Ralf Dujmovits: »Wir haben uns als Paar verloren« | BERGSTEIGER Magazin
Ralf Dujmovits im Interview

Ralf Dujmovits: »Wir haben uns als Paar verloren«

Vor dreißig Jahren begann Ralf Dujmovits, Achttausender zu besteigen. Vor zehn Jahren  hatte er alle 14 Gipfel erreicht. Diese Leistung hat bis zur Stunde kein anderer deutscher Alpinist geschafft. Auf etlichen 8000ern stand er zusammen mit Gerlinde Kaltenbrunner, seiner damaligen Ehefrau. Ein Gespräch über die gescheiterte Beziehung, den »Makel« Everest und Lehren aus der Vergangenheit
 
In den hohen Bergen der Welt zuhaus: Ralf Dujmovits © Nancy Hansen
In den hohen Bergen der Welt zuhaus: Ralf Dujmovits
BERGSTEIGER: Mount Everest – die ewige Versuchung. Wollen Sie tatsächlich noch ein weiteres Mal rauf?
RALF DUJMOVITS: Als ich 2017 von meinem gescheiterten Versuch zurückkam, bei dem ich auf 8600 Metern umgedreht war, war für mich erst einmal klar: Jetzt reicht’s! Ich hatte einfach schon zu viel Zeit reingehängt. In der Folgezeit gestaltete sich das Gefühl dafür wellenartig. Mal zog es mich regelrecht hin, dann lehnte ich es wieder völlig ab. Ich führte viele Gespräche, vor allem mit meiner Ehefrau Nancy. Vom Körperlichen her habe ich das Gefühl, dass es schon noch gehen würde.

Mit 57 noch keine Abbauerscheinungen?
Nein, ich fühle mich noch stark. Beim Training muss ich keine großen Abstriche machen, außer dass ich intelligenter trainieren muss  – wegen der Regeneration. Aber ich sehe inzwischen die massive Zeit, die ein solches Projekt verschlingen würde.

Haben Sie die Zeit nicht?
Für mich ist das alpine Sportklettern immer wichtiger geworden, auch wenn das nicht meine Paradedisziplin ist. Nach einer Everest-Expedition ohne zusätzlichen Sauerstoff müsste ich wieder zwei Schwierigkeitsgrade unter meinem derzeitigen Niveau anfangen – für das ich hart trainiert habe.

Woran liegt das?
In der Höhe baut der Körper alle Muskulatur ab, die er dort oben nicht braucht. Der Körper verdaut sich gewissermaßen selbst. Gerade die Muskulatur, die für die Körperspannung wichtig ist, ist nachher weg. Man steht vor dem Spiegel, und es schießen einem die Tränen in die Augen.

Die Lust auf Training ist vermutlich auch nicht besonders hoch nach einer Achttausenderexpedition.
Genau. Du bist ausgezehrt und müde. Mindestens ein Vierteljahr ist dann kaputt. Je älter ich werde, desto wichtiger ist mir jeder Tag und was ich mit ihm mache. Ich lebe viel bewusster, und das hat sich mit jedem Jahr intensiviert. Ich will einfach nicht noch einmal so viel Zeit dranhängen für einen achten Versuch. Ich wäre dann auch mit Abstand der Älteste, der es ohne zusätzlichen Sauerstoff schaffen könnte. Das ist es mir nicht wert.

Klingt nach klarer Entscheidung.
Der Käs ist für mich bissn, ja. Ich war 1992 auf dem Südgipfel des Everest ohne Sauerstoffflaschen. Von den fehlenden 100 Metern kann ich mich verabschieden.

Trotz Ihres Ehrgeizes, den Makel zu tilgen?
Es war mein eigener Antrieb, das ist richtig. Ich hätte es einfach gerne für mich zu Ende gebracht und hätte mich als Profi gefreut, sagen zu können: »Ich stand auf allen 14 Achttausendern ohne zusätzlichen Sauerstoff.« In ein paar Jahren erinnert sich daran wahrscheinlich schon keiner mehr.

Für den ganz großen Teil selbst der bergbegeisterten Menschen dürfte die Frage »mit oder ohne« eine relativ marginale Rolle spielen.
Klar, natürlich und ja, leider. Der breiten Masse ist es ungefähr genauso wichtig, wie wenn in Japan ein Sack Reis umfällt.

