Herbsttouren in den Bayerischen Alpen

Bayerische Südhangschmankerl - Sonnige Herbsttouren

Zuerst knirschen gefrorene Grashalme unter den Schritten. Keine Viertelstunde später wandert der Fleecepulli in den Rucksack. Wenn der Winter nicht richtig kommen will, dann ist es Zeit, die Wandersaison auf der Sonnenseite der Berge zu verlängern.
Von Michael Pröttel

 
Bayerische Südhangschmankerl - Sonnige Herbsttouren © Michael Pröttel
Sonnentour: Auf dem Gipfelkamm der Scheinbergspitze reicht die Sicht bis zum Forggensee.
Der Atem kondensiert zu Dampfwölkchen. Lange Eisnadeln überziehen die Bachsteine im Lindergrieß in den Ammergauer Alpen mit einem im Sonnenlicht funkelnden Pelz. Drei Tage vor dem meteorologischen Winterbeginn machen auch die mit Rauhreif bedeckten Talfichten unmissverständlich klar: Die kalte Jahreszeit liegt auf der Lauer. Doch den Wetterumschwung wissen Viola und Walli zu verhindern. Die beiden außergewöhnlich stabilen Hochdruckgebiete gaben sich im November vergangenen Jahres die Klinke in die Hand. Der Altweibersommer strahlte bis in die Adventszeit. Ski-Openings? Fehlanzeige! Was Liftbetreiber, Freerider und passionierte Skitourengeher an den Rand der Verzweiflung brachte, freute vor allem diejenigen Sommerbergsteiger, die genau wissen, welche Berge im Spätherbst angesagt sind.

T-Shirt-Bergsteigen Ende November

Ein solches »Südhangschmankerl« versteckt sich auf der Rückseite der Ammergauer Scheinbergspitze. Nur ein Bruchteil der Skitouren-Legionen, die den lawinensicheren Klassiker von Norden her überrollen, weiß: Über den südseitigen Sommerweg erreicht man per pedes ohne Drahtseil und Klettereinlage den höchsten Punkt. Erst knirschen gefrorene Grashalme unter den Schritten. Und keine Viertelstunde später verschwindet der Fleecepulli auch schon im Rucksack. Der blätterlose Bergmischwald hindert die Herbstsonne kaum daran, den Berghang zügig zu erwärmen.

T-Shirt-Bergsteigen Ende November hängt vom Wetter und vom richtigen Standort  ab. Besitzer von Photovoltaikanlagen wissen: Die Energieausbeute ist am größten, wenn das Sonnenlicht im rechten Winkel auf die Solarzellen trifft. Und das kommt bei der steilen Südflanke der Scheinbergspitze und dem kurz vor Winteranfang sehr niedrigen Sonnenstand ziemlich gut hin.

Wenn die Massen weg sind

Lichter Wald auf steilem Südhang. Die Aufstiegskomposition am Wank ist durchaus mit der Scheinbergspitze zu vergleichen. Was man von der Frequentierung des Bergs im Südwesten des Estergebirges weniger behaupten kann. Kenner machen daher in der Hochsaison um den Garmischer Panoramagipfel einen weiten Bogen und steigen erst gegen Ende Oktober auf. Wer die grandiose Aussicht auf Wetterstein, Karwendel & Co. möglichst allein genießen möchte, wartet eine weitere Woche und somit die Revisionszeit der Wank-Bahn ab. Diese wird jährlich ab Anfang November vor dem Start in die Wintersaison technisch überholt. Seilbahntouristen, welche die finalen Höhenmeter echter Bergwanderer mitleidig begaffen, sind im Voradvent also nicht zu befürchten. Eine Gipfelbrotzeit zum Würzen der reichhaltigen Aussicht muss man im November freilich selbst mitnehmen. Denn das Wank-Gipfelhaus hat zur gleichen Zeit wie die Bahn (in diesem Jahr übrigens ab dem 4. November) Betriebsurlaub.

Hochalm: Kleiner Berg mit großer Aussicht

Den haben sich die Besitzer der Hochalm anscheinend schon vor vielen, vielen Jahren genommen. Jedenfalls sind von den früheren Gebäuden der Alm nur noch die Mauerreste zu sehen. Das und der Umstand, dass die Hochalm weniger ein echter Gipfel als ein grüne Wiesenkuppe ist, tut dem landschaftlichen Reiz des Aufstiegs nicht den geringsten Abbruch. Die Wanderung auf diesen kleinen Berg ist einfach ein Genuss. In die kristallklaren, am Weg liegenden Gumpen werden in dieser Jahreszeit zwar höchstens Eisschwimmer springen. Umso mehr Spaß macht es vor allem Kindern, im bunten Herbstlaub zu »baden«. Positiver Nebeneffekt des am Boden liegenden Blattwerks: Der kahle Bergmischwald gibt spannende Ausblicke frei, die den Wanderer schon beim Anstieg in helle Freude versetzen.

Roßstein, Guffert, Blauberge. Rofan, Karwendel, Wetterstein. Und dann sogar noch der Großglockner. Während eine dicke Hochnebeldecke langsam an der Hochalm-Nordseite hochkraxelt und den Blick ins Isartal verwehrt, stört keine Wolke die Aussicht nach Süden.Der Nebel bleibt am Nordhang, der Abstieg über die Südflanke sonnig. Erst auf der Rückfahrt zeigt sich, dass der Nordnebel das vom Buchstein über die Hochalm zum Staffel ziehende Bollwerk an seiner Schwachstelle am Sylvensteindamm zu durchbrechen vermag.

Sunset am Sonntratn

Nicht nur Romantiker wissen, dass es zu den schönsten Bergerlebnissen zählt, einen Sonnenuntergang am Gipfel zu erleben. Im Sommer braucht man dafür große Geduld und auf längeren Touren eine gute Stirnlampe für den Abstieg. Am Sonntratn kann man im Spätherbst auf beides verzichten. Schon der Name des über dem Isartal bei Gaißach liegenden Aussichtsbalkons verrät, dass es sich um einen »zur Sonn’drahtn« Südhang handelt. Da sich die Sonne Ende November etwa um halb fünf hinter dem Brauneck verabschiedet, ist 15 Uhr die perfekte Startzeit. Schließlich beträgt die Aufstiegszeit dieses »Langschläfer-Südhangschmankerl« bei normalem Tempo nicht einmal eine Stunde. Allzu kurz vor Sonnenuntergang sollte man aber auch nicht oben ankommen.

Je tiefer das Zentralgestirn sinkt, desto länger werden die Schatten der das Isartal prägenden, parallelen Baumreihen. Es gibt wohl keinen Platz im Isarwinkel, von dem aus sich dieses Spektakel besser beobachten ließe. Vermutlich werden nicht einmal leidenschaftliche Skitourengeher (zu denen übrigens auch der Autor gehört) in einem solchen Moment heftige Schneefälle herbeiwünschen.
Text und Fotos: Michael Pröttel
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 12/2012. Jetzt abonnieren!
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