Simon Messner im Interview: "Das Verhältnis zu meinem Vater war nie ganz einfach"

Simon Messner im Interview: "Das Verhältnis zu meinem Vater war nie ganz einfach"

Als Sohn von Reinhold Messner wäre Simon Messner allein schon durch seinen Namen der Durchbruch als Profi-Alpinist leichtgefallen. Das wollte er aber nie. Im Interview mit dem Bergsteiger spricht er über Zusammenhalt in der Familie, seine Höhenangst und die Gefahren sozialer Medien.
 
Simon Messner © Salewa/Storyteller Labs
Simon Messner im Bergsteiger-Interview

Bergsteiger: Sie bezeichnen sich auf Ihrer Homepage als Alpinist und Freelancer. Eigentlich aber haben Sie Mikrobiologie studiert. Ärgern Sie sich manchmal, dass Sie Ihrem Studienfach nicht treu geblieben sind?

Simon Messner: Ich habe nach dem Studium noch eineinhalb Jahre im Labor gearbeitet. Klar war das spannend. Aber wenn man heutzutage Forschung betreiben will, muss man enorm viel Zeit investieren, um nicht unterzugehen. Ich hab das nicht gepackt, ich brauche zumindest meine paar Stunden in der Woche, in denen ich nach draußen kann. Einen Mittelweg zu finden, der beides zulässt, das ist in der Forschung leider fast nicht möglich.


Stattdessen produzieren Sie nun gemeinsam mit Ihrem Vater Reinhold Bergfilme.  

Für uns beide war das absolutes Neuland. Reinhold agiert vor der Kamera, das kennt er natürlich, ich habe das Technische und Administrative übernommen. Mal wieder habe ich gesehen, dass man mit viel Motivation in kurzer Zeit sehr viel lernen und sich selbst beibringen kann. Derzeit finde ich das Thema Film sehr spannend.


Wie harmonieren Sie und Ihr Vater als Team?

Ich denke, es ist in keinem Familienbetrieb einfach. Aber wir haben gemerkt, wenn jeder seinen Aufgabenbereich hat, funktioniert es. Diese klare Trennung braucht es unbedingt. Der Reinhold und ich sind charakterlich sehr unterschiedlich. Ich etwa bin auch gerne für mich und muss nicht in der Öffentlichkeit stehen. Beim Reinhold ist das schon Teil seiner Persönlichkeit. Insgesamt glaube ich, dass wir genau von dieser Unterschiedlichkeit profitieren. Wir ergänzen uns.


Sie machen regelmäßig auch mit anspruchsvollen Erstbegehungen auf sich aufmerksam, betonen aber, kein Profi-Alpinist zu sein – und sein zu wollen. Weshalb?

Um heute ganz vorne mit dabei sein zu können, muss man ein unglaublich hohes Niveau mitbringen. Das fehlt mir. Zudem bin ich kein Trainingsmensch. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass man das auch gar nicht muss. Eine Besteigung muss nicht zwingend ein neuer Rekord sein, es sollte für denjenigen, der das Bergsteigen betreibt, eine Herausforderung darstellen.

Ich sehe es als große Bereicherung für mich selber und will mich da auf keinen Fall zu viel in eine Richtung leiten lassen. Das WIE steht bei mir ganz klar an erster Stelle. Wenn ich sehe, wie viel in den sozialen Medien gestellt wird, schreckt mich das eher ab. Es ist inzwischen schwer zu sagen, wer ehrlichen Alpinismus betreibt und wer einfach nur am lautesten schreit.

Simon Messner
Immer wieder ist Simon Messner am Fels aktiv. Foto: Salewa/Storyteller Labs

Eine Entwicklung, die nicht nur den Alpinismus betrifft.

Ja, es ist ein globales Phänomen. Soziale Medien schaffen eine Art Parallelwelt, die mit der Realität oft nicht viel zu tun hat. Vor allem auf Instagram, wo viel mit Bildern kommuniziert wird, aber wenig mit Inhalten. Das verleitet zur Manipulation. Man muss wissen, dass dahinter sehr feine Algorithmen stehen, die genau wissen, was gut ankommt und was nicht.

Das Skurrile daran ist, dass es keinen der Beteiligten zufrieden macht. Die Influencer nicht, weil sie ja genau wissen, dass sie das, was sie da vorgeben, eigentlich nicht halten können. Die Nutzer nicht, weil sie immer das Gefühl haben, im Gegensatz zu dem was sie sehen, ein langweiliges Leben zu führen. Und den Alpinismus kostet es ganz viel Glaubwürdigkeit, das finde ich besonders schade.


Eine klassische Lose-lose-lose-Situation.

Absolut. Ich denke, das Thema wird noch brisanter werden. Aber vielleicht, das ist meine Hoffnung, wird es irgendwann einfach langweilig. Im Prinzip ist es ja wie "Bunte" lesen: Klatsch und Tratsch, auf jeden zugeschnitten. Natürlich funktioniert das eine Zeit lang. Ich hoffe nur nicht zu lange.


Wie halten Sie selbst es mit den sozialen Medien?

Auch ich habe einen Instagram-Account. Ich habe mich lange dagegen gewehrt, weil ich den Sinn nicht verstehen konnte. Wieso schauen sich Leute willentlich Werbung an? Aber ja, ich habe einen Instagram-Account. Dabei  versuche ich einen Mittelweg zu finden, nichts überspitzt darzustellen und nicht jeden Tag etwas zu posten. Less can be more – das ist auch hier meine Devise.
 

