Klappt gut: Falt- und Teleskopstöcke im Test | BERGSTEIGER Magazin
BERGSTEIGER Testbericht: Wanderstöcke

Klappt gut: Falt- und Teleskopstöcke im Test

Der Einsatz von Wanderstöcken macht das Gehen am Berg in vielen Situationen sicherer, leichter und gesünder. Moderne Falt- und Teleskopstöcke sind so kompakt, dass nichts mehr gegen eine Mitnahme spricht. Wir haben 12 aktuelle Modelle unter die Lupe genommen. (Aus BERGSTEIGER 03/2016)
 
In vielen Situationen sind Wanderstöcke nicht zu unterschätzende Helfer. © Komperdell
In vielen Situationen sind Wanderstöcke nicht zu unterschätzende Helfer.
Falls noch jemand über den Zweck von Wanderstöcken sinnieren sollte: 2011 führten britische Mediziner eine Studie am Snowdon, dem höchsten Berg von Wales durch. 26 Männer und 11 Frauen wurden mit und ohne Stöcke den Berg hinauf- und wieder hinunter geschickt (756 Höhenmeter). Die Herzfrequenz unterschied sich zwar nicht, allerdings war das körperliche Belastungsempfinden im Aufstieg (gemessen nach der Borg-Skala, die neben der Herzfrequenz auch subjektive und psychologische Elemente miteinbezieht), bei der mit Stöcken ausgestatteten Gruppe konstant niedriger.

Laut den Forschern verringerte der Einsatz von Stöcken außerdem die Hinweise auf beschädigte Muskeln, sie reduzierten das Verletzungsrisiko und halfen zudem – das ist das Hauptergebnis der Studie – die Muskeln am Tag nach der Belastung funktionsfähig zu halten.

Egal ob für den knieschonenden Abstieg, den kraftsparenden Aufstieg oder als Gleichgewichtshilfe: Wanderstöcke haben sich durchgesetzt. Zwar empfehlen aktuelle Lehrbücher, gelegentlich auf Stöcke zu verzichten, um den Gleichgewichtssinn zu erhalten. Im Grunde gehören sie aber so selbstverständlich zur Ausrüstung wie Bergschuh und Rucksack. Dementsprechend innovativ ist die Branche: Carbon statt Alu und Falt- statt Teleskoptechnik sind die aktuellen Trends. Zeit, wieder einmal einige Modelle unter die Lupe zu nehmen.

Diese 12 Wanderstöcke haben wir getestet:

Drei Fragen: Falttechnik? Material? Klemmung?

Bevor man im Fachgeschäft eine Wahl trifft, lässt sich anhand von drei Kriterien eine Vorauswahl treffen. Natürlich spielt auch das Budget eine Rolle: Die getesteten Stöcke lagen mit 40 bis 150 Euro im Preis teils enorm weit auseinander. Gut bezahlen lassen sich die Hersteller besonders die Falttechnik.

Die vier zusammenklappbaren Modelle waren die teuersten im Test. Ihr großer Vorteil: Mit Packmaßen unter 40 cm sind sie so klein, dass sie gut in Tagesrucksäcken Platz finden und nicht außen am Rucksack verzurrt werden müssen – nicht nur auf Klettersteigen ein Vorteil. Ein Nachteil ist, zumindest theoretisch, ihre wegen der vielen Segmente geringere Steifigkeit. In der Praxis kann sich ein guter Faltstock aber genauso steif anfühlen wie ein durchschnittlicher Teleskopstock.

Faltbare Wanderstöcke














 
Faltbare Wanderstöcke lassen sich Dank ihres kleinen Packmaßes wirklich auf jede Tour mitnehmen.

Ein Faltstock sollte durch die obersten beiden Segmente über etwa 20 cm verstellbar sein. Bei allen vier Modellen war dies vorbildlich über nachjustierbare (Leki sogar werkzeugfrei über Rändelschraube) Außenklemmungen möglich. Während bei Leki und Black Diamond der restliche Stock wie eine Lawinensonde ausgeworfen und über einen Metallbolzen in Sekundenschnelle arretiert wird – ein sehr praktisches Verfahren –, sind beim Carbon Expedition Tour 4 von Komperdell die Faltsegmente einzeln zu verschrauben.

