12 Trailrunning-Schuhe im Test | BERGSTEIGER Magazin
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12 Trailrunning-Schuhe im Test

Immer mehr Läufer lassen mittlerweile die Asphaltstraßen hinter sich und suchen die sportliche Herausforderung im Gelände. Trailrunning boomt, auch wegen des Versprechens von Naturerlebnis, Ruhe und frischer Luft. Wir haben deshalb zwölf Trailrunning-Schuhe getestet.
 
Zusammen mit einem Profi-Laufteam haben wir 12 Trailrunning-Schuhe getestet. © Alice Russolo
Zusammen mit einem Profi-Laufteam haben wir 12 Trailrunning-Schuhe getestet.

Eintrittsbarriere? Beinahe inexistent! Wer ein Paar Trailrunning-Schuhe besitzt, den inneren Schweinehund erst einmal besiegt und die asphaltierten Wege hinter sich gelassen hat, wird beim Laufen über Schotterwege, Wurzelpfade und Steige mit Ruhe, Naturerlebnis und meist auch mit gelenkschonendem Untergrund belohnt. Ein abwechslungsreicher Bergpfad fordert koordinative Fähigkeiten und die Fußmuskulatur. Schrittfrequenz, Schrittlänge und Laufstil müssen ständig dem Gelände angepasst werden, was die volle Aufmerksamkeit des Läufers fordert. Das Resultat: Beim Trailrunning schalten viele Menschen nachweislich schneller ab als beim monotonen Dauerlauf auf dem Gehsteig.

Essenziell für den Spaß und die Gesundheit beim Trailrunning ist zweifelsohne der passende Schuh. Wer nur gelegentlich einen kurzen Abstecher in den Wald macht, kommt mit vielen Modellen zurecht. Mit größerer Distanz steigen aber auch die Anforderungen an den Schuh. Je länger der Trail, desto größer wird die Belastung von Mensch und Material. Bei jedem Sportler nimmt mit zunehmender Müdigkeit die Aufmerksamkeit ab. Umso mehr braucht man dann die Unterstützung durch einen guten Laufschuh, wenn Fehltritte oder gar Stürze vermieden werden sollen.

Diese 12 Modelle haben wir getestet

Adidas Terrex Two Boa
Asics Gel-Sonoma 4
Columbia Montrail Rouge F.K.T. II
Dynafit Feline Up Pro
Hoka One One Speedgoat 3
La Sportiva Bushido II
Merell All Out Crush 2
New Balance Fresh Foam Hierro V4
Raidlight Responsiv Dynamic
Salomon Sense Pro 3
Scarpa Spin Ultra
Scott Kinabalu

Die Sache mit der Pronation

Mit Schuhen ist die maximale Pronation (der Fuß dreht beim Aufsetzen um die Achse des unteren Sprunggelenks nach innen) erwiesenermaßen größer als ohne. Weil die meisten Trailrunning- Schuhe durch ihre Dämpfungselemente erhöht sind und die Sohlen breiter als der Fuß selbst, verursachen die größeren Hebel auch erhöhte Pronationsgeschwindigkeiten. Breite Sohlen vermitteln zwar auch Anfängern eine gute Trittsicherheit, gleichzeitig wirken aber bei einem Übertreten größere Kräfte auf die Fußbänder ein. Um die Pronationskräfte aufzufangen, unterstützen die meisten Modelle den Fuß mit so genannten Pronationsstützen. Die Folge ist eine weitere Degeneration der aktiven Fußmuskulatur, weshalb ein regelmäßiges Fußmuskeltraining – zum Beispiel in Form von Barfußlaufen – sehr sinnvoll erscheint.

Eine Frage der Philosophie

Durch die Torsionsfestigkeit (als Torsion wird die natürliche Verdrehung zwischen Vorfuß und Rückfuß bezeichnet) wird die Führung des Fußes beeinflusst. Je stärker die Torsion der Sohle, desto mehr werden die Fußmuskeln gebraucht. Wichtig ist, dass die Torsionsfestigkeit des Schuhs das natürliche Abrollverhalten nicht beeinflusst. Die Torsionsfähigkeit ist für die Fußfunktion besonders wichtig, um ihm die nötige Flexibilität auf unebenem Grund zu geben. Insbesondere bei weniger trainierten Läufern sind die Fußmuskeln durch die gute Dämpfung und Stützung der Schuhe jedoch mittlerweile oft so weit verkümmert, dass sie die Aufgabe des Führens kaum übernehmen können. So erhöhen einige Hersteller wiederum die Torsionsfestigkeit. Der Fuß hat sich dem Schuh angepasst und nicht umgekehrt.

Alles Softies?