Es hätte zudem Züge einer Obsession, wenn Sie es noch einmal versuchen wollten.
Das soll es nicht werden. Ich bin kein obsessiver Mensch, sondern einer, der sehr viel Begeisterung an Projekte dranhängt und auch viel Aufwand betreibt, um Ziele zu erreichen. Aber eben nicht in dem Ausmaß, dass es zur Obsession wird.

Letztlich hängt bei einer Everest-Expedition sehr viel von den Umständen ab. Es hätte wieder nicht klappen können.
Tagesform, Wetter – da hat man sehr wenig Einfluss drauf. Es hängt davon ab, wie du am letzten Lager ankommst, wie du die Nacht rumbringst, wie du den nächsten Morgen starten kannst. 2017 hatte ja alles gepasst, ich bin pünktlich aus dem Zelt raus, um 1 Uhr sind wir gestartet. Vorher trank ich noch einen Becher Zitronensaft, worauf mir das halbe Essen aus dem Gesicht fiel. Das hat mich mental heruntergerissen und auch meine Leistungsfähigkeit beim Aufstieg eingeschränkt. Ich fühlte mich einfach schlecht, und dann kam auch noch ein starker Wind dazu. Ich wollte mir keinen gesundheitlichen Schaden zufügen.



Sie waren ja in der berüchtigten Todeszone.
Ich hatte mir vorher die Statistiken angeschaut. Viele derjenigen, die auf zusätzlichen Sauerstoff verzichtet hatten, kamen im Abstieg ums Leben.

Weil ihnen die Kräfte ausgingen?
Fehlende Kräfte, aber vor allem die starke Unterkühlung. Du atmest ja die ganze Körperwärme ab. Irgendwann ist die Gefahr groß, einen Herzstillstand zu bekommen.

Die einzige Möglichkeit, die Nacht in einer Höhe von über 8000 Metern zu vermeiden, wäre eine Speedbegehung, wie sie Kilian Jornet vom Basislager aus gemacht hat?
Kilian hat für mich eine Leistung aus einer anderen Welt erbracht. Als ich von 8300 Metern abstieg, traf ich ihn bei seinem zweiten Aufstieg. Wir sprachen für einen Moment miteinander. Ich habe größte Hochachtung für ihn. Auch wenn manche Zweifel an seiner zweifachen Everest-Besteigung äußern, ich glaube ihm. Für mich ist der Kilian ein aufrechter Mensch.

Seine unglaubliche Fitness hat er ja beim Trailrunning und Skibergsteigen bewiesen.
Von seinen physischen Möglichkeiten her ist er so weit von den meisten von uns Alpinisten entfernt, dass man keine Chance hätte, in seine Nähe zu kommen, selbst wenn man ein Jahr Vollgas geben würde.

Also keine Option, den Everest wie Kilian anzupacken?
Ich hatte mir schon überlegt, von 7900 Meter aus zum Gipfel zu starten, also 400 Meter tiefer. Dort ist auf der Südseite das letzte Lager. Aber das sind nur noch marginale Unterschiede. Die Abnahme vom Sauerstoffpartialdruck ist eine umgekehrte Exponentialfunktion, das heißt, die Abnahme des Sauerstoffs in der Luft wird nach oben hin immer weniger. Man kommt an eine physiologische Grenze, was der Körper gerade noch so kann. Interessant, dass dies auch die Grenze ist, an der die Berge aufhören.

2009 haben Sie mit der Besteigung des Lhotse alle 14 Achttausender geschafft. Und Sie sind zehn Jahre danach immer noch der einzige deutsche Höhenbergsteiger, der auf allen 8000ern stand. Erfüllt Sie dies mit Stolz?
Je älter ich werde, desto mehr lebe ich im Jetzt. Das sind Lorbeeren von vorgestern. Ich weiß aber, dass diese Exklusivität mir von Sponsorenseite weiterhin mein Unterwegssein als Alpinist ermöglicht. Für mich selbst schöpfe ich nichts mehr daraus. Es macht mich nicht glücklicher, es macht mich nicht zu einem besseren Menschen.

Wenn Sie das Rad der Geschichte zurückdrehen könnten, würden Sie bei den 8000ern etwas anders machen?
Ich hatte viele Jahre lang Gerlinde (Kaltenbrunner; Anm. d. Red.) auf ihrem Weg unterstützt und damit mein eigenes Tun zum Teil in den Hintergrund gestellt. Wenn ich nochmals anfangen könnte, würde ich Gerlinde immer noch unterstützen. Ich würde aber schauen, dass ich noch in jüngeren Jahren das Ziel »Everest ohne« zu Ende bringen würde. Einfach schneller.