Zudem versäumte es Komperdell, die Hülsen des Carbonstocks wie die oben genannten Hersteller mit Metall zu verstärken und die stark gespannte Verbindungsschnur zu ummanteln. Hier droht mit der Zeit ein Abscheren der Schnur. Mutmaßlich unabhängig davon löste sich am selben Stock während des Aufstiegs auf einer Testskitour das Plastikgewinde des oberen Carbonsegments und rutschte in das untere.

Neben der Frage Falt- oder Teleskopstock spielt auch das verwendete Material eine Rolle. Carbon verspricht gegenüber Aluminium ein unübertrefflich leichtes Gewicht bei hoher Steifigkeit (Black Diamond Distance Carbon FLZ, Leki Micro Vario Carbon und Komperdell C3 Carbon Compact). Je nach Belastungsrichtung sind die Kohlefasern aber auch anfälliger für Schäden.

Zwar gibt es in der Bruchfestigkeit von Carbon Fortschritte und auch Alustöcke können durch falsche Belastung abknicken. Dennoch empfiehlt nicht nur der Bergsportfachhändler Bergzeit seinen Kunden, für grobes Block- und Schottergelände zu Aluminiumstöcken zu greifen, zumal auch die sehr leicht sein können (Fizan Compact). Ein sinnvoller Kompromiss sind Carbonstöcke mit metallenen Untersegmenten, wie sie Komperdell anbietet.

Wanderstöcke Spitzen



 
Anti-Shock-Systeme dämpfen Lastspitzen ab.

 

Die dritte Systemfrage bezieht sich auf die Art der Klemmung. Die Hersteller Leki, Komperdell und Black Diamond haben an den meisten Modellen nur noch Außenklemmungen verbaut. Klare Vorteile sind die größeren Haltekräfte, die Nachjustierbarkeit und die auch mit Handschuhen problemlose Bedienung: Hebel zu, fertig. Zudem sind die Außenklemmungen inzwischen so zierlich, dass sie auch der Optik keinen Abbruch tun.

Innenklemmungen sind dagegen leichter und günstiger in der Herstellung, Stöcke mit Anti-Shock-Technologie sind zudem konstruktionsbedingt nur mit innenliegender Spreizklemmung möglich. Innenklemmungen mögen veraltet anmuten, sind aber besser als ihr Ruf – sofern sie richtig zugedreht sind, was mühsam sein kann und stets eine Gratwanderung ist, denn bekanntermaßen gilt: »Nach fest kommt ab«. Zudem sind die sich im Rohrinneren verspreizenden Plastikkeile klassische Verschleißteile.

Griff und Schlaufe: entscheidende Details

Neben diesen »Systemfragen« können kleinere, aber wichtige Details kaufentscheidend sein. Zuallererst betrifft das Griff und Schlaufe. Mehrheitlich wird EVA-Schaumstoff als am angenehmsten empfunden. Komperdell und Kohla verbauen ihn eher weich, Leki, Fizan und Black Diamond eher hart.

Auch der Naturkorkgriff vom Alpine FLZ von Black Diamond fasst sich sehr angenehm, wird zudem bei Hitze nicht rutschig. Haltbar, aber wenig handschmeichelnd sind Plastik-, Gummi- und Kunstkork-Griffe (Leki, Kohla). Eine verlängerte Manschette unter dem Griff ist nicht nur etwas für Skitourengeher, sondern auch beim Bergwandern zum Umgreifen im Aufstieg oder bei Querungen steiler Hänge zweckdienlich; nicht bei allen Stöcken ist sie verbaut.

Bei der Griffform gilt: sie muss passen. Leki und Kohla verbauen stark vorgeformte Griffe, die guten Halt bieten – oder störend wirken können. Gerade deshalb empfiehlt sich, die Stöcke selbst in die Hand zu nehmen.

Griffe Wanderstöcke



 
Die Qual der Wahl: Welcher Griff soll es sein?

