt. © Kompetenzzentrum Sport Gesundheit Technologie
So unterschiedlich die Optik, so verschieden sind die Stärken bei den Trekkingschuhen verteilt.
Der 1780 Meter hohe Wank oberhalb von Garmisch-Partenkirchen ist ein großartiger Wanderberg. Gut gepflegte Wanderwege, schmale Pfade und wegloses Schrofengelände erwarten den Wanderer vor der spektakulären Kulisse von Alp- und Zugspitze. Genau für diese Wege und Pfade wurden die halbhohen Trekkingschuhe entwickelt, die wir für Sie testen wollen – also hinauf auf den Wank!

Die leichten Schuhe sind in der ganzen Welt hergestellt: in Vietnam, Kroatien, China, Rumänien, Indien, der Slowakei und drei Modelle sogar in Deutschland. Interessanterweise können über den Produktionsstandort keinerlei Rückschlüsse auf den Preis gezogen werden. Der günstigste Schuh des Testfeldes stammt aus Indien, der teuerste aus Rumänien. Die drei Modelle aus dem vermeintlich teuren Herstellungsland Deutschland sind preislich im Mittelfeld angesiedelt.

Trekkingschuhe: Bequem wie ein Hausschuh

Was zeichnet nun aber einen perfekten Trekkingschuh aus? Einer der Tester vermerkte auf seinem Testbogen: "Im Auf- und Abstieg bequem wie ein Hausschuh!" Ein fantastisches Urteil für einen Bergschuh, allerdings sind die "Hausschuh-Qualitäten" nicht die einzigen, die ein Trekkingschuh erfüllen sollte. Christoph Ebert vom Kompetenzzentrum Sport Gesundheit Technologie entwickelte zusammen mit erfahrenen Bergführern den umfangreichen Testfragebogen, mit dem die vier Hauptkriterien Funktion, Komfort, Sicherheit und Qualität bewertet wurden.


Unser Team testete im Wortsinn einen Haufen Schuhe.

Dabei umschreibt das Kriterium Funktion Merkmale wie das Führen des Fußes, das Abrollverhalten sowie den Fersenhalt, beim Komfort werden Dämpfung, mögliche Druckstellen sowie die subjektive Passform bewertet, die Sicherheit umfasst die Einzelpunkte Stützen des Fußes, Haftvermögen und Torsionsfestigkeit der Sohle sowie die subjektive Trittsicherheit. All diese Kriterien wurden auf einem standardisierten Test-Parcours im Gipfelbereich des Wank bewertet. Dabei galt es, unterschiedliche Geländeformen von ebenen Wegpassagen auf hartem Untergrund bis zum steilen Schrofengelände zu bewältigen.

Diese 12 Modelle haben wir getestet

DACHSTEIN Super Leggera DDS
HANWAG Comox GTX
HANWAG Pordoi GTX
JACK WOLFSKIN IMPULSE PRO TEXAPORE O2 MID M
LA SPORTIVA Trango Trk GTX
LOWA Vantage GTX Mid
LOWA Wendelstein
MAMMUT Wall Guide Mid GTX
MEINDL Air Revolution Ultra
MILLET Heaven Peak GTX
SALEWA MS MNT Trainer Mid L
SALOMON X ULTRA MID 2 GTX

Die Unterschiede der einzelnen Schuhkonstruktionen kamen dabei deutlicher zum Vorschein als erwartet. Sei es auf ebenem, harten Untergrund beim Abrollverhalten und der Dämpfung oder im steilen Schrofengelände beim Fersenhalt und besonders bei der für die Trittsicherheit mitverantwortliche Torsionsfestigkeit der Sohle. Beim Abstieg über steiles Wiesengelände und einen matschigen Steig waren einige Sohlenkonstruktionen ohne ausgeprägten Absatz sogar gänzlich überfordert – ein sicheres Absteigen ohne Ausrutschen war mit diesen Schuhen nicht möglich.


Je nach Gelände muss die Sohle für ein sicheres Auftreten eine gewisse Verwindungssteifigkeit besitzen.

Das letzte Kriterium, die Qualität eines Trekkingschuhs, sollte bei einem Preis zwischen 160 und 270 Euro untadelig sein. Davon gehen wir aus. Trotzdem gibt es große Unterschiede etwa bei der Art der Zungenfixierung, bei der Qualität der Innensohle, bei den Fertigungstoleranzen der Testschuhe, bei Funktion und Ausführung der Schnürung sowie beim allgemeinen Qualitätseindruck. Waren mindestens vier der genannten Merkmale positiv bewertet, erhielt ein Testschuh die maximale Punktzahl, bei weniger erfüllten Kriterien entsprechende Punktabzüge.

Wasserdicht und lange haltbar

Das Testergebnis überrascht im Allgemeinen nur wenig und es bestätigt im Detail viele Erfahrungen aus vergangenen Jahre wie etwa, dass man bei extrem leichten Schuhen Abstriche z.B. bei der Dämpfung, bei der Funktion oder bei der Qualität machen muss oder dass für eine gute Trittsicherheit eine aufwändige Sohlenkonstruktion notwendig ist.

Trotzdem muss man anerkennen, dass die Trekkingschuhe im Vergleich zu früheren Jahren eine deutlich verbesserte Passform haben, dass Wasserdichte für die meisten Modelle dank eingebauter Membran kein Thema mehr ist und dass die Haltbarkeit für einen langen Gebrauch ausgelegt ist.