Hat Ihre Ehe mit Gerlinde durch das gemeinsame Projekt der 14 Achttausender eher gewonnen oder gelitten?
Wir hatten mit dem gemeinsamen Bergsteigen einige schöne und spannende Jahre. Als es auf das Ende von Gerlindes 14 Achttausendern zuging, kam sehr viel Stress in unser Leben. Mit Vorträgen, mit Reisen – wir sind viele Male in die USA gereist, weil Gerlindes letzte K2-Expedition von National Geographic gesponsert wurde. Die erwarteten viel, Gerlinde wurde dann auch als »Adventurer of the Year« ausgezeichnet, was gleich wieder eine Reise in die USA bedeutete. Das war zusätzlicher Stress zum eh schon sehr dichten Leben. Das tut einer Beziehung nicht gut.

Ein bisschen kürzer treten wäre nicht möglich gewesen?
Wir haben verpasst, mit diesem Stress besser umzugehen. Der Erfolg stand im Vordergrund. Wir haben prima funktioniert, haben uns aber als Paar ein Stück weit verloren. Um als liebendes Paar beieinander bleiben zu können, bedarf es eigener Anstrengung. Und die haben wir aus den Augen verloren. Man hat nur gewisse Energiereserven.



Ihre Lehren daraus?
In dem Moment, in dem ich sehe, dass Stress zum Beispiel in Folge von Terminen auf mich zukommt, versuche ich das soweit es geht vorzubereiten, so dass so wenig wie möglich Druck zu Hause entsteht. Dann bleibt es recht entspannt, denn solcher Stress darf nicht in die Beziehung hineingetragen werden. Ich bin glücklich, dass ich mit Gerlinde zusammen war. Wir hatten eine unglaublich intensive Zeit. Wahrscheinlich waren das einige der besten Jahre, die ich hatte. Ich weiß aber jetzt, dass ich die Fehler der Vergangenheit nicht noch einmal machen werde.

Höhenbergsteigen hat viel mit Motivation zu tun: dran bleiben, auch wenn’s schwierig und ungemütlich wird. Sie sprechen oft vor Managern, zum Beispiel von Daimler. Was geben Sie denen mit auf den Weg?
Die Essenz heißt: umkehren können und gesund zurückkommen. Bezogen auf Führungskräfte ist die Botschaft also, dass der Einzelne immer wieder auch auf sich schaut und nicht in einen Burnout hineinläuft. Denn auch Manager können nur dann gut sein, wenn sie bei sich selbst und gesund sind. Wenn du selbst zufrieden mit dir bist und zwischendrin Zeit für dich hast, dann kannst du auch anderen gut tun und verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen. Das ist meine Message. Ich war der zweite von denen, die alle Achttausender bestiegen haben, die noch alle Gliedmaßen haben. Alle anderen haben Zehen oder anderes eingebüßt. Umgekehrt an den 8000ern bin ich fast genauso oft, wie ich oben stand.

Und was ist Ihre Botschaft in Sachen Motivation?
Es geht meistens darum, Grenzen zu überwinden, die zum Beispiel durch Rückschläge entstanden sind.

Und wie macht man das?
Beim Sportklettern gibt es Stellen, an denen man immer wieder scheitert, man fällt also immer wieder ins Seil. Man muss dann an dem einen schwierigen Punkt arbeiten und den ganzen Vorlauf außen vor lassen. Ist der Durchbruch geglückt, gilt es, die ganze Route nochmals in Angriff zu nehmen. Wenn man sich dann der Grenze nähert, ist das Bewusstsein, dass man sie schon aufgelöst hat, entscheidend. Mein Tipp: Kleine Bausteine des Scheiterns herausnehmen, sich darauf voll fokussieren und nach der Lösung des Problems die ganze Aufgabe neu angehen.

Nach Reinhold Messners Definition ist das Bergsteigen eigentlich sinnlos und mithin eine unnütze Tätigkeit.
Finde ich nicht. Das Bergsteigen gibt mir die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, die ich verdichten und anderen berichten kann. Ich kann inspirieren, anderen Kraft mit auf den Weg geben. Dieser Tage hat mir eine übergewichtige Frau gesagt, sie habe angefangen gesünder zu leben, nachdem sie auf einem Vortrag von mir war. So etwas freut mich.

