Norbert Sandner: Klettern mit der Chaos-WG | BERGSTEIGER Magazin
Interview Norbert Sandner

Norbert Sandner: Klettern mit der Chaos-WG

Norbert Sandner hat die wilden Zeiten des Kletterns in Deutschland miterlebt. Sandner lebte vierzehn Jahre mit Wolfgang Güllich und Kurt Albert in der legendären fränkischen Kletter-WG in Oberschöllenbach. Die drei gehörten zur Spitze und prägten den Klettersport – bis heute.
 
Norbert Sandner lebte in der berühmten Kletter-WG mit Wolfgang Güllich und Kurt Albert. © privat
Norbert Sandner lebte in der berühmten Kletter-WG mit Wolfgang Güllich und Kurt Albert.

BERGSTEIGER: Herr Sandner, Sie entwickelten das legendäre Campusboard. Wie kamen Sie damals auf die Idee?
NORBERT SANDNER: Wolfgang Güllich, Kurt Albert und ich waren verantwortlich für die Sportkletterkurse an der Uni. Wir trainierten damals im »Campus«, einem Fitnessstudio in Nürnberg, merkten aber bald, dass das klassische Gerätetraining nicht zu uns passte. Ich habe mich dann gemeinsam mit Jerry Moffatt daran gemacht, ein effektives Trainingsgerät für uns Kletterer zu entwickeln. Und das war eben dieses Board.

Noch heute gehört ein Campusboard zur Grundausstattung jedes ambitionierten Kletterers. Haben Sie mit diesem Erfolg damals gerechnet? Überhaupt nicht! Das war einfach eine effektive Kiste für uns. Mehr nicht. Aber als Wolfgang damit für die »Action Directe «, die erste Kletterroute im Schwierigkeitsgrad XI trainierte, wurde das Campusboard berühmt.

Wie sah das Training von Güllich damals aus?
Er hat die Route mit dem Zentimetermaß auf das Board übertragen, genau die Abstände abgemessen und trainiert, trainiert, trainiert. Und nun sehen alle Campusboards der Welt aus, wie das, was ich damals 1988 erfunden habe. Die Amerikaner und Briten haben sogar den Begriff »campusing« für diesen Kletterstil ohne Fußkontakt übernommen.

Haben Sie sich die Erfindung patentieren lassen?
Ach wo, weder das Board noch den roten Punkt, den Kurt und ich 1975 erfunden haben. Wir waren ja total umstritten, da hat doch keiner damit gerechnet, dass wir weltweit bekannt werden würden. Aber wenn ich jetzt so zurückdenke, haben wir viele gute Ideen fürs Freiklettern gehabt. Das ist schon cool.

Bis dahin war es aber ein langer Weg: Sie sind schon als Kind zum Klettern gekommen …
… mit meinem Vater. Der war Kletterer bei uns im Frankenjura. Allerdings ein sehr technischer mit Trittleitern und Co. Ich war neun oder zehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal mit ihm zum Klettern gegangen bin. Aber ich konnte diese Art des Kletterns mit Leitern von Anfang an nicht leiden. Ich hatte damals naürlich noch keinen besonderen Ethikgedanken, aber ich wollte einfach von Beginn an ohne Leitern klettern. Mit elf Jahren habe ich erste Vierer- und Fünfer-Touren in den Dolomiten geklettert, mit 13 Jahren bin ich ins Sportklettern eingestiegen.

Was hat Sie damals an diesem Sport fasziniert?
Das Draußensein, die Bewegung. Und natürlich der jugendliche Stolz, wenn du vor so einer großen Wand stehst und die dann klettern konntest. Damals war das für mich ja eine reine Wochenendbeschäftigung, und ich erinnere mich noch, dass ich mich auch mental immer richtig auf diese Samstage und Sonntage vorbereitet habe. Als kleiner Kerl hat man ja auch mal Angst, wenn man vor solchen Wänden steht.



Haben sich Ihre Eltern keine Sorgen gemacht, als die Touren immer extremer wurden?
Anfangs nicht. Doch nach meinem Unfall an der Marmolada, als sie mich im Krankenhaus in Cortina sahen und ich vollkommen entstellt war – statt Haut nur noch Krusten im Gesicht und am Körper trug –, das war für sie schon extrem schwierig.