Bei den Schlaufen gefielen uns die weichen und breiten, dünn mit Neopren gepolsterten von Komperdell am besten. Andere sind recht üppig, andere gar nicht gepolstert; die rauhen, aufreibenden Gurtschlaufen von früher verbaut aber niemand mehr. Auch die Verstellbarkeit der Schlaufen ist inzwischen bei so gut wie allen Modellen problemlos über einen zu lockernden Keil im Griff möglich. Einzig Leki hat bei seinen Aergon-Griffen eine noch komfortablere Lösung ersonnen – die zumal mit dem für Fotografen hochinteressanten Photoadapter für wenig Geld zum Einbeinstativ umfunktioniert werden kann.

Zu guter Letzt spielt auch der Tellerwechsel für Alljahrestauglichkeit eine Rolle. Bis auf den Distance Carbon FLZ von Black Diamond kann bei allen Modellen (mit mehr oder weniger Krafteinsatz) ein Wechselteller aufgezogen werden, der nicht immer zum Lieferumfang gehört. Ein Spitzenschutz ist Standard, bei Black Diamond liegen sogar einzeln einschraubbare Stockspitzen für Teer und für Gelände bei.

Das Resümee

Während mit dem Einzug von Carbon weiter an der Gewichts- und Steifigkeitsschraube gedreht wird, ist die bedeutendste Neuerung in der Stockbranche zweifellos der Faltstock. Das Arretierkonzept der Faltstöcke von Leki und Black Diamond überzeugte in der Praxis, die leichten Steifigkeitseinbußen gegenüber Einteilern oder guten Teleskopstöcken werden durch das geringe Packmaß mehr als wettgemacht.

Außerdem erweisen sich die immer weiter entwickelten Außenklemmungen als deutlich bedienfreundlicher als das Auf- und Zudrehen der Innenklemmungen. Die großen Hersteller eine enorm breite Produktpalette an, fast jeden Carbonstock gibt es auch als Aluversion und in verschiedenen Längen. So wird garantiert jeder fündig. 

Wanderstöcke: Tipps und Infos

  • Stockpflege: Nach einer Tour empfiehlt sich, die Stöcke auf Schäden zu prüfen. Falls sie nass geworden sind – und nur dann – die Segmente ganz voneinander lösen und trocknen lassen, um Korrosion im Inneren zu vermeiden. Sollten die Segmente rauh laufen, keinesfalls mit Öl oder Fett nachhelfen, das verringert die Klemmkraft . Sollten die Rohre stark verschmutzt sein, kann man sie mit Ballistol reinigen. An den Klemmungen sollte man nur bei Bedarf herumschrauben (auch Innenklemmungen können nachjustiert werden). Bei Spreizklemmungen regelmäßig den Plastikkeil auf Verschleiß prüfen.
  • Stocklänge und -technik: Die Stocklänge ermittelt man, indem man sie im flachen gelände mit im 90-Grad-Winkel angelegten Armen genau den Boden berühren lässt. Ganz grob funktioniert auch, die Körperlänge mit 0,68 zu multiplizieren. Für Abstiege bietet sich eine Verstellung um +10, in steilen, längeren Aufstiegen um -5 Zentimeter an. Durch die Handschlaufen fädelt man von unten ein, sonst können sie keine Last abstützen. Den Stock vor dem Fuß aufzusetzen, bremst beim Aufstieg. In Traversen fasst man den bergseitigen Stock kürzer (Manschette), in Steilabstiegen setzt man die Stöcke parallel auf.
  • Klemmung: Neuralgischer Punkt. Im Trend liegen Außenklemmungen, aber auch Spreizklemmer und Arretierbolzen sind verbreitet
  • Griff: Gut verstellbare Schlaufe, angenehmes Griffmaterial, Manschette zum Umgreifen – das sollte ein Stock bieten
  • Kernmantel: Bei Faltstöcken aus Carbon sollten die Hülsen metallverstärkt und die Verbindungsschnüre ummantelt sein.
Thomas Ebert
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2016. Jetzt abonnieren!
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