Letztlich hat Messner seine Erfahrungen ja auch in vielen Büchern und Vorträgen weitergegeben.
Mir sind meine Vorträge wichtig und ich gehe gerne und mit Begeisterung ran. Ich ziehe daraus einen persönlichen Wert.

Der Alpinismus steht vor einer Zäsur. Die hohen Berge – mit Ausnahme weniger Namenloser – sind alle bestiegen. Selbst bei den Winterbesteigungen der Achttausender fehlt nur noch der K2. Die einen Alpinisten wie Stefan Glowacz oder Robert Jasper setzen auf Abenteuer-Expeditionen in Grönland oder auf Baffin Island »by fair means«, andere wie Thomas Huber nehmen sich große Wände in der Höhe vor. Zerfasert der Alpinismus?
Nein. Die spannenden Ziele sind nach wie vor in China oder Tibet zu finden, weil man über die dortigen Berge noch wenig weiß. Der japanische Fotograf Tomatsu Nakamura hat dort Basisarbeit geleistet und mit seinen Bildern unbekannte Wände dokumentiert, die wahrscheinlich noch für zwei Generationen junger Bergsteiger interessant sein dürften. Das sind Ziele vor allem im Sechstausend-Meter-Bereich. Das Problem ist eher für die jungen Alpinisten, solche Leistungen für sich sprechen zu lassen.



Warum?
Es kann kein Mensch mehr wirklich nachvollziehen und einordnen. Das Spektrum ist in der Tat so weit aufgefächert – eben von der Speedbegehung der Eiger-Nordwand in 2:22 Stunden bis zur normalen Begehung –, dass es unheimlich schwer wird, eine Leistung an einem unbekannten 6000er zu beurteilen. Wenn du einen Namen hast wie Mick Fowler, dann wird das ernst genommen und findet Anerkennung. Für junge Leute ist es schwierig, solche Unternehmungen spannend darzustellen.

Heutzutage kann man dank Satellitenverbindung selbst aus Hochlagern live berichten, Live-Chats veranstalten. Im Jahr 1999 haben Sie 33 Stunden aus der Eiger-Nordwand live gesendet…
… was abends in der Tagesschau vermeldet wurde.

Wie viel Wert hat diese Medialisierung?
Ich glaube, in dem Moment, wo du als Bergsteiger authentisch bleibst und nichts übertreibst und in der Lage bist, das, was du tust, korrekt und gut darzustellen, ist dagegen nichts ein zuwenden. Und die Öffentlichkeit wird weiter daran Interesse haben. Solche Aktionen, wie wir sie damals am Eiger gemacht haben, wird es auch in Zukunft immer wieder geben. Es ist ein Riesenaufwand, aber letztlich das Mittel, in den Zeiten des Internets solche Unternehmungen noch präsentieren zu können.

Um Relevanz in breiterer Öffentlichkeit zu erreichen?
Ja. Damals war der Zuspruch riesig. Ich war neulich mit einem Journalisten von Wetter online am Jungfraujoch, um »live« etwas über die Wetter-Situation am Berg zu erzählen. Der hatte riesige Zugriffszahlen. Ich war völlig von den Socken, wie viele Leute sich das angeschaut haben.

Ist durch GPS-Tracking, Go-Pro-Kameras und so fort das Bergsteigen ehrlicher geworden, weil man sein Tun dokumentieren kann?
Ich denke, wenn du vom Bergsteigen als Profi leben willst, hast du die Verpflichtung, dich in irgendeiner Form auch auszuweisen. Dazu gehört die Dokumentation deiner Projekte. Solche Diskussionen und Gerüchte um Ueli (Steck; gemeint sind die Zweifel an seiner Annapurna-Südwand-Solodurchsteigung; Anm. d. Red.) und Kilian (Jornet; Zweifel an der zweifachen Everest-Speedbegehung) sind ungut. Das tut dem Alpinismus und den Athleten nicht gut. Insofern finde ich es richtig, solche Dokumentationen einzufordern. Es ist ja heutzutage auch recht einfach. Zu sagen, die Kamera sei runtergeflogen, ist ein viel schwierigeres Thema.

 
Interview: Michael Ruhland
 
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