Was war an der Marmolada passiert?
1974 war ich mit einem Freund nach einer Klettertour in der üdwand beim Abstieg. Es war schon ziemlich spät, das Wetter schlecht und ich trat in der Dunkelheit nicht auf Schnee, sondern dern auf blaues Eis. Ich stürzte 600 Meter in die Tiefe. Weil das Wetter so schlecht war, konnte kein Heli starten, ich musste bis zum Morgen ausharren. Aber die haben sich wohl eh gedacht, wenn einer so tief gestürzt ist, besteht kein Grund mehr zur Eile.

Haben Sie nach dem Sturz darüber nachgedacht, den Bergsport an den Nagel zu hängen?
Nein. Ich habe mir immer gesagt: »Es ist ja im Eis passiert, nicht im Fels.« Und ganz fatalistisch dachte ich: Das ist mir jetzt einmal passiert, das kommt nicht nochmals vor. Aber klar, ein Jahr lang hatte ich immer wieder schlaflose Nächte, träumte immer wieder davon, wie ich da geflogen, geflogen, geflogen war.

Wie haben Sie den Unfall verarbeitet?
Nicht mit Psychologen, eher auf meine Einzelkämpferart. Als ich wieder einigermaßen laufen konnte, bin ich ins Fränkische gefahren und in eine Tour eingestiegen, die ich früher ohne Probleme solo gegangen bin. Da merkte ich, dass gar nichts mehr ging. Ich stand am Fels und hatte Todesangst. Auf der Bank, die am Ausstieg steht, hockte ich über eine Stunde, bevor ich in der Lage war runterzugehen. Aber ehrlich gesagt – die Zeit, die nach dem Unfall kam, war viel prägender für mein Leben.

Sie meinen die Jahre in der legendären WG mit Kurt Albert und Wolfgang Güllich?
Genau. Von 1981 bis 1995 haben wir da zusammengewohnt. Erst Kurt, seine Freundin und ich mit meiner Freundin. Später kam dann Wolfgang dazu, weil er unbedingt ins Fränkische wollte. Schon nach wenigen Monaten hatte sich rumgesprochen, dass wir ein offenes Haus haben in der Moselstraße 7 in Oberschöllenbach. Ständig hatten wir die Crème de la crème des Klettersports bei uns. Jerry Moffat, Kim Carrigan, John Bachar, Ben Moon und Ron Kouk. Bei uns gingen alle ein und aus. Wir hatten oft bis zu 20 Gäste gleichzeitig.

So viele? Wo waren die alle untergebracht?
Ach, überall. Selbst im Keller lagen Leute in ihren Schlafsäcken. Es war stets interessant. Aber auch immer ein mittleres Chaos. Irgendwann saßen da sechs Leute, die keiner von uns kannte. Es stellte sich heraus, dass es Niederländer waren, die in irgendeinem Kletterführer gelesen hatten, bei uns sei alles kostenlos. Ich habe irgendwann eine Telefonkarte gekauft, weil ich keine Lust mehr hatte, jeden Monat hunderte D-Mark für die Ferngespräche zu zahlen, die alle von unserem Telefon aus geführt haben. Am Ende klauten uns Leute, die wir gar nicht kannten, auch Zelte und Seile.

Wie haben Sie dieses WG-Leben für alle finanziert?
Die damalige Freundin von Kurt und ich waren die einzigen, die Kohle verdient haben. Ich habe Wolfgang und Kurt damals immer mal wieder Jobs und auch Sponsoren besorgt. Sonst wäre das alles zu teuer geworden, zwanzig Leute freizuhalten. Aber es war großartig, die besten Kletterer daheim zu haben. Für uns war es ja auch wichtig, uns mit ihnen zu messen und zu sehen, wo wir stehen.

Sie hatten gerade ein Sportgeschäft übernommen und einen normalen Arbeitstag. Nervte die WG nicht manchmal?