Ein Ausreißer in optischer, technischer und funktionaler Sicht ist der Lowa Wendelstein. Der Schuh schaut aus wie aus einem Luis-Trenker-Film. Glattes Leder, kaum Nähte, rote Schuhbänder, Metallösen, eine klassische Vibram-Sohle sowie ein traumhaft verarbeitetes Leder-Innenfutter. Eben richtig "retro". Beim Praxistest folgt dann aber das große Staunen, denn der Wendestein kann nicht nur Komfort sondern auch Funktion und Sicherheit auf allerhöchstem Niveau!


Im Matsch gibt es unterschiedliche Profilarten, die Griffigkeit garantieren.

Vor dem Praxistest wurden wie üblich alle Schuhe im Labor vermessen und gewogen. Über das Volumen lassen sich Rückschlüsse auf den verwendeten Leisten und für die Passform in Abhängigkeit von unterschiedlichen Fußformen schließen. Beim Labortest haben wir auch einige Auffälligkeiten bemerkt, wie z.B., dass einige Sohlen nicht plan waren. So lagen einige Modelle auf ebenem Untergrund nicht flächig auf und wackelten. Nach Rücksprache mit verschiedenen Herstellern relativierte sich dieser vermeintliche Qualitätsmangel. Grund dafür sind die modernen Sohlenkonstruktionen, die sich ungleichmäßig verwinden können.

Bei einem der getesteten Schuhmodelle waren linker und rechter Schuh nicht symmetrisch. Hier war wohl ein Schuh nicht exakt über den Leisten gezogen worden. Dies sollte selbstverständlich nicht vorkommen und hätte der Qualitätssicherung des Herstellers auffallen müssen. Nach unserer Recherche handelte es sich dabei aber tatsächlich um einen Einzelfall; bei weiteren Paaren desselben Modells waren beide Schuhe exakt symmetrisch.

Die Bewertung

Die im Labor gemessenen Werte wurden in ein Punktesystem von eins bis fünf übertragen. Im Praxistest wurden insgesamt 15 Einzelnoten für die Bereiche Funktion, Komfort, Sicherheit und Qualität vergeben. Für die Darstellung im Netzdiagramm wurden zusätzlich zu den beiden Labornoten aus den 15 Praxis-Einzelnoten sechs Bereichsnoten ermittelt. Die gewählten Netzdiagramme sollen dabei auf einen Blick die Leistungsfähigkeit und den Einsatzbereich des Schuhs angeben.

So kann jeder durch die eindeutige Charakterisierung der Schuhe über die acht Einzelnoten seinen persönlichen Traum-Schuh finden: Der Mittelgebirgswanderer wird besonders Passform und Dämpfung berücksichtigen und wenig Wert auf Torsion und Sohlengrip legen, dem Klettersteiggeher wiederum wird die Dämpfung im Vergleich zur Torsion wenig wichtig sein und für reine Zustiege werden wiederum Gewicht und Torsion alles entscheidend sein – immer vorausgesetzt der Schuh passt zur Fußform. Dafür haben wir das Innenvolumen der Schuhe vermessen und mit 1 (geringes Volumen) bis 5 (großes Volumen) bewertet. Durch das aufwändige Testdesign sind die Ergebnisse transparent und reproduzierbar. Die Diagramme geben eine Orientierung auf den ersten Blick.


Arbeitsplatz mit Aussicht: Unser Schuhtest fand auf dem Wank statt.

Die Testkriterien

Von jedem Schuh wurden im Labor möglichst viele aussagekräftige Werte erfasst und in das Punkteschema des Tests übertragen. Die gemessenen Werte wurden ergänzt durch die subjektiven Testeindrücke der Experten, allesamt staatlich geprüfte Bergführer mit langjähriger Testkompetenz.

Gewicht
Das ermittelte Gewicht bezieht sich auf einzelne Schuhe in Größe 8.
Volumen
Das Volumen wurde bei allen Schuhe standardisiert bis auf Knöchelhöhe gemessen und in das Punkteschema übertragen.
Funktion
Die Gesamtnote Funktion fasst die Einzelnoten für Führen des Fußes, das Abrollverhalten sowie den Fersenhalt zusammen.
Dämpfung
Die Dämpfung wurde auf hartem Untergrund subjektiv bewertet.
Passform
Jeder Tester hat die Passform beim Anziehen, im Auf- und Abstieg individuell bewertet.
Sohlengrip
Auf dem standardisierten Parcours wurde die Haftfähigkeit der Sohle auf unterschiedlichem Untergrund bewertet.
Torsion
In anspruchsvollem, felsdurchsetzten Schrofengelände hat das Team die Verwindungssteifigkeit getestet.
Qualität
Jeweils einen Punkt gibt es für die Zungenfixierung, die Einlegesohle, die Ausführung und Funktion der Schnürung sowie die allgemeine Verarbeitung der Schuhe. Mit vier Einzelpunkten konnte ein Schuh die maximale Punktzahl erreichen.
Preis
Hier gab es 5 Punkte für den günstigsten und 1 Punkt für den teuersten Schuh. Grundlage sind die empfohlenen Verkaufspreise.
Testsieger
Aus den Netzdiagrammen, die sich bei vielen Tests bewährten haben, lassen sich auf einen Blick die Vorzüge und die Einsatzbereiche der halbhohen Trekkingschuhe herauslesen. Dass es bei den qualitativ durchgehend hochwertigen Produkten keinen eindeutigen Sieger gibt, ist nicht weiter überraschend: Zu unterschiedlich sind nicht nur die Konzepte, sondern auch die eingesetzten Materialien und Passformen.
 
Christoph Ebert, Christof Schellhammer und Wolfgang Pohl
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 08/2016. Jetzt abonnieren!
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