80 Prozent der Straßenläufer setzen aufgrund ihrer Lauftechnik im Fersenbereich mit einer Kraft auf, die einem Vielfachen ihres Körpergewichts entspricht. Im Gelände sind die Belastungen dagegen weniger massiv und einseitig. Auch bietet der Untergrund in der Regel mehr Dämpfung, weshalb ein Trailrunning-Schuh weniger gedämpft sein sollte als ein Straßenlaufschuh. Die heute mehrheitlich eingesetzten Dämpfungsmaterialien tragen zwar nicht mehr so stark auf, doch bedeutet ein Mehr an Dämpfung meist immer noch eine größere Standhöhe, die wiederum das Risiko des Übertretens erhöht.



Weil für Trailrunning-Schuhe oft mit weichen und flexiblen Obermaterialien gearbeitet wird, sind Blasen eher selten. Auch die Sohlen sind weicher, weshalb die Fersen kaum scheuern. Im Test jedenfalls vermochte die Mehrheit der Passformen zu überzeugen. Auch gab es kaum nennenswerte Probleme mit dem Fersenhalt. Mittlerweile bieten fast alle Hersteller auch Schuhe an, die über einem speziellen Damenleisten gefertigt werden. Diese sind meist etwas schmaler im Ballenbereich, höher im Ristbereich und schlanker in der Ferse.

Ein gutes Schnürsystem schafft idealerweise einen perfekten Sitz, ohne dass dabei am Fuß Druckstellen entstehen, die Blutzirkulation beeinträchtigt wird, oder die Sehnen scheuern. Gute Schnürungen beginnen im Bereich des Zehenansatzes und reichen bis knapp unter den Rand des Schuhschafts. Je mehr Ösen vorhanden sind, desto individueller kann der Schuh geschnürt werden. Die Schnürsenkel sollten nicht allzu starr sein, weil sich sonst der Knoten schnell wieder löst. Mittlerweile ersetzen einige Hersteller die klassischen Schnürsenkel durch ein einfach zu bedienendes Schnellverschlusssystem. Die so genannte »Speedlace«-Schnürung mit Kunststoff- Verriegelungsschieber (oder »Quicklace« bei Salomon) und das Verstellrad (beispielsweise von Boa) finden wie alle Lösungen Anhänger wie Kritiker. Wer sich für eine klassische Schnürung entscheidet, sollte darauf achten, dass die Schnürsenkel in einer Minitasche verstaut oder unter einem dafür vorgesehenen Band fixiert werden können.

Materialabhängiger Klimakomfort

Das Obermaterial des Laufschuhs sollte man je nach Einsatzzweck auswählen. Wer vor allem im Sommer läuft oder ganz generell stark schwitzt, ist mit wasserdampfdurchlässigen Materialien (z. B. Mesh oder ein offenes Strickmaterial) am besten bedient. Gegen Nässe von außen schützen Membranen am besten. Allerdings lassen diese den abgesonderten Schweiß nur eingeschränkt entweichen, was insbesondere im Sommer und für starke Schwitzer eher unangenehm ist. Außerdem muss man bedenken, dass bei starkem Regen die Nässe nach kurzer Zeit auch über die Socken ins Schuhinnere dringen kann.

Starke Bodenhaftung

Lose Steine, blanker Fels, Erdreich, Wurzeln – beim Trailrunning kann sich der Untergrund oft und in schneller Abfolge ändern, was hohe Anforderungen an die Sohlen stellt. Dieser Tatsache tragen wir Rechnung, indem wir die Trittsicherheit jeweils in einzelnen Kategorien bewerten. Wie viel Trittsicherheit ein Schuh bietet, hängt von der Profilanordnung und -tiefe sowie der verwendeten Gummimischung der Sohle ab. Ein grobstolliges Profil bietet auf Wiesen und Erdreich guten Halt, kann dafür aber auf Fels nicht punkten. Größere Profilabstände fördern hier die Selbstreinigung der Sohle. Wer öfters in anspruchsvollem, alpinem Gelände mit vielen Wurzeln und Steinen läuft, sollte unbedingt darauf achten, dass die Außensohle vorne hochgezogen ist und eine solide Zehenkappe zusätzlichen Schutz bietet.



Eine Faustregel besagt, dass ein funktionierendes Trailrunning-Modell weniger als 300 Gramm, aber mehr als 200 Gramm wiegen sollte. Dies gilt sowohl für alle, die sich dem Trailrunning gerade erst annähern, aber auch für diejenigen, die sich die magische Marathondistanz zum Ziel gesetzt haben. Die leichtesten Schuhe sind für diejenigen, die wenig Distanz zurücklegen und fortgeschrittene Läufer, die auf dem Mittelfuß landen. Wer weitere Distanzen zurücklegen will, eher ein paar Pfund mehr auf die Waage bringt und in Richtung Fersenlauf tendiert, kauft sich besser ein stärker gedämpftes Modell, das ein paar Gramm mehr wiegt. Denn wer am falschen Ort spart, wird auch abseits asphaltierter Laufstrecken sein Läuferglück nicht finden.
 
Claudio Primavesi & Jürg Buschor
 
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