Doch, durchaus! Ich war für einige Mitarbeiter verantwortlich, musste mich um die Firma kümmern, und wenn ich abends um 19 Uhr nach Hause kam und mir alle erzählten, welche Züge sie an dem Tag geklettert waren, war das manchmal schon nervig. Oder wenn Wolfgang mich wie jeden Abend direkt in Beschlag nahm, um zu philosophieren. Da habe ich schon gesagt: »Wolfgang, lass mich in Ruhe. Ich muss erst einmal ankommen.«



Kann man sagen, dass Sie der Solideste in der WG waren?
Ja, wahrscheinlich. Ich wollte immer mehrere Pfeiler haben. Nach meinem Unfall war klar, dass ich mit meiner Athletik nicht im Wettkampfgeschehen mithalten konnte. Und so habe ich eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht, die Bergführerausbildung abgeschlossen, eigene Läden geführt, und seit 1985 arbeite ich für Patagonia. Als Jugendlicher denkt man ja oft, man brauche nur das Geld, um den heutigen Tag zu überleben. Aber heute kenne ich viele Sportler, die den Absprung nicht geschafft haben und nun um ihre Existenz kämpfen. Die klassische Abenteurerfalle. Die haben nichts. Keine Familie, kein Haus, keine Rente. So wollte ich nie enden.

Mit Kurt Albert und Wolfgang Güllich verband Sie eine tiefe Freundschaft. Beide sind viel zu früh gestorben …
Ja, Wolfgang und ich hatten sogar ein Grundstück zusammen gekauft, auf dem wir zwei Häuser für uns bauen wollten. Dazu ist es dann leider nicht mehr gekommen. Kurt hat zum Glück noch 18 Jahre länger gelebt. In denen ist er zu meiner absoluten Vertrauensperson geworden. Es ging mit beiden weit über eine Kletterfreundschaft hinaus, wir hatten sehr tiefe Themen.

Vermissen Sie die zwei?
Ja, schon. Es gibt immer mal wieder Situationen, in denen ich mich frage, was Wolfgang jetzt wohl gerade macht. Und wenn ich am Höhenglücksteig unterwegs bin, in dem Kurt verunglückte, bringe ich ihm immer seinen Lieblingswein mit, mit dem ich die Absturzstelle übergieße. Tragisch ist, dass ich bei beiden Unfällen den selben Satz hören musste. Als Wolfgang 1992 im Krankenhaus in Ingolstadt lag, sagte ich zu den Ärzten: »Schaut euch den Kerl an. Puls und Temperatur normalisieren sich schon. Der ist so kräftig, hat so viele Muskeln, der kompensiert das schon.« Da hat mich ein Arzt zur Seite genommen und gesagt, ich solle hoffen, dass Wolfgang bald sterben würde, er sei schon längst hirntot. Ich konnte es nicht fassen! Und denselben Satz bekam ich 2010 in der Klinik in Erlangen gesagt, wo Kurt nach seinem Absturz lag. Das ist einfach Scheiße.

Sie sind seit 50 Jahren Teil der Kletterszene. Gibt es noch so Charaktertypen, wie Sie, Kurt und Wolfgang es waren?
Es soll nicht arrogant klingen, aber nach uns war es tatsächlich viele Jahre flach. Das Frankenjura bekam nach Wolfgangs Tod sogar einen richtig schlechten Ruf. Es hieß, die Kletterer dort seien unfreundlich zu anderen, würden nur unter sich bleiben wollen. Mit Alex Megos gibt es jetzt endlich wieder eine Generation, die stark klettert und offen für andere ist. Was sich auch verändert hat, ist die Welt der Kletter- und Boulderhallen.

Inwiefern?
Naja, da gibt es keinen Kurt Albert mehr mit zerlumpten Klamotten. Das ist eine eigene hippe Szene geworden. Viele von denen wollen ja gar nicht mehr raus an den Fels. Oder ich treffe überforderte Hallenkletterer, die an einfachen Routen draußen scheitern. Ich sage dann: »Wenn ich Euch die Griffe rot und blau anmale, kommt ihr vielleicht hoch.« Immer mehr Menschen schmücken sich auch einfach mit dem Image des Kletterns.
 
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 02/2020. Jetzt abonnieren!