Gegen seinen eigenen Instagram-Account hatte sich Simon Messner lange gewehrt.

Sie sind erst spät zum Klettern gekommen. Warum? Sie hatten in Südtirol die Berge vor der Haustür, und auch im Alltag war das Thema doch sicher präsent?

Das stimmt. Als Kind waren Geschichten wie die von Hermann Buhl am Nanga Parbat unsere Gute-Nacht-Geschichten. In Gedanken und Träumen bin ich da jedes Mal mitgestiegen. Aber interessanterweise kam ich nie auf den Gedanken, es selber zu probieren. Das kam erst mit 16 oder 17 durch eine Freundesclique.

Mit meinen Eltern gingen wir eigentlich kaum ins Gebirge. Ich glaube, sie wollten uns nicht in diese Richtung drängen. Und das war gut, denn so habe ich es für mich selber entdeckt. Und jede Leidenschaft will selbst entdeckt werden, so ist das nun mal.


Haben Sie Ihre Höhenangst auch erst dann bemerkt?

Dass sie so stark ist, habe ich tatsächlich erst dann gemerkt. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Und ich glaube, dass dieses ganz starke Unwohlsein, sobald es ausgesetzt wurde, ein großer Faktor war, der mich am Klettern fasziniert hat. Natürlich kannte ich auch andere Ängste, aber so eine ganz urtümliche Angst - eine so essenzielle Angst! - die war mir neu und hat mich enorm fasziniert.


Sprechen Sie sich deshalb immer wieder dagegen aus, Kletter-Routen zu sehr abzusichern?

Auch wenn es widersprüchlich klingen mag, aber das Bergsteigen lebt auch von der Tatsache, dass es gefährlich ist. Niemand will sich verletzen oder umkommen, aber die Möglichkeit muss da sein, damit man dieses starke Erlebnis überhaupt haben kann. Sonst ist es Sport, aber nicht Alpinismus. Und ich fände es schade, wenn wir existierende Routen übersanieren würden. Den Routen und auch den Erstbegehern wegen.

Die Kletterer haben sich ja auch ausgedrückt durch ihr Tun. Und wir sollten den nächsten Generationen die Möglichkeit erhalten, diese Routen zu wiederholen und nachzuempfinden. Ohne zusätzliche Bohrhaken, denn dann wären es nicht mehr die gleichen Routen.

Simon Messner
Seine eigene Höhenangst fasziniert Simon Messner. Foto: Salewa/Storyteller Labs

Sie reisen auffallend oft zum Klettern in den Oman. Was gefällt Ihnen dort so gut?

Diese Weite und die Wüste haben mich schon immer fasziniert. Ich wollte als Kind beispielsweise auch nach Amerika auswandern, weil es dort flach ist. Als ich 13 war, hat mich der Reinhold mitgenommen in die Sahara, wo wir eine Salzkarawane begleitet haben. Das war bis heute die größte Erfahrung, die ich gemacht habe.

Die Wüste zwingt einen, in sich zu kehren. Außerdem faszinieren mich Orte, die so weit ab vom Schuss sind, dass man dort keine Leute trifft, außer vielleicht ein paar Einheimische.


Was bedeutete diese Wüstendurchquerung als 13-Jähriger für das Verhältnis zu Ihrem Vater?

Das Verhältnis zwischen uns war nie ganz einfach, weil er früher viel weg war. Wir Kinder (Simon sowie die Schwestern Magdalena, 33 und Anna (19), Anm. d. Red.) kannten das nur so. Erzieherisch war er damit nie involviert. Das war kein Problem für uns. Aber es ist schwierig, wenn einem jemand etwas mitgeben will, der nie wirklich da war. Zunächst stand das ein bisschen zwischen uns. Aber mittlerweile haben wir das im Griff.

Ganz grundsätzlich ist es natürlich nie einfach, mit einem Elternteil aufzuwachsen, der so in der Öffentlichkeit steht. Als Kind wird man automatisch nach den Eltern beurteilt und jeder geht davon aus, dass man ähnlich denken müsse wie die Eltern. Ganz befreien werde ich mich davon wohl nie können. Ich weiß, dass ich immer als der Sohn des Reinhold Messner gesehen werde. Damit muss ich umgehen lernen und meinen Weg finden. Ich denke, das ist ein lebenslanger Prozess.
 

Zur Person: Simon Messner

Simon Messner, 1990 geboren, studierte in Innsbruck Mikrobiologie und gründete gemeinsam mit seinem Vater 2017 die Filmproduktionsgesellschaft Messner Mountain Movie. Gleichzeitig kümmert er sich um zwei Bergbauernhöfe seines Vaters in Südtirol, die derzeit verpachtet sind. Darüber hinaus ist er als leidenschaftlicher Kletterer viel in den Bergen der Welt unterwegs und realisiert regelmäßig anspruchsvolle Erstbegehungen, zuletzt etwa in Pakistan. Gemeinsam mit seiner Freundin lebt er in Innsbruck.

Simon Messner
Simon Messner mit Philipp Prünster nach der Eröffnung einer Neutour am Heiligkreuzkofel. Foto: Salewa/Storyteller Labs
 
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Interview: Bettina Willmes